erblühte Etablissement geworden, das habe ich nicht erfahren können. Nur so viel lässt sich einsehen, dass sie, wenn sie ihre Rockenstubengeschichten für Wahrheiten verkaufen wollten, genötigt waren, Mannskleider anzulegen, ihren Diskant zum Bass zu verstellen, und überhaupt das zu scheinen, was sie nie waren.
Das Geheimnis wäre sonach gegenwärtig hier deponiert, und damit hätte das ganze Legat seine vollständige Stiftung erhalten. Die frommen und süssen Seelen werden es ein lästerliches nennen; in meinem Sinne jedoch ist es recht eigentlich eins zu frommen Zwecken.
Den Zufall aber ernenne ich zum Testamentsvollstrecker, und soll es von ihm abhangen, ob und wann dieser letzte Wille eröffnet und die Erbfolge nach demselben angetreten wird. Ich halte sehr viel vom Zufall, seit ich gesehen, welche erbärmliche Fratze die Menschen aus der Vorsehung machen. Es bestimmt mich auch noch ein anderer Grund. Ich weiss, dass im Rachen des Löwen Erbarmen wohnen kann und aus den Krallen des Tigers Rettung gefunden werden mag, dass aber keine Gnade ist bei den Propheten. Bei meinem Leben kommt es daher nicht heraus. Aber, wie ich meiner Nachwelt die Wissenschaft nicht unterschlagen darf, so will ich doch auch die Kunde nicht beschleunigen. Der Zufall verwalte alles und gebe das Zeichen, wann es an der Zeit ist. Denn die Propheten werden auch meinen toten Staub nicht ungerührt lassen, wenn sie erfahren, dass ich ihr Geschlecht entdeckt habe. Von einem derselben weiss ich es wenigstens gewiss.
Die grössten Verfolgungen, geliebte Erben, sind von jeher über diejenigen ergangen, welche im Lehrstuhl, auf der Kanzel, im Staatsrat und im Heerbefehl die alten Weiber ausfindig machten!
Ich bete dich an, Vernunft, Tochter Gottes, Schirmherrin der Männer, Atem der Seele! Ich bete dich an im Geist und in der Wahrheit. Du erschütterst mir Herz und Nieren; führe mich, bleibe bei mir bis an das Ende meiner Tage! – Ein schlichtes, farbloses Gebet, ein Gebet in Knechtsgestalt! Ich will damit auszukommen suchen.
Vorstehendes ist mein letzter Wille ohne Ort und Datum, denn ich wünschte, dass er allerorten und zu jeder Zeit gälte.
Jodocus Zebedäus Schnotterbaum
A.A.L.L.M.
Requiscat anima mea in pace!"
Nachschrift
(Mehrere Jahre später)
Ich erlebte das Ende der Szene nicht. Als bei den bezüglichen Worten des Testaments zuerst ein atemloses Schweigen des Todes im Archive eintrat, dann aber jubel, Hohn, Schreck, Unwille, Entsetzen, Spott, Schimpf, kurz jeglicher Affekt sich in blick, Miene, Schrei Luft machte, und die Doktoren, wie von einem Kernschusse vernichtet, in die Sessel zurücksanken, benutzte ich diesen Moment und entwischte. Mit drei Sprüngen war ich im Etablissement, empfahl dem Knechte mein gepacktes Köfferchen zur Nachsendung, die er auch redlich bewerkstelligt hat, und lief spornstreichs zum Tore hinaus, denn die Sache, das fühlte ich wohl, war hier aus, rein aus. – Auf der Strasse rannte ich an dem Magischen vorbei, den eine finstere Macht fortbewegte. Der gemeine Mann nennt sie den Schub. Er wusste aber noch von seinen Sinnen nichts und hat daher nachmals mit Recht behaupten können, er sei aufgehoben und von dannen geführt worden in der Entzückung.
Später erfuhr ich den weiteren Verlauf der Dinge. Freilich gingen mir darüber zwei ganz verschiedene Berichte zu. Der eine lautete folgendermassen: Sobald nämlich der Magister Schnotterbaum von jenseits zu Ende gesprochen, sei der Gehülfe hinter der spanischen Wand hervorgetreten und dem Testamente mit den Worten: "Ei Mutter Ursel und Bet', sieht man euch so unerwartet hier wieder?" ein gewichtiger Bestätiger geworden. Der Beamte habe hierauf mit seiner immerfort noch steigenden teuflischen Sanftmut und Höflichkeit zu den Propheten gesagt, er für seine person halte das Schnotterbaumsche Testament für einen sarkastischen Scherz des alten bösen Magisters und glaube, dass der fremde Herr Doktor, getäuscht von einer flüchtigen Ähnlichkeit sich irre, indessen gebiete ihm freilich in der Sache allein seine Pflicht, da er zugemessene Befehle habe, das Ereignis in jeder Richtung festzustellen. Es liege auf der Hand, dass selbst in betreff der Wunder viel darauf ankomme, ob sie ein Mann, oder ob sie ein altes Weib erzähle, und da zufälligerweise gerade ein Sachverständiger anwesend sei, so müsse er – zwar mit blutendem Herzen und die beiden Herren inniglich verehrend – sie dennoch ersuchen, sich mit dem fremden Doktor behufs weiterer Veranlassung gefälligst hinter die spanische Wand zu begeben.
Der Beamte habe alles wütenden Widerstandes ungeachtet seinen Willen durchzusetzen gewusst und nach einer Viertelstunde sei von dem Gehülfen aus Würzburg auf dessen Ehre und Gewissen das Gutachten abgestattet worden, dass der Magister Schnotterbaum mit keiner Lüge belastet das Zeitliche gesegnet habe.
Nach dem zweiten Berichte war alles mit der Publikation des Testaments vorbei. Die aufgeregten Affekte gingen in ein schallendes Gelächter über; der Gehülfe trat lachend hervor und konnte vor lachen kein bestimmtes Wort über die Anerkennung oder Nichtanerkennung der Helden dieses Tages aussprechen. Das Gelächter war so ansteckend, dass der alte drollige Kernbeisser endlich selbst mit einstimmte und rief: "'s ist der ausbündigste Schwank, der zu erdenken gewesen, beweist aber nichts gegen das Zwischenreich." – Diese allgemeine Heiterkeit des Ausgangs soll um so anmutiger gewesen sein, als, wie versichert wird, der Beamte auch in diesen Momenten seinen wahren oder angelegten unzerstörlichen Ernst beibehalten hat. Von Untersuchung hinter der spanischen Wand keine Rede.
Indessen verfehlte das Testament des Magisters nicht, seine wirkung nachhaltig zu äussern. Denn