erwiesene Grossmut den empfundensten Dank zu sagen. Sie um die von mir erwähnte letzte Gabe anzusprechen, und mich Ihnen hierauf, jedoch hoffentlich nicht für ewig, gehorsamst zu empfehlen."
Der alte Baron war vom Kopf bis zu den Füssen Erstaunen und sagte: "Seid Ihr denn, Herr Agesilaus –"
"Völlig bei mir, allerdings", fiel der geheilte Schulmeister ein. – "Ich bitte Sie aber inständigst, mich fortan Agesel zu nennen, denn ein Agesel war ich, ein Agesel bin ich, und ein Agesel werde ich sein, und gewesen sein, dahier und in jener Ewigkeit."
"Nein, das ist aber nicht auszuhalten!" rief der alte Baron und schlug zornig auf die Gerichtstafel. "Gestern lügt mir Münchhausen vor, er sei ein Bock gewesen und aus Verzweiflung wieder Mensch geworden, und heute wird in Wahrheit und vor meinen sichtlichen Augen ein Verrückter vernünftig. So darf man denn auf niemand sich verlassen und könnte über solche Streiche selbst närrisch werden, hätte man nicht so viele Geschäfte im Kopf."
"Es schmerzt mich, dass ich meinem gönner Kummer bereite", sagte der Schulmeister sanft. "Das in Ihren Augen unangenehme Ereignis ist auf ganz natürlichem Wege herbeigeführt worden, und alle hochschätzbaren Bewohner dieses Schlosses haben daran ihren teil."
– "Wie? natürlich? – Es ist unrecht von Euch, Schulmeister, wiederhole ich. Konntet Ihr nicht bleiben, was Ihr wart? Warum wollt Ihr nun fortlaufen? Wir lebten hier so einträchtiglich zusammen, man hatte sich aneinander gewöhnt, eines lehnte sich an das andere; nun kommt ein Riss in den schönen Kreis."
"Wenn etwas meine Freude über mich und mein hergestelltes Selbst zu trüben vermag, so ist es das Gefühl, Sie verlassen zu müssen", antwortete der Schulmeister. – "Gnädiger Herr, ich kann nicht dafür, dass ich meinen Verstand wiederbekommen habe. Mangel an Anerkennung ist daran schuld. Ich bin nie unter Ihnen anerkannt worden. Gleich zu Anfang, als ich die Ehre hatte, bei Ihnen zu sein, fand ich für meine idee von spartanischer Abstammung und Lebensweise weder bei Ihnen noch bei dem gnädigen fräulein Anklang oder Widerspruch, sondern man liess mich und meinen Wurm gehen, als völlig unschädlich und keiner Beachtung würdig. Diese Kälte steigerte sich aber zur verletzendsten Gleichgültigkeit, als der Freiherr von Münchhausen, welchen Gott Ihnen gesegnen möge, Gast des Schlosses SchnickSchnack-Schnurr wurde. Während er der Empfindsamkeit des Fräuleins schmeichelte, Ihren Geheimenratsbegriff abwechselnd hochstellte oder reizte, und während Sie beide fortfuhren, von Ihren ungewöhnlichen Gedanken gegenseitig aufmerkende Kunde zu nehmen, bekümmerten weder Sie noch der Freiherr sich um die Vorstellungen eines armen Dorfschulmeisters –"
"Ihr werdet ausfallend, Schulmeister!" rief der alte Baron. "Nach Eurer Folgerung wäre ich also selbst –"
"Mein gönner verstehe mich", unterbrach ihn der andere. "Die Sprache führt in ihrem Eigensinne derartige verfängliche Wendungen herbei, welche der Sprechende keinesweges beabsichtigte. Ich folgere nicht; meine einzige Absicht ist, mich Ihnen aufzuschliessen. – Weder durch eingehendes Lob gehoben, noch durch Widerspruch gekräftigt, entbehrte sonach die Pflanze meines Wahnwitzes (um bildlich zu reden) des befruchtenden Regens sowohl, als des Sturmes, der ihre Wurzeln im Boden befestiget hätte. Sie musste also nach und nach in solcher Dürre vertrocknen, welken und absterben. Dies schlich lange in mir umher; Sie würden, wenn Sie mich näher zu beobachten nicht unter Ihrer Würde gehalten hätten, gesehen haben, dass ich schon seit geraumer Zeit still und nachdenklich einherging. Ich fühlte die spartanische idee in mir von Tage zu Tage bleicher und farbloser werden. Durch eine unumwundene Erklärung des Freiherrn von Münchhausen in vorgestriger Nacht wurde ihr völliges Verscheiden hervorgebracht, und seitdem bin ich der Dorfschulmeister Agesel von niederer deutscher Herkunft.
Anerkennung, mein gönner, braucht jedermann. Der grösste Held und der höchste Dichter bleiben ohne sie – und zeigte sie sich auch nur durch wütende Feindseligkeit – gewiss nicht Held und Dichter. Es ist töricht, wenn kalte Menschen einen in dieser Beziehung Darbenden auf sein eigenes Bewusstsein verweisen, weil gerade die besten und tüchtigsten Seelen immerdar an sich zweifeln, und von andern eine so grosse Meinung haben, dass sie in deren Schätzung ihr Gericht finden. Alle Eigenschaften können durch tote Gleichgültigkeit der Umgebungen zugrunde gerichtet werden.
Anerkennung, Herr Baron, braucht auch der Narr, wenn er Narr bleiben soll. Er will entweder gebunden und in die Zwangsjacke gesteckt, oder in seiner eigentümlichen närrischen Vorstellungsart angesprochen sein. Lässt man ihn aber laufen, so wird er bald vernünftig, er mag wollen oder nicht."
"Schulmeister", rief der alte Baron, "Ihr sprecht da grosse Dinge aus. Demnach wäre alle Unvernunft –"
" ... sehr bald zu heilen, ja vielleicht schon ganz in der Welt ausgegangen, wenn nicht darauf geachtet würde", sagte der Schulmeister. – "Ein Satz, der nicht nur im Privatleben ernstlich erwogen, sondern auch Fürsten und Gewaltabern zum Nachdenken anempfohlen zu werden verdient. – Der Lärmen und das Geschrei um widersinnige Vorstellungen und Handlungen rührt auch meistenteils nicht aus einem Widerwillen gegen sie, sondern daher, dass jeder Mensch in sich den Narren fühlt, und ihn liebt und zu erhalten wünscht. Er macht daher über den Narren seines nächsten so grosses Aufheben, oder richtiger zu reden: er widmet ihm Anerkennung, weil er bei sich denkt: Was du willst, dass dir