, und damit ist der Zauber gelöset, das Band der Zungen entfesselt; die Ruder klatschen, die Segel sausen, der Kiel schwirrt lustig durch das Meer von Kunst, Stadtneuigkeiten, Politik, Krankheits- und Gesundheitsumständen, Religion und Karnevalsbällen.
Nachdem das Schweigen in der Gesellschaft, von welcher hier die Rede ist, etliche Minuten gedauert hatte, und die verschiednen Affekte der Schweigenden in die heisse sehnsucht, ein menschliches Wort zu vernehmen, übergegangen waren, sagte das fräulein zu Münchhausen plötzlich, wie von einem guten geist erleuchtet: "Es pflegt doch immer im Sommer schöneres Wetter zu sein, als im Winter."
Nach dieser Explosion atmeten alle frei auf und fühlten sich von dem Zauber erlöset, der über ihnen gelastet zu haben schien, nachdem von unsrem Nationaltragöden so viel die Rede gewesen war. Münchhausen aber küsste dem fräulein die Hand und versetzte: "Sie haben da eine tiefsinnige Wahrheit ausgesprochen, meine Gnädigste, und ich kenne ausser Ihnen nur noch eine Dame, welche diese grossartige Naturbetrachtung fest im schönen Gemüte ergriffen hat, und sie einem Dichter zu äussern pflegt, jederzeit, wo er das Glück hat, ihr zu nahn. Vergebens, dass der Dichter manches ausgehen liess, was der Welt nicht unbekannt blieb, dass man überhaupt mit ihm von allem und jedem sprechen kann, weil er so ziemlich für alles und jedes sich interessiert, und über die Dinge, von denen er nichts versteht, gern Belehrung empfängt – vergebens alles dieses, sage ich – die Dame äussert, so oft er das Glück hat, ihr zu nahen, nur ihre Überzeugung, dass im Sommer das Wetter schöner zu sein pflege, als im Winter."
"Unmöglich!" rief der alte Baron.
"Vielleicht unmöglich, aber gewiss wahr", versetzte Münchhausen. "Der Dichter ist mein Freund und hat mir die Tatsache bei seinem Ehrenworte beteuert" – Münchhausen fuhr heiter fort: "Ich wollte Ihnen einige kurze Nachrichten über meine Familie geben; hier sind sie. Der sogenannte Lügenmünchhausen ist mein Grossvater, wenn unser Stammbaum in Bodenwerder recht hat. Adolf Schrödter in Düsseldorf hat ihn jüngst gemalt, wie er unter Jägern und Pachtern sein Pfeifchen schmaucht, und diesen Leuten seine Geschichten erzählt. Ein dicker Mann sitzt ihm gegenüber und hat den Rock ausgezogen, um besser zuhören zu können, in seinem gesicht spricht sich die gläubigste Hingebung aus, und sein grosser Hund, der neben ihm liegt, sieht im sehr ähnlich.
Adolf Schrödter hat meinen Grossvater getroffen, wie kein anderer vor ihm. Das ist aber auch kein Wunder, denn mein Grossvater ist ihm im Traume erschienen, er hat eine Vision von ihm gehabt. Die frommen Maler haben nicht allein Visionen, nein! die andern haben die ihrigen auch. Es malt keiner ein paar Kinder, die von zwei schlechten Kerlen totgemacht werden sollen, oder eine Kegelbahn, oder auch nur ein Porträt, ohne dass er eine Vision von diesen Dingen gehabt hätte. Und das ist der Vorteil dieser weltlichen gesicht: Man kann immer da die Vergleichung anstellen, und urteilen, ob die Erscheinungen richtig gewesen sind, denn überall gibt es unschuldige Kinder und schlechte Kerle und Kegelbahnen, und Leute, die sich porträtieren lassen; aber bei den frommen Visionen kann man das nie, und man weiss daher auch nicht, ob die lieben Engelein und Heiligen und die Mütter Gottes so ausgesehen haben, wie die Leute behaupten, dass sie ihnen vorgekommen seien.
Dass Adolf Schrödter eine richtige Vision gehabt, bestätigte noch letztin ein alter eisgrauer Jäger von Bodenwerder, der jetzt mit Ratten- und Mäusepulver handeln geht, und der denn endlich auch an den Rhein gewandert war. Er kam auf die Kunstausstellung, weil er glaubte, dort Geschäfte machen zu können und rief, als er das Bildchen sah: 'Das ist der alte Herr, wie er leibte und lebte, wenn er von den zwölf Enten erzählte!' – Das Bildchen soll jetzt, Figuren über Lebensgrösse, al fresco für ******** ausgeführt werden.
Meinem Vater tat die Abstammung von diesem mann Zeit seines Lebens den grössten Schaden. Wenn er Geld erborgen wollte und auf Kavalierparole die Rückzahlung versprach, sobald sie sich tun lasse, sagten die Wucherer, mit denen er unterhandelte: 'Wir bedauern sehr, aber wir können nicht dienen, denn Sie sind der Herr von Münchhausen.' Er trat in Kriegsdienste und machte als Stabsrittmeister einst einen allerdings unwahrscheinlich lautenden Rapport; der General glaubte ihm nicht, und davon war die Folge, dass eine grosse Schlacht verloren ging. Kabale über Kabale wurde gegen ihn gespielt; man drehte die Sache ganz herum, er erhielt in Ungnaden seinen Abschied. Nun widmete er sich dem Finanzfache, da entdeckte er ein geheimes Mittel, die edlen Metalle zu vervielfältigen, wollte es dem staat verkaufen, aber der Staat wies ihn zurück und sagte, es sei schon gut, man wisse, dass er Münchhausen heisse. Auch aus dem Finanzfache wurde er ungnädig dimittiert, weil er ein Schwindler sei, wie es in dem Entlassungsreskripte hiess. Was hat der Staat von seiner Zurückweisung gehabt? Papiergeld musste er machen.
Mein Vater aber hatte von seinem Geheimmittel auch nichts; er konnte es für sich nicht in Anwendung bringen, die Kosten der ersten Auslagen waren für einen Privatmann zu bedeutend. Bei zwölf Fräuleins hielt er nacheinander um ihre Hand an, aber
Die erste sagte scheu,
Die zweit' – ein Leu –
Die dritte spitzig,
Die vierte witzig,
Die fünfte