1836_Immermann_045_133.txt

hier schon etwas begegnen sollte. Die letzten schwächsten Wirkungen des Weinsberger Pandämoniums müssen mindestens bis hieher sich erstrecken. Also pass auf, Münchhausen." – Münchhausen war damals kein gebildetes Kind gebildeter Eltern mehr, er war Jüngling, schwärmerischer Jüngling voll Ahnung und sehnsucht nach dem Jenseits.

Ich passte auf underlebte etwas. Neben der Kilianskirche fliesst in einer Vertiefung der Brunnen, von welchem Heilbronn den Namen erhalten hat, weil durch sein wasser einst ein alter Schwabenherzog geheilt worden sein soll. Ich stieg zwischen der steinernen Umfassung die Stufen hinunter, und setzte mich den Röhren, aus welchen die Quelle sprudelt, gegenüber auf einen Stein. Bald fühlte ich in den unteren Teilen meines Körpers eine Kälte und auch oben wehte es mich kühl an. "Nun, da haben wir es!" sagte ich zu mir. "Seid ihr schon da, ihr anhauchenden Geister?" Ich blieb noch eine Weile sitzen und merkte, dass Kälte und Wehen immer stärker wurde. Sie machten zuletzt einen förmlichen Wind. Als ich den Stein befühlte, auf dem ich gesessen, fand ich ihn feucht, woraus zu entnehmen ist, dass die abgeschiedenen Seelen sich auch durch Nässe ankündigen. – Ich ging ins Wirtshaus, wo schon die Lichter angezündet waren. Unterweges hatte das Wehen und Blasen und das Nasse noch stets zugenommen, und ein in der tür seines Ladens stehender, in den Schranken des Zerebralsystems befangener Heilbronner Speditionshändler sagte: "'s ist a wüst Wetter." –

Du armer Blinder!

Im wirtshaus ass ich Feldhuhn und Krautsalat. Die Feldhühner tragen sie dort allerliebst auf mit dem unberupften kopf und um den Hals ein papiernes Krägelchen. Den Oberkellner, der mir ein sinniger Mensch zu sein schien, forschte ich nach Weinsberg aus, und erfuhr zu meiner Freude, dass es jetzt recht lebhaft dort sei, und das Zwischenreich sich im vollen Gange befinde.

"Haben Sie nicht hier im Gastofe ein Zimmer, worin etwas erscheint?" fragte ich ihn im Vertrauen. Der Oberkellner versetzte, er habe seinem Herrn schon längst geraten, sich für die immer stärker werdende Nachfrage von Liebhabern unter den Reisenden ein Geisterzimmer einzurichten, allein der wolle sich nicht darauf einlassen, weil er die Sache für eine vorübergehende Mode halte und sage, sein Haus könne durch eine stube mit Zwischenreich in Verruf kommen.

"Ich halte mir aber für meine eigene Rechnung ein Gemach, worin es bei Nacht wenigstens etwas poltert oder schnurrt, und wenn Sie einen Gulden auf die Rechnung zulegen, steht es Ihnen zu Dienst"; flüsterte er mir zu. Mit Freuden schlug ich ein, musste ihm aber das Geheimnis über die Sache versprechen, "denn", sagte er, "wenn sie auskommt, so bin ich um meinen Posten, oder muss von der Geisterstube Abgaben entrichten, welche sie nicht einbringt. Sonst trieb ich einen kleinen Handel mit Seifenkugeln, Zahnbürsten, wohlriechenden Wassern und Patentrasiermessern, wie das in Wirtshäusern so gebräuchlich ist, aber die Steuern waren zu schwer, und deshalb liess ich das Geschäft eingehen und etablierte als stillen Nebenverdienst die stube mit Geistergepolter."

Wir gingen vorsichtig zum Hinterhause hinaus und durch einen finstern gang, worin allerhand Gerätschaften und Weintonnen standen, nach einem kleinen Seitengebäude, welches vermutlich das Waschgelass in sich fasste, denn es roch nach Seife aus dessen offenstehenden Fenstern. Darin schloss mir der Oberkellner eine kammer auf, in der eine herrlich verdorbene Luft brütete. Er wollte diese Atmosphäre entschuldigen, ich aber unterbrach ihn und fragte, ob er sich nicht besser auf das Metier verstehe? Gerade ein solcher müffiger Dunst und Schwaden sei der rechte Geisterbrodem.

Es war ganz darin, wie es da sein muss, wo das Kernbeisser-Eschenmichelsche Wunderwesen sein Quartier aufschlagen soll; die Wände sahen wie verwitterte Dämonen aus, und von der Decke hatten die Poltergeister den Kalk abgetrampelt. Ich liess den Oberkellner gehen, hing meine Kleidungsstücke an den Nagel, merkte, dass nach der guten Abendmahlzeit, die ich eingenommen hatte, die heilige Tätigkeit meiner Unterleibsnerven beginne, war sonach reif zum höheren Schauen, blies deshalb die Kerze aus und rannte im Dunkel auch gleich gegen einen recht groben Geist an, der sich wie eine Tischecke anfühlte. Darnach legte ich mich zu Bette, und es blieb eine Zeitlang still. Nur war mir's sonderbar, dass mein Kopf immer tiefer sank und meine Füsse immer höher zu liegen kamen. "Aha", dachte ich, "ihr zieht die Federn weg, wohin sie gehören, und stopft sie dorten hin, wo sie nicht am platz sind, ihr unruhiges, sündhaftes Gesindel!" Ich konnte über diese Tätigkeit der Dämonen nicht lange nachdenken, denn mit einem Male verbreitete sich durch eine Ritze in der tür ein Lichtschimmer im Gemache, es war, als ob jemand draussen gehe, die Stiege neben meiner kammer emporwandle, und sich über mir zur Ruhe begebe. Ich rief mit lauter stimme: "Wenn das da draussen kein Weinsberger Geist, sondern ein Hausknecht ist, so antworte es!" Es antwortete aber niemand, und bald darauf hörte ich den Geist fürchterlich schnarchen. Nun trat wieder ein Schweigen von wohl einer Stunde ein, während welcher Zeit ich die Augen und Ohren offenhielt, wie ein Hase. Da auf einmal hörte ich ein bröckelndes Geräusch an der Wand, wo ich meine Kleider aufgehängt hatte, und ein Fallen. Zugleich spürte ich das Aufsteigen von Staub. "Jetzt seid still, Dämonen!" rief ich,