dem Helikon, danach wurde mir besser, und ich bin völlig hergestellt", versetzte der Patient. Der Doktor hatte ihn inzwischen prüfend beschaut und erwiderte kaltblütig: "Nein, Mynheer van Streef, Ihr seid noch ebenso krank, als da Ihr abreistet, Ihr müsst deshalb von neuem auf Reisen gehen, sonst sterbt Ihr dann und dann." Er nannte den Todestag.
Hier aber sah und hörte ich, wenn ich früher holländische Schwärmerei kennengelernt hatte, was holländische Wut heissen wolle. Denn das Gesicht von Mynheer van Streef wurde graubraun, die Stirnadern schwollen an, dass sie Baumwurzeln glichen, und er goss über den Doktor eine solche Flut von Scheltreden aus, dass ich über den Reichtum der Landessprache in derartigen Wendungen erstaunen musste. Der Doktor seinerseits fühlte auch in sich eine niederländische Begeisterung erwachen und schimpfte den Patienten aus, Sebulon schimpfte auf den Doktor, die erste Nordholländerin schimpfte auf Sebulon, dass er sich in den Streit der Herren mische, die zweite auf die erste, dass sie auf Sebulon schimpfe, die dritte auf die zweite, dass sie auf die erste schimpfe, die vierte auf die dritte, dass sie auf die zweite schimpfe, die fünfte auf Sebulon, die erste, zweite, dritte und vierte insgesamt, die sechste schimpfte auf niemand insbesondere, sondern im allgemeinen. Es erinnerte mich dieses verwikkelte Schimpfgemälde durchaus an den gegenwärtigen Zustand der deutschen Tagesliteratur.
Auf so laute und stürmische Weise ging der Empfang des schwärmerischen Holländers in der Hofespforte seines stillen Landhauses vor sich. Die Goldfasanen, die Silberfasanen und einige indianische Raben der Voliere schrieen in das allgemeine Geschrei auch hinein, und Gott weiss, ob nicht noch Tätlichkeiten das fest gekrönt haben würden, wenn nicht plötzlich in der Entfernung das reitende Jägerchen, und hinter ihm am Seile vom Pferde gezogen, das braune Nationalfahrzeug sichtbar geworden wäre. Bei diesem Anblicke ebneten sich die zornigen Wellen, aller Antlitz begann friedlich und freundlich zu leuchten, und wie aus einem mund riefen Doktor, Patient, Sebulon und sechs Nordholländerinnen: "Die fünfte Schuite!" – "kommt aber heute zwei Minuten zu spät", setzte Mynheer van Streef hinzu, indem er auf seine Uhr sah. – Er ging freundlich in sein Landhaus; der Doktor bestieg besänftiget die Schuite nach Amsterdam.
So schlichtete der Anblick der fünften Schuite von Haarlem diese niederländischen Wirren. Ich war, als gehöre ich zur Familie, meinem Herrn bis auf den Hausflur gefolgt, aber eine Magd trieb mich ziemlich unsanft von den Stiegen und fing sogleich an, heftig nachzuscheuern, wo ich gestanden hatte, obgleich ich mir selbst das Zeugnis geben muss, dass ich mich sehr anständig auf dem Flure von Welgelegen benommen habe. Sebulon sperrte mich auf einem der grünen Plätze zu den Gold- und Silberfasanen ein, d.h. ich kam nicht zu diesem Gefieder unmittelbar, sondern erhielt einen eigenen kleinen Abschlag, wie denn auch jeder Goldfasan und jeder Silberfasan seinen besonders abgesteckten und eingefriedigten Platz hatte, vermutlich, weil Mynheer van Streef selbst bei den Tieren holländische Neigungen voraussetzte. Ich fand ziemlich gute Weide, wenn auch nicht so aromatische Kräuter, wie am Helikon, frass mich endlich einmal in Musse wieder satt und verschlief den meisten teil der folgenden Tage aus übergrosser Ermüdung von dem langen Reisewege. Erst etwa eine Woche später bekam ich sonach die Fähigkeit wieder, aufzumerken, über meine Umgebung und mich nachzudenken.
Als dieser Zeitpunkt eingetreten war, habe ich die Lebensweise eines holländischen Rentenierers, der sich vom Geschäft zurückgezogen hat, gründlich kennenlernen. Denn mein Weide- und Wohnplatz lag hart unter den Fenstern des Lustäuschens, welches durch den Hof von dem Hauptause getrennt, dem Herrn des Landhauses zu seinem täglichen Vergnügungsorte diente, es mochte Sonnenschein oder Nebel, Sturm oder Regen sein. Sebulon hatte mir einen Felsen von Klinkern etwa vier Fuss hoch aufgebaut, welcher Klein-Helikon genannt wurde. Auf diesen kletterte ich häufig und konnte von ihm aus alles sehen, was in dem Lustäuschen vorging, das meiste auch hören, was darin gesprochen wurde, da die Fenster, wenn das Wetter nicht gar zu schlecht war, nach der Menagerieseite zu, offen zu stehen pflegten. Nach der Kanalseite aber waren sie stets geschlossen und auch verhängt bis auf eine kleine, zur Beobachtung der Treckschuiten notwendige Öffnung.
Des Morgens um acht Uhr kam Mynheer van Streef regelmässig in sein Lustaus gegangen. Er trug dann seinen Frühanzug von zeisiggrünem Kamelott und eine rote Mappe unter dem arme. Mit der Pfeife und dem Teegeräte folgte ihm die erste Magd, denn zu haus liess er sich nur von den Frauenzimmern bedienen, Sebulon war nur auf der Reise zum Diener erhöht worden, in dem Landhause Welgelegen hatte er seine Stellung als Haus- oder Gartenknecht wieder eingenommen. Mynheer van Streef trank nun seinen Tee, nicht rasch, wie auf dem Helikon, sondern wirklich, wie Sebulon gesagt hatte, die Tasse in einer Viertelstunde, wozu er langsam den Rauch aus der angezündeten Pfeife blies und in geregelten Zeitabschnitten wechselweise mit starrem Blicke nach dem Kanal und nach uns, seiner Menagerie, aussah. Sonst nahm er während dieser Zeit nichts vor, denn er war der Meinung, dass jedes Geschäft für sich betrieben werden müsse. Nach dem Frühstücksgeschäfte schickte er sich zu dem zweiten an, nämlich den Text seiner Kansbilletts, die er in der roten Mappe verwahrte, Stück vor Stück, obgleich derartige Schriftwerke bekanntlich gleich lauten, nachzulesen. An den Zinstagen gesellte sich dazu die Arbeit, die Coupons abzuschneiden. Diese Mühen