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"ich habe nun genug neue Erfahrungen eingesammelt. Ihr könnt euch wie Regentropfen ankündigen, ihr zieht einem die Federn unterm kopf weg, ihr trampt wie ein Hausknecht und rührt Staub aufich bitte mir nun Ruhe aus, Kerls, denn ich will schlafen."

Wirklich schlief ich, nachdem die Geister auf diese Anrede muckmausestill geworden waren, ein. Allein noch vor Tagwerden erwachte ich wieder von unendlichen Beklemmungen, welche der dämonische Brodem in der kammer und dann auch meine unnatürliche Lage mit dem kopf unten, mit den Füssen oben, mir verursachte. Das Blut war mir so zu kopf gestiegen, dass ich zu ersticken meinte, ich hielt mich aber ganz still und dachte: "Stickst du, so stickst du als Opfer für die Ausbreitung höherer Erkenntnis." – Endlich wurde es denn doch Tag, ohne dass ich erstickt wäre, und da sah ich ein noch viel grösseres Wunder, als dasjenige gewesen wäre, wenn die Geister mir die Federn unterm kopf weggezogen hätten. Ganz umgekehrt hatten sie mich; vermutlich während des Schlafes. Ich lag mit dem kopf drunten am Fussende, und die Beine ruhten droben auf dem Kopfkissen; ein in den Schranken des Zerebralsystems Befangener würde gesagt haben, dass ich am Abend zuvor mich verkehrt niedergelegt habe. Ich stand auf und sah, dass das fallende Geräusch von meinen Kleidungsstücken entstanden war, welche die Geister mit dem Nagel von der Wand herabgeworfen hatten. Dessen Ausziehen konnte ihnen freilich keine grosse Mühe verursacht haben von wegen der bröcklichten Umstände, worin sich, wie schon angeführt worden ist, die Wand befand.

Ich trank meinen Kaffee, dann zum zweiten Frühstück eine Flasche Affentaler, fühlte meine Glaubenskraft hierauf in der gehörigen Verfassung, gab dem Oberkellner seinen Gulden, erklärte mich mit seiner Bedienung vollkommen zufrieden, versprach die kammer neben dem Waschgelasse allen Höhererweltereinragungsmännern meiner Bekanntschaft bestens zu empfehlen, und rollte dann den blauen Bergen zu, zwischen denen Weinsberg liegt.

III.

Der magische Schneider

Nicht weit vom Orte in einem engen Talwege, von wo ich bereits deutlich die Weibertreue ragen sah, bemerkte ich, dass ein spindeldürrer Mensch vor meinem Wagen auf der Landstrasse hin und her wankte, der nach gemeinen Begriffen für betrunken gelten konnte, denn er taumelte in der Tat ausserordentlich und fiel nach einigen Versuchen, Grund und Boden dennoch fest unter den Füssen zu halten, nebenan in den Graben. Seine Lage da unten zwischen Wegerich, Nesseln und Vogelkraut war nicht die eines gewöhnlichen Menschen, denn ganz symmetrisch war er gefallen, mit dem rücken und kopf genau in die Mitte des Strassengrabens, die arme und Füsse aber rechts und links auf die Ränder des Grabens gestreckt, so dass der Meridian gerade durch sein Zentrum ging. Dieses ausserordentliche Schauspiel regte meine besondere Teilnahme an, ich stieg vom Wagen, hob mit hülfe meines Fuhrmannes den Sinnlosen hinauf, und dachte, in Weinsberg werde sich wohl ein Ort finden, wo er ausschlafen könne.

Endlich waren wir angelangt, und Doktor Kernbeisser, dem ich schon empfohlen worden war, empfing mich recht freundlich. – "'s ist gut", sagte er, "dass Sie kommen. Für zwei Mann wird der Sache zuviel, wir brauchen junge Kräfte, um die Geisterwelt gehörig bestreiten zu können, 's ist heute einmal wieder ein tolles Getreibe hier und das Zwischenreich ganz des Henkers. Das ist ein Gerutsche, Gebrumme, Gepoltre, Gedusele, Gedudele, Geschreite, Gewinsele und ein Gerumore durcheinander, dass man nicht weiss, wo man zuerst anfassen soll. Ich helf' herzlich gern meinen Nebenmenschen in der unsichtbaren Welt, aber es kann einem auch zuviel werden. Der eine will erlöst sein, der andere hat'n Schatz vergraben, der ein Geheimbuch über die Seite gebracht, dazwischen fallen die Sonnenkreise ab, wie reife Maulbeeren, dem soll man was vorbeten, dem auf'm Klavier was vorspielen, wir wissen beide nicht, ich und mein Freund Eschenmichel, wo uns der Kopf steht."

Ich bat ihn, sich zu beruhigen, was an mir sei, werde geschehen, ihnen Aushülfe zu geben. – Wir gingen in das Haus, welches mit seinem freundlichen Garten an die Stadtmauer stiess. Drinnen rief uns Eschenmichel, der eben eine Somnambüle bestrich und vor Eifer mich gar nicht begrüsste, an: "kommt der Dürr?" – "Nein", versetzte Kernbeisser, "vorderhand bring' ich nur den Münchhausen." – "Wer ist der Dürr?" fragte ich. – "Der magische Schneider", versetzte Kernbeisser, "den wir uns zum Sukkurs verschrieben haben. Ein Satan von Kerl! (O Gott, verzeihe mir meine Sünde und dieses Fluchwort!) Er hat mehr Gewalt über die Dämonen, als wir beide zusammengenommen, er schnauzt sie an, dass es nur so eine Art hat und bringt sie zur Räson. Er sollte uns beistehen und hatte auch sagen lassen, dass er heute kommen wolle. Gott hat ihm den Sinn wunderbarlich aufgeschlossen und mit herrlichen Kräften gerüstet; er steht im Zentro der Dinge und sieht von da die Radien ausstrahlen in die Peripherie, wo sie die Schale und die Kruste und die Figur der sogenannten äusseren Welt bilden, über welcher dann die himmlischen Wolken wie suchende und liebende Mütter schweben. Diese streben mildregnend bis zum Zentro einzudringen, dass Himmel und Kreatur eins werde in ewiger Lösung und Bindung, und –"

"Schwätz nit so viel, Kernbeisser!" rief hier Eschenmichel dazwischen; "ich