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, Luft und Licht wissen nicht mehr, wo aus oder ein? Die Schwere hat sich auf den Fuss der Leichtigkeit gesetzt und die Materie ist unter die Husaren gegangen. Zentripetal- und Zentrifugalkraft spielen miteinander Kämmerchenvermieten, die Farben klingen und die Töne leuchten, der Nervengeist aber fliesst wie eine grosse Brühe überall umher. In einer so durcheinandergeworfenen natur hält kein Element mehr Stich. Der Dämon besitzt also gar kein sicheres Transportmittel mehr zu seiner Beförderung, dazu rappelt es, rutscht es, quietscht es ihm beständig vor seinen Augen von andern Poltergeistern, so gerät er denn in Ärger, wird in seinem Ärger wieder gottlos, und die Vorsehung selbst kann an ihm ihr Exempel nicht lösen."

Nach dieser meiner Rede in gutem Deutsch blieben die beiden Taumaturgen lange stumm, ernsten Betrachtungen hingegeben. Engel hatte sich gleich nach dem "Pöpöbelö" entfernt. Endlich sagte Eschenmichel: "So könnte es also dahin kommen, dass die Magie sich selbst aufhöbe. – Tun wir nicht besser, innezuhalten und die Sache bei dem Bisherigen bewenden zu lassen?"

"Nein vorwärts!" rief der Schneider. "Vorwärts!" wiederholte Kernbeisser, der mit Eschenmichel die Rolle getauscht zu haben schien und seit dem Eingreifen des Engels ebenso kühn und leidenschaftlich sich bezeigte, als er früher bedenklich gewesen war.

"Vorwärts!" sprach zu unserer aller Erstaunen auch der Dämon aus der Schnotterbaum mit dumpfer stimme. "Ich werde' der sache' ein ende' machen und mich selbst erlösen, Nächstkünftigen Mittwoch soll's geschehen."

X.

Tatsache: in Gegenwart der Polizei erscheint weder

Dämon noch Engel

Ein Zwischenfall, der sich an einem der folgenden Tage ereignete, wandte auf einen Augenblick unsre gespannten Erwartungen von dem nächstkünftigen Mittwoch ab. Mit dem wachsenden Flor der Schnotterbaumschen Wunder hatte sich nämlich das Etablissement nach und nach wieder zu bevölkern angefangen. Zuerst war der Gergesener aufs neue grunzend geworden, dann kehrten mit den Hellseherinnen die drei Geister und zwei Geistinnen zurück, nur die zweite Hälfte des Kindsgeistes musste sich verirrt haben, denn sie blieb aus. Unser Lager war demnach wieder vollständig assortiert, und wir taten uns nicht wenig auf unsern Reichtum zugute.

Aber nicht bloss bei uns herrschten die besten dämonischen Umstände, auch über das ganze Städtchen hatte sich der Segen ergossen. Es gab in ganz Weinsberg fast kein Haus mehr, worin es nicht spükte; ein Poltergeist begann, sozusagen, zur Einrichtung einer ordentlichen Wirtschaft zu gehören. Darüber kamen nun freilich manche Geschäfte in Stockung, denn zur Dämmerungsstunde wollte niemand mehr gern allein wohin gehen, weil trotz des Gewöhnlichen, welches die Sache erhielt, die Furcht noch immer den Sinn der Menschen befing. Ausserordentliche Dinge erzählte man sich; so sollte zum Beispiel in der Teufelsschmiede den glaubwürdigsten Nachrichten zufolge der Hammer, womit der Schneider den Dämon zuerst auf dem Ambosse bearbeitet hatte, noch immer im Hämmern begriffen sein ohne Arm, der ihn regierte, recht wie der Hegelsche Gott in der geschichte.

Wie nun das Heilige stets, bevor es selbst zu weltlicher Macht gelangt, dem arme der weltlichen Obrigkeit verfällt, so geschah es auch hier. Die Behörden nannten in ihrer rohen Weise das Hereinragen der höheren Welt in die Gassen von Weinsberg einen lästerlichen Unfug, und ihre Hand begann drückend über dem Wirken und Weben der zarten Sphäre zu lasten. Bei zehn Gulden Strafe wurde verboten, einen Geist zu sehen, geringere Leute, die sich dessen unterfingen, sollten mit bürgerlichem Arrest gebüsst werden. Hart lag der Druck über Dschinnistan; der Hammer hämmerte nur noch bei Nacht, wo niemand ihn hörte.

Auch dem Etablissement war ein Besuch der Polizei angekündigt worden und nicht lange dauerte es, so erschien der Beamte. Der Schneider hatte uns allen aber Mut eingesprochen chen, wir erwarteten daher gefasst jenen Boten der Gewalt. Auch war dessen Persönlichkeit ganz geeignet unsere Zuversicht zu steigern. Wir sahen in ihm einen noch nicht bejahrten Mann von gefälligem Äusseren erscheinen, der sein Kommen sozusagen entschuldigte und um Verzeihung bat, dass er den Befehl der Oberen ausführen müsse. "Glauben Sie mir, meine Herren, dass ich den Kreis Ihrer verehrungswürdigen Bestrebungen aus eigenem Antriebe nie stören würde", sagte der höfliche Beamte. "Die Polizei darf keine Feindin der Wunder sein, sie muss selbst jezuweilen Wunder tun, muss Dinge sehen, die niemand sonst sieht, zum Beispiel Verschwörungen gegen Tron und Altar und was dergleichen mehr ist. Also nur ein weniges Übernatürliches, meine Herren, während ich anwesend bin, und ich will zufrieden sein und weit mehr glauben."

Die Schnotterbaum lag entkräftet auf dem Bette, warf dem Beamten aus ihren matten Augen einen sonderbar lächelnden blick zu und sagte: "Ich kenne Sie recht wohl." – "Und ich Sie auch, Jungfer Schnotterbaum", versetzte der Beamte. "Ich habe mich hin und wieder mit Ihrem seligen Herrn Vater sehr angenehm unterhalten, obgleich seine Grundsätze nicht in allewege die meinigen sein durften. Wenn ich nicht irre, so beruht auch noch in unserem Archive –"

Hier unterbrach ihn der Magische, welcher die Zeit kaum erwarten konnte, eine probe seiner Gaben abzulegen, rief: "Jetzt wollen wir einmal dem Herrn den Glauben in die Hand geben!" tat das, was ich von ihm schon mehrere Male berichtet habe, sich mit Kraft zu salben, und begann das taumaturgische Werk. Aber die Schnotterbaum blieb ruhig liegen, sagte mit ihrer natürlichen, nicht mit der dämonischen stimme hin und wieder: "Was