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Herzen pochten vor Unruhe. Der Schreiber ging, suchte, warf erst einige gebräunte Hefte aus dem Fache, dass eine Wolke Staubes aufstieg, zog dann ein vergilbtes Kuvert hervor, und las mit vernehmlicher stimme dessen Aufschrift ab, welche also lautete: "Hierin ist entalten der letzte Wille Jodoci Zebedäi Schnotterbaums, lebzeitig Magisters der Freien Künste, aus Hall in Schwaben bürtig.

Dem ernannten Exekutor, dem Zufall, wird die Publikation übertragen."

Ein allgemeines: "Ah!" der befriedigten Erwartung wurde hörbar. Eschenmichel sass wie ein Triumphator auf seiner Bühne, Kernbeisser wurde immer bleicher, je deutlicher sich der Sieg auf die Seite des Wunders neigte.

Ein grosser schwarzer Rabe kam in diesen Augenblicke in das Archiv gehüpft und auf den Tisch, an welchem der Beamte sass. Er setzte sich zutraulich vor ihn hin und blickte wie ein Eingeweihter nach den Taumaturgen. "Sieh! Sieh! mein alter Claus, du Unglücksvogel, was willst du hier?" sagte der Beamte und streichelte den rücken des zahmen Tieres, welches seinem Herrn überallhin folgte. Die Siegel des Testaments wurden gleichfalls als unverletzt anerkannt, der Schreiber brach sie auf Befehl und hob, deutlich, dass niemandem ein laut entging, folgendermassen zu lesen an:

Zwischenbetrachtung des Erzählers

– O Menschenschicksal! Menschenschicksal! An welchen jähen Abgründen taumelst du wie ein Nachtwandler hin! Durch das goldene Tor von Byzanz träumst du, zu schreiten, dem Pfauentrone des Moguls in Delhi wähnst du, dich zu nähern, da tönt der weckende Ruf, und du liegst zerschmettert unten, herabgestürzt von der Firste des Dachs, über welche du bewusstlos klettertest! Wie hatte Kernbeissers Blässe recht, wie hatte der schwarze Rabe recht, wie hatte ich recht, als ich von der Möglichkeit eines dritten Falls reden wollte!

Das Testament des Magisters Schnotterbaum entielt folgende Bestimmungen und Aufschlüsse.

"Da der Tod eine gewisse, Zeit und Stunde desselben aber eine ungewisse Sache ist, so habe ich mich entschlossen, bei allbereits merklicher Abnahme meiner Kräfte, jedoch völlig gesundem verstand meinen letzten Willen aufzurichten. Ich habe immer zu den Leuten gehört, welche auf Erden ihren Willen nicht haben sollten, aber meinen letzten will ich haben und durchsetzen.

Blutarm bin ich in die Welt gekommen, blutarm bin ich auf derselben gewallt und blutarm werde ich sie aller Wahrscheinlichkeit nach verlassen. Aber ein Testament darf auch der Ärmste machen, und daran kann ihn kein Tyrann verhindern. Ich hoffe nicht missverstanden zu werden, wenn ich daran erinnere, dass des Menschen Sohn, welcher nicht hatte, da er sein Haupt hinlegen sollte, ein Testament errichtete, aus welchem die Geschlechter zweier Jahrtausende Erbgenahmen worden sind. Diesen Menschensohn, genannt Jesus der Christ, habe ich zeitlebens liebgehabt, aber ganz in der Stille; nicht wie Regan und Goneril ihren Vater liebten, sondern gleichsam à la Cordelia, oder da ich generis masculini bin, à la Cordelius. Ich wurde deshalb für einen bösen Christen und Ateisten gehalten, welches ich mir wohl gefallen lassen konnte, da ich die Liebe der Regans, Gonerils, der Edmunde und Cornwalls an ihren Früchten erkannte.

Ich besitze an zeitlichen Gütern drei Stücke, nämlich meinen sterblichen Leichnam, eine natürliche Tochter und einen alten von mir durchaus zerlesenen Juvenal, Göttinger Ausgabe von Vandenhoeck vom Jahre 1742. Über meinen Leichnam eröffne ich die Sukzession der Aszendenten, vermache ihn nämlich der Mutter Erde, und mag er zusehen, wie er darin zu seiner Auferstehung kommen will; vorderhand wünsche ich, zu schlummern. Meine natürliche Tochter vermache ich ihrer Nähterei, welche ich sie habe mit allen Feinheiten dieser Kunst erlernen lassen. Um meinen Juvenal sollen die Hauptstädte der Welt würfeln, und welche die niedrigsten Augen wirft, ihn haben und behalten als immerwährendes Fideikommiss.

An ewigen und unzeitlichen Gütern besitze ich eine grosse Wahrheit und deren Bestätigung durch ein eminentes Exempel, welches wieder mit einem unglaublichen Geheimnisse zusammenhängt. Diesen Zusammenhang von Wahrheit, Exempel und Geheimnis verlasse und vermache ich allen Leuten von gesunder Vernunft. Da die genaue Bezeichnung des Erben zu den Hauptstücken eines gültigen Testaments gehört, so merke ich hier an, dass unter den titulo honorifico Bedachten nicht gemeint sind: 1. die sogenannten grossen Köpfe 2. die edlen Charaktere 3. die bedeutenden Menschen 4. die gefühlvollen Seelen 5. diejenigen, welche man

a. die Hochverdienten, oder

b. die Allverehrten und Allgeliebten nennt; sondern meine Erben sollen sein die Leute von gesunder Vernunft, eine leider neuerdings nur zu sehr herabgekommene und unscheinbar gewordene sekte.

Denn die Vernunft, welche ich meine, bietet ihren Anhängern nur Armut und Nichtachtung, sie selber geht auch nicht in Sammet und Seide, sondern in einem schlichten weissen Gewande. Puffen, Bänder und Schmelz fehlen ihrem Anzuge ganz, auf den Wangen brennt ihr nicht die bei den meisten beliebte hektische Röte, sondern die reine Farbe der Gesundheit steht auf denselben, die für den verwöhnten Geschmack zu derb und frisch ist; kurz, sie hat nichts, was reizen und verführen kann.

Die grosse Wahrheit, welche ich besitze, ist: dass es keine Tollheit, keinen noch so verrückten Sparren und keine Einfaltspinselei gibt, welche jemals wirklich stürbe unter den Menschen. Vielmehr ist das Abtun der allergreulichsten Irrtümer immer nur eine Scheintötung und sie leben zu gehöriger Zeit stets wieder auf, nicht etwa mit gewechselter Garderobe, o nein! in solche Unkosten setzt sich ihr König und Oberfeldherr nicht, sondern, wie sie waren, erstehen sie wieder und in der alten, elendigen