1836_Immermann_045_142.txt

abend geschah, einmal wieder tapfer anfüllte, war auch meine Begabung in ihrem vollen Flor wieder beisammen. Ich weiss nicht, wie ich in diese wüste Gegend, und zwischen diese Trümmer geraten bin, ausser, dass es mir wahrscheinlich ist, durch übernatürliche Führung hineinbefördert zu sein. Heute in der Frühe nun, sobald ich die Augen aufschlug, stand er vor mir dort an der Esse, russig, das Schurzfell vorgebunden, wollte grob sein, fragte, was ich in seiner Schmiede tät', ich sollte mich 'naus scheren –"

"Wer?" fragten wir alle.

"Wer? Wer sonst, als der Grobschmidt, der hier umgehen tut? – Aber ich nahm ihn wacker zusammen, sagt', ob er nicht wiss', dass ich der Dürr sei, schmiss ihn auf seinen eigenen Amboss, und arbeitet' ihm mit dem Hammer so lange auf die luftigen Knochen los, bis er klein beigab, zu winseln begann, mir seine verborgene Missetat bekannte und auch schon einige Lust, erlöset zu werden, spüren lässt. Nur sei hier der rechte Ort nicht, den Heilsweg zu betreten, es sei hier oben zu einsam, er müsse mehr unter Menschen, sagte er."

"Wo ist er?" fragten die Strassenjungen. "Ich will ihn euch zeigen", rief der Magische, packte den grössten Jungen bei den Haaren, stiess ihn mit der Nase auf den Amboss und rief:

"Siehst ihn nun?"

"Ja, ja", schrie der Knabe, dem das Blut aus der Nase drang, "ich sehe ihn." Die andern Jungen versicherten zitternd, sie sähen ihn ebenfalls, ich hatte ihn von Anfang an gesehen, sobald der Magische ihn nur genannt hatte, ob der Nachbar ihn gesehen, weiss ich nicht. – "Mit der Nas' muss man diese ahitophelschen, antichristischen zeiten auf die Geister stossen, sonst sind sie blind bei sehenden Augen!" rief der Magische.

Er horchte nach dem Ambosse hin, rief dann: "Willst wandern und dir Quartier suchen? Wohl, voran! Sa sa, nur voran! Immer voran! Darin muss man euch freie Hand lassen." – Er schritt, die Glieder ekstatisch reckend und schüttelnd, zur Trümmerschmiede hinaus, mit starren Blicken dem Grobschmidt folgend, der durch die Lüfte voranflog. Es war so dunkel geworden, dass man keine Hand vor Augen sehen konnte, dennoch erblickte ich ihn ganz deutlich, als ich mit der Stirn gegen einen Baum fuhr, denn da sprühten die hellen Schmiedefunken mir vor dem Gesicht umher.

Es ging immer bergunter nach Weinsberg zu, die Jungen waren vorangesprungen, die ersten der Glaubigen. Wegen der Finsternis waren zum Glück nicht viele Leute mehr auf den Strassen, sonst hätte es gewiss einen Auflauf gegeben. Unweit des Hauses der Nähterin rief der magische Schneider überlaut: "Aha! Schlupfst da hinein?" sprang in das Haus, sprengte mit einem heftigen Fusstritte die tür und war schon in Zeichen und Wundern mitten inne, als ich etwas später die stube betrat. Der Nachbar hatte sich voll Furcht und Zittern entfernt.

Die Schnotterbaum lag an der Erde, verdrehte ihren Körper, ächzte und stöhnte. Der Magische kniete über ihr, hielt ihr die Faust geballt vor den Mund und polterte: "Hab' ich's Euch nicht angesagt? Ist er nicht eben in Euch hineingefahren?" – "Ach wohl", winselte die Nähterin, "es musste ja so kommen! Als Ihr die tür sprengtet, fuhr er mir wie ein kuhler Wind in den offenen Mund. Tut mir die Gnade, und befreiet mich von ihm, er stösst mir fast das Herz ab."

"Das werde ich wohl bleiben lassen", versetzte der Magische, "es ist mir sauer genug geworden, den Hund für die beiden Herren zu erwischen, nun soll er sich erst in Euch zum Glauben bekehren."

"Das tue ich mein Tage nicht", rief der Dämon aus der Schnotterbaum, "ich bin ein gottloser Magister, und ein solcher will ich leben und sterben!"

Diese Antwort setzte mich in das grösste Erstaunen. "Meister", sagte ich zum Schneider, "ist uns denn etwa der Grobschmidt unterweges abhänden gekommen? Diese Jungfer Schnotterbaum scheint anstatt seiner ihren verstorbenen Herrn Vater zur Einquartierung empfangen zu haben."

"Nichts als Winkelzüg'!" rief der Magische. "Solche Höllenbrut wechselt in einem Augenblicke sechzigmal die Farb', um nur ein Schnippchen zu schlagen. Ein Grobschmidt und kein Magister sitzet und wohnet in der Schnotterbaum, und zwar'n der Grobschmidt oben aus der Teufelsschmiede, der seinen Knecht mit dem Hammer erschlagen und dann in den grundlosen Tümpel gestürzt hat, wo seine Knochen noch tief unter Schlamm und Moder liegen."

Weinend und schluchzend sagte die Nähterin: "O Gott, muss ich einen so furchtbarlichen Geist in mir beherbergen? Ich glaubte zum wenigsten, mit meinem seligen Herrn Vater davonzukommen." – "Ja, Jungfer", sprach der Schneider und half ihr vom Boden auf, "dawider hilft nun nichts. Wem ein Dämon beschieden ist, der bekommt ihn. übrigens werdet Ihr wohl einsehen, dass fortan Eure Stelle nur in dem Etablissement der Herren Doktoren Kernbeisser und Eschenmichel sein kann."

Traurig und erschöpft antwortete die Schnotterbaum: "Dem ist so. Die Schickungen müssen nun ihren gang gehen." – Sie packte ein