pflegten die zwölfte Tagesstunde heranzubringen. Dann erschien ein Diener aus dem Landhause Schoone Zicht und einer aus der Vrouw Elizabet, brachte einen höflichen Gruss von Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und die Anfrage ihrer Herrn: Wie Mynheer van Streef geschlafen habe und sich befinde? Mynheer van Streef antwortete nach langer Überlegung jeden Tag dasselbe; dass die Nacht ziemlich ruhig gewesen sei, und das Befinden, Gott sei Dank, sich leidlich verhalte. Wenn diese Boten abgefertigt waren, wurde Sebulon geklingelt und nach der Schoonen Zieht und der Vrouw Elizabet entsendet mit höflichem Grusse von Mynheer van Streef an Mynheer de Jonghe und Mynheer van Toll und seinerseitiger Anfrage, wie diese beiden Herren geschlafen hätten und sich befänden?
Nach vorgedachten Anstrengungen wurde zur Herstellung der erschöpften Lebenskraft wieder Tee getrunken, geraucht und die Meldung des zurückkehrenden Sebulon entgegengenommen. Darauf ging Mynheer van Streef in das Hauptaus, kam angekleidet zurück in den Hof, stellte sich vor die Voliere und demnächst vor jeden Abschlag der Menagerie, sah die Einwohnerschaft der Voliere und dann jedes von uns eine geraume Zeit lang bedächtig an, schüttelte auf jeder dieser Stationen das Haupt und sagte, sooft er schüttelte: "Unvernünftige Tiere!" – Dieses tat er jeden Tag, auch wenn es regnete, Sebulon hielt ihm dann nur während dieser geringschätzigen Betrachtungen den Regenschirm über.
Waren die Allokutionen an die Voliere und Menagerie geendiget, so ging er wieder in das Hauptaus und speiste, es mochte dann etwa vier Uhr nachmittags sein, zu Mittag; hielt darauf seine Mittagsruhe und kehrte, abermals eine Mappe unter dem arme, jetzt aber eine grüne, sechs Uhr abends in das Lustaus zurück. Er trank nunmehr seinen dritten Tee, rauchte, wie sich von selbst versteht, abermals dazu und las dann Amsterdamer Stadtobligationen, die er in der grünen Mappe verwahrte. Darüber pflegte es dunkel zu werden; Mynheer van Streef klappte gähnend die Mappe zu, sah noch einmal nach dem Kanal, verliess hierauf das Lustaus und zog sich in das Hauptaus zurück. Sobald es völlig dunkel war, schloss Sebulon die Pforte; die Lichter, welche in den Fenstern des Hauses eine kurze Zeit lang leuchteten, erloschen allgemach – ein Zeichen, dass Herr und Dienerschaft in ihren Betten von den Anstrengungen des Tages ausruhten. Das tiefste Schweigen und die lautloseste Stille senkten sich auf Welgelegen herab.
Ich habe unter den Beschäftigungen des Tages anzumerken vergessen, dass Mynheer van Streef auch den Ankunftsaugenblick jeder der sechs Schuiten, welche täglich von Haarlem nach Amsterdam vorüberfuhren, auf einer schwarzen Tafel, welche im Lustäuschen hing, zu notieren pflegte, und aus den Unterschieden wöchentlich eine mittlere Zeit herausrechnete. Ich hörte ihn zuweilen sagen, es sei sein grösster Kummer, dass diese Mittelzeiten nie stimmen wollten, auch wenn er sie auf Monate, ja selbst Jahre schlüge, und dass daher die rechte mittlere Ankunftszeit einer Treckschuite noch immer ein unlösbares Rätsel wäre.
So ging ein Tag wie der andere hin.
"O Herr!" seufzte ich bei diesem niederländischen Leben in Freude und Rast oft (denn ich bediente mich bei meinen Ausrufungen nun nicht mehr der Mytologie) "was für eine Langeweile! Steht denn mein Herr nur eine Stufe über dem Faultier und nicht tief unter dem Elefanten, dem stolz-empfindlichen Rosse, dem rührigen Hunde, obschon er Kansbilletts und Amsterdamer Stadtobligationen liest? Und doch dünkt er sich was Rechtes, glaubt eine unsterbliche Seele zu besitzen, und doch behandelt der schwärmerische Barbar uns Tiere mit Verachtung!" – Es war natürlich, dass sich auf solchem Wege kein Verhältnis der Zuneigung zwischen mir und ihm entfalten konnte; dieser Holländer war nicht geeignet, Liebe zu erwekken. Ich drehte ihm daher auch immer den rücken zu, wenn er vor meinen Verschlag trat. Um der Last der schrecklichen Langeweile von Welgelegen mich zu entziehen, suchte ich mit meinen Nachbarn in der Menagerie Umgang anzuknüpfen. Ich hatte recht leidliche Leute zu Nachbarn, links einen Goldfasan und rechts einen Silberfasan, hinter mir ein paar Schildkröten in einem grossen Sandkasten und einen jungen Biber, dessen Schwanz in wasser hing. Es wäre mir interessant gewesen, mit so Vögeln, Amphibien und amphibienartigen Geschöpfen auch einmal meine Ideen auszutauschen, aber dazu wollte sich hier keine gelegenheit finden. Diese Partikuliers waren von dem geistigen Drucke, der über Welgelegen lastete, so gebeugt, dass alle meine Versuche, ihnen näherzutreten, mein herzliches Meckern und so mancher treugemeinte Bockssprung keinen Anklang fanden. Die Fasanen lagen meistens, den Kopf unter die Flügel gesteckt, dumpf hinbrütend da, die Schildkröten zogen sich, sobald sie sich an ihrem Kohle satt geknabbert hatten, unter ihr Schild zurück, der Biber hatte für nichts Sinn als für das kalte wasser um seinen Schweif.
Meine Pein zu schärfen diente die berufene holländische Reinlichkeit. Es wurde nämlich auf uns Tiere eine besondere Kehrmagd gehalten, welche bei ihrem Mitgesinde Dreck-Griete hiess, weil ihr anbefohlen war, die äusserste Sauberkeit unserer Wohnstätten in Obacht zu nehmen. Sie brachte den Tag über in einer Art von Portierhäuschen am Eingange des Hauptauses zu und lugte beständig auf die Menagerie hinaus. Liess nun ein Fasan eine Feder fallen, oder fiel sonst etwas vor, was nicht zu vermeiden stand – lieber Gott, man bleibt denn doch Tier! – alsobald schoss diese ihrem Berufe fanatisch ergebene Reinigungsperson, bewaffnet mit einem langen Borstbesen hervor, riss den betreffenden Verschlag auf und säuberte vermöge des Besens die Stelle. Meine Kollegen waren zu sehr Vieh, um sich hieraus etwas zu machen, aber in mir