Sache sein", dachte ich. "Vielleicht bekommst du auch etwas ab."
Über dem Schlüselloche der Archivstube lagen Papierstreifen mit Siegeln, diese wurden für unverletzt erkannt und sodann hinweggenommen. Der Beamte liess die stube öffnen; wir nahmen den staubigen Schränken und Repositorien gegenüber Platz. Für Kernbeisser und Eschenmichel waren auf einer Erhöhung in der Mitte des Gemachs zwei eilig herbeigeschaffte Ehrensessel hingestellt worden. So sassen sie denn, allen Blicken sichtbar, über uns andere erhöht, da.
Indem ich mich zufällig während dieser vorbereitenden Handlungen umwandte, sah ich jemand in unserem rücken durch die offene tür herein und hinter eine spanische Wand schlüpfen, welche zunächst der tür stand. Da ich etwas neugierig bin, benutzte ich einen Augenblick, in welchem ich mich für unbeachtet halten durfte, um mich auch hinter der spanischen Wand umzusehen. Zu meinem allergrössten Erstaunen aber fand ich hinter derselben einen Bekannten, den ich auf der Stelle mir erinnerlich zu machen wusste, nämlich – den Gehülfen aus dem Würzburger Juliusspital, mit dem ich mich über die "Seherin von Prevorst" und die beiden entlaufenen alten Weiber unterhalten hatte. Ich wollte meiner Verwunderung durch einen Ausruf Luft machen, der Gehülfe hielt mir aber den Mund zu und sagte: "Erregen Sie kein aufsehen, die vorseiende heilige Handlung darf nicht gestört werden, ein Zufall führt mich auf dieser meiner Reise durch Weinsperg, und es war wohl natürlich, dass ich ein Zeuge des merkwürdigen Ereignisses zu werden wünschte, von welchem ich, sobald ich im wirtshaus abgetreten war, zu hören bekam. Was den Umstand betrifft, dass ich hier hinter der spanischen Wand zuzusehen, oder vielmehr zuzuhören wünsche, so ist dieses letztere eine Liebhaberei von mir, die sonder Zweifel zu den völlig unschuldigen gehört."
Ich weiss nicht, welcher abermalige geheime Einfluss mich trieb, nach dieser Entdeckung türwärts zu schleichen, um in das Freie zu entgleiten. Der Mensch ist dunkeln, unerklärlichen Anstössen so häufig unterworfen. Aber zwei Türsteher wiesen mich zurück und sagten: "Niemand darf das Gemach verlassen, bis die Handlung vorbei ist." – "Ei! Ei!" dachte ich, "werden die Geistersachen nun mit solcher polizeilichen Strenge behandelt?"
Der Beamte hatte inzwischen der Versammlung ihren Anlass in einer bündigen Rede auseinandergesetzt, und forderte eben, als ich zu dem erhöhten Sitze der beiden Doktoren der Geisterwelt zurückkehrte, diese auf, das Fach zu bezeichnen, worin das Testament des seligen Magisters Schnotterbaum nach dessen Angabe liegen solle. Eschenmichel gab mit herzhafter stimme das Fach an. "Nun merket wohl auf, meine Mitbürger", sprach der Beamte. "Liegt das Testament des verstorbenen Magisters, so wie behauptet wird, in dem Fache S unter verschiedenen nicht mehr brauchbaren und staubigen Papieren, so habt ihr ein Wunder, mit Händen zu greifen. Denn selbst seine Tochter, die tugendsame, durch die beiden Herren so zweckmässig behandelte und nun in der Ewigkeit versierende Jungfer Anna Katarina Schnotterbaum wusste von dem Aufbewahrungsorte nichts, weil ihr seliger Vater ihr denselben keinesweges entdeckt hatte. Er war vielmehr nur zweien Menschen auf Erden bekannt, dem Testator und mir, dem der alte Schäker einstmals in einer Weinlaune das versiegelte Papier eingehändiget hatte, ohne gleichwohl dessen Inhalt mir zu offenbaren. Es sind also nur zwei Fälle möglich. Entweder muss ich mit den beiden Herren unter der Decke gespielt, und ihnen den Ort verraten haben, oder er ist durch den Geist des Magisters aus jener Welt heraus kundgetan. Der dritte Fall lässt sich nicht gedenken –"
"Wenn ich reden dürfte –" sagte ich, von neuem durch geheimen Anstoss hingerissen.
"Nein, Herr von Münchhausen", sprach der Beamte mit Ansehen, "Sie dürfen hier nicht reden. Sie sind ein Ausländer und haben bei uns keine stimme." Er warf einen so bezeichnenden blick auf sein Dienstpersonal, dass der innere Impuls, weiter zu sprechen, plötzlich in mir verschwand. "Wissen Sie einen dritten Fall, meine Herrn?" fragte er Kernbeisser und Eschenmichel. "Ich bin überzeugt, dass es Ihnen nur um Wahrheit zu tun ist."
"Nein", versetzte Eschenmichel mutig. "Nein", erwiderte Kernbeisser schüchtern.
"Wisst ihr einen dritten Fall, versammelte Schwaben?" rief der Beamte in das Publikum hinein. – "Nein!" war die einstimmige Antwort der Menge. – "Glaubt ihr, dass ich den beiden Herrn Doktoren die Sache gesteckt habe, dass die Polizei ein falsches Wunder hier verfertigen hilft?" – Abermaliges stürmisches Nein.
"So wäre also der Tatbestand mit völliger Gewissheit hergestellt, und nur der Geist des Magisters kann den beiden erleuchteten Männern die Notiz haben zufliessen lassen", sagte der Beamte. "Wir werden aber unter solchen Umständen, und da noch im Jenseits, in dem land, wo alle Täuschung schwindet, von dem Testamente Rede gewesen ist, seinem Inhalte die allerernsteste Beachtung zu widmen haben. Gewiss erlebt die Taumaturgie heute einen hohen Triumph. Wie beklage ich, dass ich für ihre würdigsten Priester die Ehrensessel bei dieser erhabenen Feier nur auf dasjenige Gerüst stellen lassen konnte, von welchem herab wir leider mitunter auf dem Markte andere Personen dem volk zeigen müssen. Der Herr Doktor Eschenmichel brachte uns aber die Dämonophanie zu rasch über das Haupt, und so mussten wir in der Hast zu jener allerdings standeswidrigen Vorrichtung greifen, weil keine andere im Augenblick zu ermitteln war."
Er gab einem Schreiber den Befehl, im Fache S nachzusuchen. Aller