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"Sebulon erhitze dich nicht", sagte der Herr gleichmütig und freundlich. "Ich habe meinen Verstand nicht verloren. Weisst du, was Schwärmerei bedeutet? Es ist der Zustand, worin sich der Hanswurst von Franzosen, und der Bull von Engländer oft befindet, und der deutsche Muff fast immer, Altniederland aber niemals. Die Sache sollte aber zur probe auch einmal an uns kommen, denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Ich liefere die probe. Ich schwärme, Sebulon, das ist das Ganze. In dem Tee muss etwas sein; ich bin von dem Tee ein Schwärmer geworden, denn ich muss es noch einmal sagen; er schmeckt wahrhaftig besser, als der auf meinem Landgute Welgelegen. Es wird aber schon wieder vergehen."
Nur mit Mühe gelang es dem schwärmerischen Holländer, seinen Diener zu beruhigen. Am meisten wirkte dazu die Versicherung, dass aller Wahrscheinlichkeit nach dieser exaltierte Zustand eine rettende Krise seines Übels sei, dass die Wassersucht durch die Schwärmerei eine Stopfung erhalten habe. Der alte Schwärmer stand auf und schickte sich zum Rückwege an, Sebulon packte das Teegerät zusammen. Mynheer van Streef sah sich um und sagte: "Ich möchte wohl ein Angedenken an diesen ziemlich erträglichen Platz und an die schöne Stunde, in welcher mir der Tee so wohl schmeckte, mitnehmen, ein Erinnerungszeichen an die hiesige Schwärmerei." – "Was sollen wir mitnehmen?" versetzte Sebulon noch immer ziemlich kleinlaut, "wir können doch nicht die Boompges (er meinte die Lorbeeren) oder die grossen Klinker (er meinte die Klippen) einpacken." – In diesem Augenblicke sah er mich, der ich hinter einem Felsen den schwärmerischen Auftritt belauscht hatte, zog mich hervor und rief: "Was für eine Kreatur ist das?" Der schwärmerische Holländer besah mich, und sagte dann langsam: "Wirf dem Vieh einen Strick um den Hals, Sebulon. Das will ich mitnehmen als Angedenken an diese schöne Stunde. Es scheint zu einer unbekannten Tierart zu gehören; Mynheer de Jonghe, der in Batavia gewesen ist, soll mir sagen, ob sie auch auf Java vorkommt."
Was sollte ich machen? Ein Entrinnen war nicht möglich, auch muss ich bekennen, dass die Reste der Menschheit in mir einige Freude darüber empfanden, wieder unter ihresgleichen zu kommen; obgleich eine geheime düstere Ahnung mir zuflüsterte, dass die Schwärmerei des Holländers mir drückend werden könne. – Ich liess mir das Fangseil geduldig um den Hals schlingen und verliess mit meinem neuen Herrn, der sacht voranritt, und Sebulon, der mich am Stricke hinter sich her führte, den Berg, auf welchem mir so vieles begegnet war. Vor unserem Abmarsche hatte Sebulon die Kantinen, die zu beiden Seiten des Pferdes hingen, mit wasser der Hippokrene füllen müssen zu einem nochmaligen Tee auf dem Landhause Welgelegen.
Am fuss des berges war Mynheer van Streef schon wieder ebenso verdriesslich, wie vorher, und diese Stimmung blieb ihm auch während der ganzen Reise. Wir setzten dieselbe, nachdem wir in ebnere Gegenden gekommen waren, zu Wagen fort, d.h. Herr und Diener sassen im Wagen, und ich lief nebenher – ihr mögt mir es glauben oder nicht, es liegt mir nichts daran, aber wahr muss wahr bleiben – ich habe die paar hundert Meilen zu Fuss zurückgelegt, ausgenommen eine kurze Strecke des Adriatischen Meers, die wir auf einer sklawonischen Schebecke durchschnitten. Ja, neben holländischen Schwärmern lässt sich schon zu Fuss fortkommen!
Bald genug aber sehnte ich mich auf den Helikon zurück. Denn die herrschaft von Altniederland ist die härteste, die es gibt. Ich wurde behandelt wie eine Kolonie, für mein Futter musste ich selbst sorgen, auf der sklawonischen Schebecke bekam ich, Gott verdamme mich, nichts zu geniessen als den Duft von Hyazintenzwiebeln, die Mynheer van Streef gekauft hatte, und welche neben meinem Verschlage lagen. Dazu die Einseitigkeit einer Reise nach dem Bleistiftstrich! Denn nach diesem machte mein Herr auch seine Rückfahrt. Die meisten Merkwürdigkeiten der Örter lernt man oft nur zur Hälfte kennen. So z.B. habe ich in Frankfurt das Inkompetenzgebäude nicht zu sehen bekommen, weil unser Strich durch die Judengasse ging.
Nun, diese Unannehmlichkeiten hatten zuletzt auch ein Ende. Wir trafen in Amsterdam und eine Stunde später auf dem Landhause Welgelegen ein. Bei dem Anblicke des Kanals, der ebenen Wiese, der zwölf Windmühlen, endlich bei dem Anblicke seines stillen Hauses mit den herabgelassenen Fenstervorhängen, mit dem buntgepflasterten hof, mit der Voliere aus vergoldetem Draht und mit dem grünen, eingezäunten Flecke, auf welchem Gold- und Silberfasanen nebst anderem Getier spazierengingen, vergoss Mynheer van Streef zwei runde Tränen und sagte zu Sebulon: "O Welgelegen!" weiter aber nichts. Sebulon schluchzte, beugte sich vor dem Tore zur Erde, gleichsam um sie zu küssen und versetzte: "Welgelegen ist Welgelegen, Mynheer van Streef." In der Pforte standen sechs nordholländische Mägde mit goldenen Blechen in den Haaren, alle weiss und rund und sauber gekleidet, dass sie glänzten. Sie machten einen Knicks, küssten ihrem Herrn die Hand und sagten: "Viel Glück und Heil zur Rückkunft, Mynheer." Ihren Kreis trennte ein kleiner Mann, roten Antlitzes, aber ganz weiss und ehrwürdig eingepudert, schüttelte dem Heimkehrenden die Hand und sprach: "Ich habe davon erfahren, dass Ihr heute kommen würdet, da wollte ich gleich zusehen, ob die Kur angeschlagen habe." – "Doktor, ich schwärmte auf