, bettelhaften Gestalt. Wenn ein Reich durch die Dummen und Memmen gestürzt und durch die Klugen und Tapfern gerettet worden, so beginnt einige Tage nach der Rettungsstunde ganz sicherlich die herrschaft der Dummen und Memmen wieder. Wenn es Millionen Male vorkam, dass die Sklaven ihre Herren beraubten und ermordeten und nur die Treue des Freien fromm-schützend die Hand über Gut und Haupt des Gebieters hielt, so stellt sich die alte Liebhaberei für Sklaven jederzeit wieder ein, und wenn der menschliche Geist endlich auf den Punkt gediehen zu sein schien, die Geisterwelt im Geist zu erfassen, so ragt unversehens das verjährte, jämmerliche, krüpplichte Zeichen-, Wunder- und Gespensterwesen, der müffigste mystische Trödel in die nur scheinbar befreit gewesene Welt herein.
Empfanget in der Erläuterung dieser letzten Worte, meine teuren Erben, die Bestätigung durch das eminente Exempel. Wir haben die Reformation gehabt und demnächst eine grosse Philosophie und Literatur. Wir glaubten, endlich dahin gekommen zu sein, Fetische, Amulette, Poltergeister und andern Polterkram für abgeschafft erachten zu dürfen. Endlich meinten wir, dahin wenigstens gekommen zu sein, das Empyreum sowohl als den Hades nur in der adäquaten Sphäre des aufgeschlossenen menschlichen Bewusstseins wirkend zu erblicken und in dessen äusserem leib, in der geschichte. Aber mitnichten. Im neunzehnten Jahrhundert rühret sich plötzlich wieder das erstunkene, erlogene, sichtbar-unsichtbare Gelichter; die gespenstischen Weinschrötter, Kellerasseln und Grabwürmer kriechen aus ihren Löchern, der heilige Name Gottes und des Menschensohns wird in diesen ekelhaften Stank und Dampf hineingerufen, die Mysten und Epopten, den Narren oder den Schalk im Busen, verdrehen die Augen und entblöden sich nicht, Worte des ewigen Lebens ihren Faseleien an die zerrüttete Stirn zu setzen. Der Bauch der Vetteln soll plötzlich mehr wissen, als das Haupt und das Herz der Weisen, und alles dieses Zeug, dieser Wasch und Klatsch, wofür man ebensowohl Prätorii 'Wünschelrute', Erasmi Francisci 'Höllischen Proteus' und den 'Vielförmigen Hinzelmann' als Gewährsleute anführen könnte, wird von einem nicht unzahlreichen Pöbel aller Stände geglaubt und sanftselig weiter verbreitet.
'Ei', werdet ihr, meine Erben, sagen, 'was für ein schlechtes Legat hinterlässest du uns? So stehen ja die Hexenprozesse vor der tür.' Geduld, ihr Teuren! Es ist allerdings sehr möglich, dass unsere Enkel abermals Hexenprozesse erleben, indessen ganz nahe stehen sie doch noch nicht bevor, und zwar von wegen des unglaublichen Geheimnisses, welches mit dem eminenten Exempel verbunden ist. Ihr wisst, liebe Erbgenahmen, dass die Herren Doktoren Eschenmichel und Kernbeisser, welche hauptsächlich den Geistertrödel in schwunghaften Betrieb gebracht haben, von der Welt für gelehrte und würdige Männer gehalten werden, und für Männer haltet auch ihr sie wahrscheinlich. Wenn es nun aber an den Tag kommt, was mir bekannt ist, dass dem nicht so sei, so kann es kaum fehlen, dass die dämonischen Geschäfte in einigen Verruf geraten, die Sache, bildlich zu reden, eine Posse wird, und unsere Nachkommen vielleicht doch in den nächsten dreissig Jahren noch vor der Rückkehr der Hexenprozesse bewahrt bleiben.
Meine teuren Erben, die Herren Doktoren Kernbeisser und Eschenmichel sind nicht männlichen Geschlechts.
Auf einer meiner Streifereien, die ich unternahm, um mir mein Bettelbrot zu verschaffen, kam ich durch eine Stadt, worin sich ein weltberühmtes Spital für Alte und Sieche befindet. Es ist eine geraume Reihe von Jahren her. Ich liess mir die Anstalt zeigen und durchwanderte die langen Reihen der alten Männer und Frauen, welche ihre letzten Tage da zubrachten. Wie es nun wohl zufällig kommen kann, dass sich unserem geist die Gestalt eines Baumes, Felsens, Hauses untilgbar einprägt, so wollte es der Zufall (denn es sei ferne von mir, diese geschichte irgend romantisch aufzuschmücken), dass mir zwei alte Frauen, welche von den ändern sich gesondert hielten und sehr eifrig miteinander verkehrten, besonders auffielen. Es war weiter gar nichts Merkwürdiges an den beiden Alten. Gewöhnliche alte Weiber, wie es deren Tausende gibt, aber ihre Statur und Physiognomie machte dennoch einen unauslöschlichen Eindruck auf mich, so dass mir gleich damals klar wurde, ich würde sie wiedererkennen, wo und wann ich sie jemals sähe.
Nach einigen Jahren und mehreren Schicksalen gelangte ich in dieses unser Städtlein, entschlossen, hier nunmehr für Lebenszeit zu rasten. Ich hörte sogleich von der Anlage und von dem Fortgange des Kernbeisserschen Etablissements und erbat mir natürlich unverweilt Zutritt zu dieser grössten Sehenswürdigkeit des Ortes. Allein wie wurde mir, geliebte Erben, als mir der Herr der Anlage mit seinem Freunde entgegentrat! Ich meinte, der Boden schwanke unter meinen Füssen und das Haus tanze mir vor den Augen, denn man mag auf alles gefasst sein, wenn man zu frommen Wundertätern geht (sie haben uns an vieles gewöhnt); allein darauf ist man nicht gefasst, in zwei Männern der höheren Welt zwei alte Weiber wiederzuerkennen.
Ja, meine Erben, es ist ausgesprochen, das grosse Wort des Rätsels. Wenn die natur nicht das nur von Komödienschreibern erfundene Spiel der Menächmen nachahmt, wenn sie, die unerschöpflich erfindende Göttin jedem Exemplare, welches sie aus der Form wirft, einen Zug besonderer Ausstattung mitgibt, so habe ich mich nicht irren können, lebe vielmehr und will sterben in der Überzeugung: Die Herren Doktoren Kernbeisser und Eschenmichel sind zwei alte Weiber, die ich vor längerer Zeit im Juliusspitale zu Würzburg gesehen habe.
Wie und wann sie aus demselben entkommen, auf welche Weise ihnen der Gedanke an das unter ihren Händen