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dem Ausrufe:

"Mynheer, wir sind am Ziel, und morgen geht es nach unserem schönen Welgelegen zurück."

"Gottlob", sagte der Holländer, der sich bei dem Gedanken an sein Landhaus ein wenig erheitert fühlte, "und ich will, wenn wir nach haus gekommen sind, ein Lustaus anbauen und das soll heissen: Vreugde en Rust. Und aus der Ruhe will ich nicht wieder gehen, möchte auch meine Wassersucht so überhandnehmen, dass alle Deiche von Seeland bedroht wären. Ich kenne gar nichts Wahnschaffneres, als diese griechischen Gegenden, in denen ein beschwerlicher Berg nach dem andern kommt, wo man keine Aussicht auf Kanäle und Wiesen hat, und der Himmel die unnatürliche blaue Farbe nicht los wird."

"Es kann nicht überall Altniederland sein", versetzte der Diener und stopfte sich eine kleine tönerne Pfeife; "es muss auch solche nichtsnutzige Striche Landes geben."

"Wenn ich da mein Landhaus Welgelegen betrachte", fuhr Mynheer van Streef fort, der jetzt etwas gesprächiger wurde, obgleich sein Gesicht so verdriesslich blieb, wie früher, "was für eine andere Gegend ist das! Nebenan liegt Mynheer de Jonghes Schoone Zieht und auf der andern Seite Mynheer van Tolls Vrouw Elizabet, und mitteninne liegt Welgelegen. Ich will nun gar nicht reden von meinen innerlichen Schönheiten und bequemen Dingen, von der Menagerie, von meinem mit bunten Steinen gepflasterten hof, vom Muschelhäuschen, von der Voliere, von den Goldfasanen und den Mistbeeten voll Hyazinten, die hier elend wild wachsenaber Sebulon, denke nur an die schöne Aussicht auf den Kanal, über den alle Tage die sechs braun angestrichenen Treckschuiten von den Jägerchen gezogen werden und auf die unabsehliche Wiese dahinter, in der dann doch auch nicht eine einzige Erhabenheit, so gross wie ein Maulwurfshügel ist, und den Hintergrund von zwölf Windmühlen im Gange! Und dann sieht man das nicht alle Tage, nein, einen um den andern Tag nebelt oder regnet es, so dass die Entbehrung das Glück, um sich blicken zu können, erhöht, und der Himmel bleibt immer, auch wenn es helles Wetter ist, bescheiden, mässig und grau. Wie wird dir denn Sebulon, wenn du an alles das denkst?"

"Abscheulich wird mir zumute", rief Sebulon und warf zornig seine Pfeife an den Boden, dass sie zerbrach. "Hole der böse Feind diese verdammten griechischen Wüsten!"

"Ereifre dich nicht, Sebulon", sagte der Herr schläfrig, mit verdrossenem Mundhängen. "Ein Holländer ereifert sich nicht, oder er prügelt wenigstens jemanden dabei, auf dass der Eifer einen Nutzen habe. Mache mir jetzt Tee, das wasser dort scheint noch so ziemlich klar zu sein, wie es in diesem vermaledeiten land sein kann, denn freilich, wasser von Utrecht ist es nicht. Ich will unterdessen in der 'Elektra' unseres grossen Vondel lesen." Er nahm ein Buch aus der tasche, schlug es auf, und las halblaut mit sonderbarem Patos die Anfangsverse der Vondelschen "Elektra":

O zoon van Atreus zoon, die't opperste gezagh,

In't Grieksche Leeger had, toen hy voor Troje lagh,

Nu zietge zelf het gée, daer staegh uw hart naer

haeckte.

Dit's Argos, d'oude Stad, daer uw gemoed om

blaeckte.

Dit's't woud van zelf, dat dolgeprickelt dier.

Het wolfsveld van Apol, den wolvenschrick, is

hier,

En dees vermaerde Kerck, die Argos Juno wydde,

Rijst ginder hemelhoogh, aen uwe rechte zijde ...

"Ja, ja", unterbrach sich Mynheer van Streef, "das ist denn freilich etwas griechischer, als diese helikonische Knüppeldammwirtschaft." Er summte sacht in seinem Vondel weiter.

Sebulon hatte unterdessen die Reiseteemaschine, welche sein Herr überall mit hinnahm, aus dem Mantelsacke hervorgeholt, Feuer angezündet, wasser aus der Hippokrene geschöpft, es gekocht und grünen Tee aufgeschüttet. Als das unentbehrliche Getränk bereitet war, reichte er seinem Herrn eine Tasse.

Mynheer van Streef führte sie so langsam und mürrisch zum mund, wie er in allen seinen Bewegungen bisher gewesen war. Er kostete und kostete, die schlaffen Lippen zogen sich ein wenig zusammen, dann schluckte er bedächtig den Inhalt der Tasse hinunter, und sagte; "Sebulon noch eine." – Sebulon sah seinen Herrn bedenklich an und schüttelte den Kopf. Die zweite Tasse trank Mynheer van Streef, ohne zu kosten, aus. Seine Augen bekamen während des Trinkens eine Art von Glanz und er sagte: "Sebulon noch eine." – Sebulon reichte ihm zitternd und eine grosse Unruhe in seinen Zügen die dritte Tasse. Diese stürzte Mynheer van Streef beinahe hastig hinunter und darauf sah er fast gegen Himmel.

"Ach, Mynheer!" rief der Diener besorgt, "was ist Euch widerfahren? Sonst braucht Ihr ja auf drei Tassen Tee drei Viertelstunden, und hier geht es wie mit Extrapost in den Magen."

Der alte Holländer sah sehr nachdenklich aus und sagte endlich nach langem Schweigen: "Sebulon, dieser Tee hier schmeckt mir besser als der auf meinem Landhause Welgelegen eine Stunde von Amsterdam."

Da raufte der treue Diener sein Haar, weinte und schrie: "O wehe mir, wehe! Mynheer van Streef ist auf diesem nichtswürdigen Berge toll geworden; sein Tee schmeckt ihm dahaussen besser als daheim; er lobt die Fremde auf Kosten von Altniederland, er ist abgefallen von Oranjeboven und Altniederland.