, wer ich bin, ich rede irre – du wirst mich nicht erkennen!
Ausgestopft zu werden! – Gedanke, der das Hirn sieden macht, und alle Sehnen krachen! Nichts als Balg zu sein und Werg! Aus gläsernen Augen dumm und starr zu schauen, und ewig den Draht in rücken und Beinen zu fühlen, als einzigen haltenden Grundsatz! Neben sich nur Bälge zu haben, und diese ganze trockene Unsterblichkeit lediglich auf Kampfer und Spieköl gegründet!"
In solchen jämmerlichen Betrachtungen ging mir ein teil jener merkwürdigsten Nacht meines Lebens hin. Ich fühlte zugleich, dass die äusserste Beängstigung in meinem Körper Folgen hervorbrachte, denn ich konnte, da ich im Verlauf meines Kummers als Mensch mir vor die Stirn schlagen wollte, wunderbar genug, dies mit meinen Vorderbeinen bewerkstelligen, ich konnte an mein Fell fassen, und die Haare fielen ab, sowie ich sie nur berührte, endlich schien in meinem Antlitze ein förmliches Umziehen und Quartierverändern von Maul, Nase und Augen vor sich zu gehen, so rückten und knackten dort die Knochen. Aber auf alles dieses hatte ich weiter nicht acht, ganz verloren in die Furcht vor dem Ausstopfen.
Gegen Mittemacht Geräusch draussen vor der Mauer, Klimmen, Herabwerfen einer Strickleiter! Ein Kerl steigt an ihr nieder, tappt zwischen Biber und Schildkröte vorsichtig hindurch – – Ich sitze (denn ich vermochte auch schon wieder zu sitzen) stumm da, und raufe mir vollends alles Fell ab; seine rauhe Tatze ergreift mich – hui und davon mit mir über die Mauer! Ich hange schlotternd und an allen Gliedern gebrochen in seinen Armen. – "Was, zum Teufel, habe ich denn da gefasst? Das ist ja kein –" murrt er, während er einige Schritte längst des Kanals nach dem Landhause Schoone Zicht zu macht. Ehe er zu Ende gesprochen, stürzt ihm ein Mann entgegen, ruft mit einer von der Tugend selbst gebildeten stimme heftig: "Steh du Dieb, ich sah dich über die Mauer steigen!" und haut auf ihn mit einem Degen ein. Der Dieb – Sünde gibt keinen Mut – lässt mich fallen und läuft davon. Ich falle in den Kanal, jener unbezahlbare Retter springt, immer den Degen in der Faust, mir nach, holt mich heraus, ruft: "Wie, ein nacktes Kind?" und trägt mich, dem von diesen jähen Abwechselungen das Haupt schwindelt, zu einer Laterne hin, die etwa hundert Schritte von der Stelle am Kanale brannte. Bei dem Schimmer dieser Blendlaterne sehe ich meinem Retter in das Antlitz, und – wer fasst's, wer glaubt's, wer sagt's, was ich empfinde? – Es ist – – mein Vater, mein sogenannter Vater!
Was die Furcht und der Jammer nicht gekonnt, die Freude vollbringt es. Ich finde die Sprache wieder, und, zwar noch immer etwas meckernd, aber doch verständlich, ist: "Vater! Vater! Dein Kind!" mein erstes Wort. Mit heissen Tränen stürze ich an seine Brust, er erkennt mich, wie ich ihn erkannt, und – doch schweige, Lippe! falle, Vorhang über diese unbeschreibliche Szene!
Stumm vor Rührung steckt er mich ohne weiteres wieder in seine linke Rocktasche. Darin finde ich ihn ganz. Alle lieben Erinnerungen gehen mir in jener tasche auf; es ist noch ein Rest Frühstück darin; ich versuche, es zu essen. Es gelingt; ich kann wieder Brot und Wurst essen! Ich bin ein Mensch wieder, das gebildete Kind gebildeter Eltern! Aber wie ging das zu? Mein Vater trägt mich in das Lustaus Vrouw Elisabet. Er ist's ja, er ist der gute Chemikus, der sich dort aufgehalten, der mit dem Nachschlüssel zu mir kommen, mich nach Mitternacht bei Laternenlicht abreissen wollte, aber von einer unerklärlichen Unruhe getrieben (sein Vaterherz war's, das so stürmisch geklopft hatte!), vor Mitternacht sich aufmachte, einen Degen zu sich steckte, weil das Abenteuer immer einige Gefahr hatte, und so am Kanal Zeuge des Diebstahls wurde.
Wie ich diese ersten Erklärungen der wunderbaren geschichte empfangen, ich weiss es nicht mehr zu sagen. Mein Vater stammelte nach der tasche hinunter, worin ich sass, ich stammelte hinauf, wir begriffen uns durch Naturlaute. – "Aber warum machtest du nicht Lärmen, mein Vater, als du den Dieb über die Mauer steigen sahst?" fragte ich in einem ruhigen Augenblicke. – "O Sohn", versetzte er, "um einen Menschen zu retten, haben sich wohl schon grössere Unwahrscheinlichkeiten begeben müssen, als dass man einen Dieb erst einsteigen und dann wieder herauskommen lässt. – Du konntest nur gerettet werden, wenn diese Unwahrscheinlichkeit vorfiel, denn machte ich früher Lärmen, so erwachte das Landhaus Welgelegen, die Pforte wurde besetzt, du bliebst mir unsichtbar und in den Händen von Mynheer van Streef." – Diese Antwort stellte mich vollkommen zufrieden.
Wir waren unter solchen und ähnlichen Gesprächen vor Vrouw Elizabet angekommen; mein Vater zog die Klingel und weckte dadurch den Portier, der ihm sein Zimmer auftat. In der Helligkeit, welche durch Wachskerzen und Alabasterlampen hervorgebracht wurde, umarmten wir uns nun erst bei voller Musse. "Vater, wie sehe ich aus?" war meine erste Frage.
"Abscheulich, mein Sohn", versetzte er. "Deine Züge sind in einer wunderbaren Unordnung, es ist, als wären Nase, Mund und Augen bei dir berauscht gewesen