hatte der Mensch teil an dergleichen Verkommenheiten, in mir schämte sich der Mensch vor einer solchen Überwachung seiner eigensten und innersten Angelegenheiten. Ich war oft in der grössten Verlegenheit zwischen Müssen und nicht Mögen, zwischen natürlichen Wünschen und der Furcht vor der auflauernden und schon zum konventionellen Borstbesen greifenden Dreck-Griete!
Die Langeweile – die Isolierung – die ewig drohende Kehrmagd – meine Lage wurde von Tage zu Tage fürchterlicher! Münchhausen war damals unglücklich, ganz unglücklich! Das Schicksal hatte mich zu hart angefasst, ich war ein Opfer kalter Schwärmerei geworden; das ist das Schrecklichste, was es zwischen Himmel und Erde gibt.
Eine tragische Verzweiflung bemächtigte sich meiner. Ich sann auf Selbstmord. Ich wollte die natur zwingen; wie andere sich der Speise entalten, wollte ich dem Borstbesen der Reinigungsperson sein Opfer unterschlagen – lange – für immer! – – Denn ich fühlte, dass, mit Heldenmut den Entschluss durchgeführt, der Organismus untergehen müsse. Diese Weise, zu enden, dünkte mich die erhabenste, reinste, sie kam mir neu und unnachahmlich vor.
Ich hielt mich still für mich. Zwei Tage lang rastete das Türschloss meines Verschlages. Die Reinigungsperson umschlich mich unheimlich spähend. Ich dachte: "Schleich du; ich sterbe!"
Am dritten Tage liess Mynheer van Streef die Späherin rufen und fragte sie, was mir fehle? ich stehe ja so verdrossen und ohrhängerig da? Griete berichtete dem Herrn, was sie wusste. – "So muss man abwarten, ob es sich bis morgen mit ihm bessert", sprach mein fühlloser Gebieter, "und wenn das nicht geschieht, so gebt ihm -–" Er verordnete das schnelle und unwiderstehliche Mittel, gegen welches in solchen Fällen selbst der Heldenmut eines Cato sich fruchtlos stemmen würde.
"Nein, es ist zu viel!" meckerte ich ingrimmig und traurig zugleich; indem ich am Felsen Klein-Helikon niedersank und meine heisse Stirn wider diese Klinker stiess. "Nicht leben können, und nicht sterben dürfen!" – Ich sah schon im geist den Augenblick, der meinen Entschluss gewaltsam brechen würde, und das furchtbare Instrument in Grietens Hand, ich sah mich schon wieder schamrot, entwürdigt, in die alten Konflikte zurückgeworfen, denen meine freie Seele sich entronnen wähnte.
Ach, der nämliche Tag sollte mich noch etwas ganz anderes sehen lassen! Wie schwach steht es um die sogenannten grossen Vorsätze! Bittere und demütigende Erfahrung, die ich an mir selber machte!
Mynheer van Streef empfing an diesem Tage einen Besuch von seinen Nachbarn de Jonghe und van Toll. Die Besitzer der drei Landhäuser Welgelegen, Schoone Zicht und Vrouw Elizabet pflegten einander nur einmal im Jahre gegenseitig zu besuchen. Die Tage waren ein für allemal festgestellt, und sonst sahen einander die drei Holländer nicht, obgleich die Landhäuser kaum fünfhundert Schritte voneinander entfernt waren. Wenn sie zusammenkamen, so zeigte der Wirt seinen Gästen den Zuwachs vom letzten Jahre in dem, woran seine Seele hing. Mynheer van Toll hielt auf ein reiches Porzellankabinett, Mynheer de Jonghe auf eine Sammlung von Naturalien und Mynheer van Streef auf seine Menagerie am meisten.
Nachdem die drei Freunde im Lustäuschen Tee getrunken hatten, führte mein Gebieter seinen Besuch zu unsern Verschlägen und fragte de Jonghen, der, wie wir wissen, in Ostindien gewesen war, ob er eine Tiersorte, wie die meinige, auf Java kennengelernt habe. Schon bei dem ersten flüchtigen Überblicke, den mir der Naturaliensammler widmete, fingen seine Augen an zu glänzen, und seine farblosen Wangen wurden von einer leichten Röte überflogen. Ich musste mich erheben, Mynheer de Jonghe betrachtete mich von allen Seiten, hob meine Pfoten, die noch nicht ganz vergessen hatten, Menschenarme zu bedeuten, auf, untersuchte mein Vlies, guckte mir in den Rachen, befühlte meinen Schädel.
Mynheer van Streef sah dieser Analyse mit dem ruhigen Stolze eines glücklichen Besitzers zu. Nach vielfältigem Anschauen und Tasten war Mynheer de Jonghe zu dem Bekenntnisse gedrungen: "Nein, diese Tiersorte kommt nicht auf Java vor. Ich glaubte anfangs, es sei der kleine gefleckte Hirsch, moose-deer, welchen man auf Ceilon findet, aber der Bau des Schädels widerspricht dieser Annahme. Der Schädel hat etwas vom Affen, der ganze übrige Leib gehört in das Ziegengeschlecht. Es hilft keine Menschenmacht dawider, wir müssen eine neue Spezies ernennen. Dieses geschöpf, woran Ihr, Mynheer van Streef, eine gar grosse Seltenheit besitzt, muss der Bockaffe, capra simiae proxima, heissen."
"Ich fand ihn", versetzte Mynheer van Streef, "auf einem griechischen platz, in einer unvergesslichen Stunde. Sebulon, sage zur Gertruid, dass wir heute von dem wasser, welches du in den Kantinen mitbrachtest, den dritten Tee trinken wollen, wofern es sich frischgehalten hat. Ich möchte sehen, wie es auf Mynheer van Toll und Mynheer de Jonghe wirkt."
Er ging mit dem ersteren zu seinen Hyazinten, welche die zweite Stelle in seinem Herzen einnahmen. Mynheer de Jonghe bat um die Erlaubnis, bei dem Bockaffen zurückbleiben zu dürfen. Als er sich mir gegenüber allein sah, sagte er: "Dass Mynheer van Streef dich, du einziges Exemplar, mir ablässt, ist nicht zu denken, die Dienerschaft wird nicht zu bestechen sein, folglich muss ich dich stehlen lassen."
Nach diesen unzweideutigen Worten kehrte mein Gebieter mit seinem zweiten Freunde von den Hyazinten zurück. – "Wie ich Euch sagte, Mynheer van Streef" sprach Mynheer van Toll "es hält sich