1836_Immermann_045_144.txt

man muss nicht verzagen." – Das Verhör nahm folgendermassen seinen Fortgang. MAGISCHER SCHNEIDER: Hastu was vom Teufel erfahren? DÄMON: O ja, die ganze Wahrheit. ESCHENMICHEL: Wie sieht der Teufel aus? DÄMON: Er hat auch kein Aussehen nit. KERNBEISSER: Wie denn so? DÄMON: Er ist auch nix. Er ist auch dummes Zeug. MAGISCHER SCHNEIDER mit fürchterlicher Gebärde: Bistu denn kein Grobschmidt nit? DÄMON zitternd: Ach wohl bin ich der, aber von Höll' und Teufel denke' ich just wie der Magister Schnotterbaum. "'s ist klar! 's ist klar!" rief Kernbeisser, "der Grobschmidt kann sich von den Erinnerungen, Gedanken und Zweifeln des Magisters noch nicht losreissen!" – Dürr fluchte und wetterte, dass man die Nücken des Zwischenreiches nie auslerne. – "Das ist ja eben das Erhabene und Göttliche", sprach Eschenmichel mit Salbung, "dass in diesem Gebiete sich immer tiefere Tiefen austiefen, und unter dem Abgrunde der Abgrund gründet. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind zu gleicher Zeit zwei Geister in die Schnotterbaum gefahren, der Grobschmidt und der Magister; diese haben sich nun in ihr unauflöslich miteinander verwickelt und verschlungen und verknotiget, so dass man nicht mehr weiss, wo der Schmidt anfängt und der Magister aufhört. Demnach tritt denn der grossen und merkwürdigen Erfahrung, die wir an dem halben Kindsgeiste haben, diejenige nicht kleinere und unmerkwürdigere Tatsache symmetrisch entgegen, welche wir hier erleben, nämlich, dass im Zwischenreiche auch eine völlige Konfusion der Geister möglich ist."

Nach dieser tiefsinnigen Bemerkung bat ich um die Erlaubnis, allein mit der Schnotterbaum reden zu dürfen, welche mir auch gegeben wurde, da niemand Lust bezeigte, das Verhör jetzt fortzusetzen, und der Dämon daher, seines Zwanges entledigt, aus dem Halse wieder in die Magengegend hinabsank, wie unsere Kranke sagte. Als die andern das Zimmer verlassen hatten, befragte ich sie, ob sie mir nicht den wunderbaren Vorgang erklären könne. "Ach", versetzte sie weinend, "ich lebe in grosser Qual. Ich werde von Tag zu Tag schwächer, und sehne mich inbrünstig nach meiner Nähstub', und nach meinem sonnigen Platz unter den Rebstöcken, da meine ich, würde mir gleich wieder wohl werden bei Hohlsaum und Doppelnaht. Nun weiss ich freilich wohl, denn die Herren und der Dürr sagen es mir ja täglich, dass dieses schwache und sündliche Gedanken sind. Wer einmal ein Gefäss der Wunder ist, muss aushalten, und so will ich denn auch, ich armer, elendiger Mensch.

Ich denke' den ganzen Tag über an die Gottlosigkeiten (der Himmel verzeihe mir, dass ich so sprechen muss!) meines seligen Herren Vaters, und da ich ein sehr gutes Gedächtnis von jeher gehabt, und daher nichts vergessen habe, was mir von demselben zu Ohren gekommen ist an lästerlich-leichtfertigen Sachen über Bibel und Christentum, so drängt sich das alles nun jetzt zuhauf in mir empor, und die Sachen werden laut in mir, die ich so sehr verabscheue. Und da der Grobschmidt, den ich bei mir führen soll, von nichts weiter in mir hört, als von diesen Magistersünden, so mag es wohl daher kommen, dass in den schrecklichen Abendstunden, wo der Dürr und die beiden Herren ihr schweres Werk mit mir beginnen, wo ich zwischen Beten, Singen, Ausfragen, Faustdrohen, Anschnarchen und Anbrällen nicht weiss, wo mir der Kopf steht, wo es mir grün und gelb vor den Augen wird, meine Sinne sich verwirren und ich wie im hitzigen Fieber rede –"

"Wie? Jungfer Schnotterbaum?"

"Ach, ich bitte Sie, mir das unbedachte Wort nicht übelzunehmen und es ja nicht den andern Herren zu verraten. Nein, ich wollte vielmehr sagen, wo, während ich im hitzigen Fieber liege, das Ding in mir zu reden anfängt, dass dann, sage ich, der Grobschmidt auch nur Magistersachen zu sagen weiss, und der Affe des Magisters ist. Eine Erklärung kann ich Ihnen nicht geben." – Was war damit erklärt? Die Auslegung erschien doch gar zu dürftig. Und so blieb dieses grosse Rätsel der Geisterwelt ungelöst.

Wurde sogar mit jedem Tage dunkler. Befragten wir nämlich den Grobschmidtsdämon, ob er sich der Vorfälle aus seinem Erdenleben wohl noch erinnere, so antwortete er: O ja, er wisse die Stunde noch ganz genau, da er im Stift zum ersten Male lateinische Stunde gegeben. Erkundigte man sich, was ihm in gegenwärtiger Zurückgezogenheit am leidesten tue, versetzte er, dass er seinen Juvenal nicht bei sich habe.

IX.

Tatsache: die Erlösung eines Dämons hängt von

tausend Zufälligkeiten ab

Obiger Satz ist aus Eschenmichels Diario abgeschrieben, der gleich mir seit dem ersten Tage dieser magischen Behandlung genau Buch führte. Wir hatten uns in die Schriftverfassung geteilt. Ich brachte die historischen Tatumstände zu Papier, und er zog aus denselben die übernatürlichen Folgerungen. Nun merket das neue Wunder! Ohne dass wir vor dem Schreiben uns besprachen, passte jederzeit seine Folgerung auf mein Faktisches wie ein Handschuh auf den andern. Daraus ist zu schliessen, dass diejenigen, welche von der höheren Welt berichten, unter dem Flügelschlage der Inspiration schreiben, erhaben über alle Kritik.

Eschenmichel sagte am dreissigsten Oktober: "Lasst uns, da mit diesem halbschlächtigen geist sonst nichts zu beginnen ist, jetzunder an seine Bekehrung gehen." Kernbeisser entgegnete: "Wolltest du, Bruder, mich nicht lieber die Schnotterbaum