die Leute tun sollen, das tue ihnen zuerst."
Der alte Baron verwunderte sich jetzt wie schon früher einmal über die Weisheit des Schulmeisters, die ihm geblieben war, obgleich er wieder den Sinn eines gewöhnlichen Menschen angelegt hatte. Als er etwas der Art aussprach, meinte der Schulmeister, dieser Tiefsinn, der ihm allerdings nicht recht eigne, möge ihm wohl noch als Nachübel seines Zustandes anhaften, indessen hoffe er auch davon bald befreit und gewöhnlicher Mensch in der vollsten Bedeutung des Wortes zu werden.
Da der Schlossherr sah, dass es seinem gast voller Ernst war, zu scheiden, so erlaubte er ihm, von mehreren abgelegten Röcken, welche an den Pflöcken in der Gerichtsstube umherhingen, sich einen auszuwählen. Der Schulmeister war lange unschlüssig, ob er einen leberfarbenen Frack oder eine veilchenblaue Pekesche mit Sammetvorstössen nehmen sollte, entschied sich aber endlich doch für die Pekesche, weil sie den Regen besser abhielt, als der Frack.
Als er sie eben vom Pflocke nahm, trat Karl Buttervogel mit einer ängstlichen Miene in die Gerichtsstube. "Gnädiger Herr", sagte er, "wie ich jetzt unten durch die stube linker Hand, worin Sie Ihre Familienurkunden aufbewahren, ging, sah ich, dass die Wand gegenüber der Giebelwand einen grossen Spalt und Riss bekommen hat, woraus ich abnehme, dass die Giebelwand noch weiter ausgewichen ist, als früher, und wahrscheinlich anfängt, das Dach mitzunehmen."
"Ganz wohl", versetzte der alte Baron. "Ich wollte nur, ein teil des Hauses stürzte ein, ohne dass eine merkliche Gefahr für uns andere daraus entstände, denn dann wäre dein Herr gezwungen, Ernst zu machen, und vorläufig für die hiesigen notwendigsten Reparaturen zu sorgen."
"Ja, aber bis dass die Sache zustande kommt, möchte ich wohl ausziehen", sprach der Bediente. "Und ich wollte den gnädigen Herrn gebeten haben, mir das Logis auf dem Schneckenberge zu geben, da der Herr Schulmeister es nun geleert hat, und es wäre doch schade, wenn die angenehme Sommerwohnung nicht benutzt würde, und mein bisheriges Loch liegt dicht neben der Wand mit dem Sprunge, und ausserdem liebe ich die freie Luft und eine Aussicht ins Grüne, und mag gerne mitunter vor mich sein, und auch das gnädige fräulein kann mich dort ungestörter sprechen, und wenn man seine Wurst nicht mehr in Ruhe essen darf, so ist alles häusliche Vergnügen zum Henker, und hier oben haben nun der gnädige Herr Ihr Gerichtsregiment und –"
"Schweige, schweige!" rief der alte Baron. "Bei dir wachsen wirklich, wie ich in einer englischen Komödie las, die Gründe gemein wie die Brombeeren; die Hälfte von dem, was du sagtest, genügt. Du bist ein Poltron, und denkst nur, wie ihr geringen Leute alle zu tun pflegt, an dein teures Leben. Schlafe ich nicht auch in der Nähe jener geborstenen Wand? Aber ziehe nur auf den Schneckenberg, es ist mir selbst lieb, wenn jemand dort wohnen bleibt, der doch wenigstens halb und halb zu uns gehört. Du sollst mir ein Trost für den Schulmeister sein".
Dieser bereitete sich zum Abgehen. Der alte Schlossherr reichte ihm nicht ohne Rührung die Hand, welche der Schulmeister mit dankbaren Tränen küsste. "Gott lohne Ihnen alles Gute, was Sie mir erzeigt haben!" rief er. "Er segne Ihre Tage und schenke Gedeihen allem, was Sie vornehmen!"
"Schulmeister", sagte der Alte und legte ihm feierlich die Hand auf die Schulter; "wenn ich mir es reiflich überlege, so geht Ihr im rechten Augenblicke. Grosse Umgestaltungen der Lebensverhältnisse sind immer zerstörerisch für den bisherigen Umgang. Das Schloss wird der Schauplatz wichtiger Unternehmungen werden, in denen Ihr keine Stelle fändet und angesichts derer Ihr Euch unbehaglich fühlen würdet.
Unter uns – behaltet es aber bei Euch: An dem Geheimeratsposten liegt mir so viel nicht mehr. Wisst Ihr, was Luft ist? – Wenn Euer Schulhaus baufällig werden sollte, so eröffnet mir die Sache vertrauensvoll, es soll Rat geschafft werden für Material zum selbstkostenden Preise. Unglaublich ist, was wir hier vorhaben, und dennoch ist es wahr, denn ein Kavalier hat es dem andern zugesichert, und aus Unrat machen sie jetzt Licht und aus dem, was man sonst weggoss, Zucker. – Noch eins; Euer Weg führt Euch nahe am Oberhofe vorbei, erkundigt Euch doch dort, ob sie etwas von der Lisbet wissen, sie wollte bei dem Hofschulzen vorsprechen. Mich verlangt von Herzen nach dem kind, besonders jetzt, wo ich ihr die Freude machen kann, ihr eine gesicherte Zukunft zu versprechen."
Viertes Buch
Poltergeister in und um Weinsberg
I.
Das Juliusspital und die beiden alten Weiber
In Würzburg angekommen, war mein erster gang nach dem Juliusspitale. Das prächtige Gebäude, die Reinlichkeit und Stille der grossen Höfe, Gänge und Säle, das zufriedene Aussehen der Alten und Rekonvaleszenten welche im freundlichen Garten ihren Sonnenschein genossen – alles das machte einen wohltuenden Eindruck auf mich. Ich liess mich in die Kellerei führen, pries die werktätige Menschenliebe Julius Echters von Messelbaum und leerte auf sein Andenken eine Flasche Leisten, eigenes Wachstum des Spitals. Ich wurde gesprächig, der Kellermeister, welcher mir trinken helfen musste, wurde es auch, ein Wort gab das andere, und im Laufe dieser gespräche sagte ich zu ihm: "Es ist hier bei Ihnen so anmutig, dass man wünschen könnte, zu Ihren Alten und Siechen