, oder ein Wolf oder ein anderes Raubtier. Ich weiss nicht, was dem Pferde begegnen mochte, das aber sah ich, weil ich auf der äussersten Linie des Kreises stand, dass das Raubtier ein Stück Fleisch im Rachen trug. Alsobald drang in die beiden jungen Leute auf dem Steine eine konvulsivische Bewegung, ihren scharfen Sinnen brachten die Lüfte von weitem verführerische Botschaft zu, Ross und Schwärmerin sammelten ihre letzten von der Sittlichkeit verschont gebliebenen Kräfte, spreiteten die Flügel aus, und mit dem Gebrumm: "Mist! Mist! Mist!" und mit dem Gesumm: "Luder! Luder! Luder!" flog der Bräutigam rechts, die Braut links davon, ungerührt von Besserungsversuchen, Reden, Rührungen, Strophen und Gegenstrophen das alte Lasterleben von vorn zu beginnen.
Die entsetzte Überraschung der Freier, als Odysseus plötzlich aus Bettlerlumpen mit sieghafter Hoheit hervorleuchtete und die tötenden Pfeile vor sich hingoss, kann nicht grösser gewesen sein, als der Schreck der Mütter und ihrer Gatten bei diesem Anblicke, welcher ebenfalls sozusagen die Hoheit der natur aus Lumpen hervorscheinen machte. Anfangs standen sie da, stumm, starr, regungslos, gleichsam ein grosses Viehstück aus Stein, dann aber ergriff sie der haltungsloseste Taumel, und sie rannten nach allen Richtungen ebenfalls auseinander, entweder, weil sie die sittlich Verwahrloseten wieder einfangen wollten, oder auch nur überschattet von dem Dämon, welcher sich ungeheurer Augenblicke zu bemächtigen pflegt. Die Zicklein und Böcklein folgten, so dass die den Gipfel hinan und hinunter rennenden, springenden, stolpernden, stürzenden Tiere demselben ein Ansehen gaben, wodurch er mehr der Kuppe eines tessalischen Zauberberges, als der heiteren musischen Höhe glich.
Was mich betrifft, so war ich an der Quelle zurückgeblieben. Warum sollte ich hinter Käfer und Fliege herlaufen? Mein eigenes Schicksal machte mich bange. Ich fürchtete die Rückkehr der Herde.
Die Mütter hatten mir nämlich schon vor einigen Tagen angekündigt, dass, um auch die letzten Reste der verhassten Menschlichkeit in mir auszutilgen, ich nächstens aus der weiblichen Erziehung entlassen und den Händen der Gatten übergeben werden solle. Dagegen sträubten sich nun aber jene Reste mit aller Macht und vielleicht ebenso heftig, wie die Neigungen des Trygäosrosses gegen Lilien und Rosen. Denn mir blieb ein physischer Abscheu gegen die Gatten beiwohnen, so sehr ich ihre ehrwürdigen Eigenschaften achtete. Aber letztere hatten gewisse natürliche Begabungen an ihnen nicht zu tilgen vermocht, und ich empfand das innigste Grauen vor dem augenblicke, der mich ihrer Atmosphäre so nahe bringen sollte. Indessen standen ganz andere Dinge in den Sternen geschrieben.
Der Hufschlag des Pferdes näherte sich, und es kam ein ältlicher, dicker Mann, dem ein dünner folgte, nach der Stelle zu geritten, wo ich stand. Der Mann trug einen gelben Hut, einen gelben Rock, eine gelbe Hose und eine gelbe Weste, sah sehr blass und aufgedunsen und äusserst verdriesslich aus. Schon sein Ansehen und der völlig gleichgültige blick, mit dem er die Gegend überschaute, würde mich gelehrt haben, von welchem volk dieser Fremdling sei, wenn ich ihn auch nicht sobald hätte reden hören. Der Diener half seinem Herrn vom Pferde, führte ihn zu dem Steine, auf welchem das Brautpaar gestanden hatte, liess ihn niedersitzen, gab ihm ein spanisches Rohr in die Hand, schob dessen Knopf unter sein Kinn, und richtete auf diese Weise gleichsam die Statue eines gefühllosen Naturbeschauers zu. Der Herr liess nämlich alles phlegmatisch mit sich vornehmen und antwortete nur spärlich auf die Reden des Dieners, welcher ziemlich gesprächig war.
Aus ihrer Unterhaltung erfuhr ich, dass der gelbe Dicke ein reicher, vom Geschäfte zurückgezogener Rentenierer war, welcher unweit Amsterdam und eine Stunde von Haarlem auf seinem Landhause gelebt hatte. Da sich die Anfälle des Podagras bei ihm mehrten und gewisse Vorboten der Wassersucht erschienen, so war ihm von seinem arzt eine Reise in die südlichen Länder verordnet worden. Dazu wollte sich denn auch Mynheer van Streef verstehen und erklärte seine Bereitwilligkeit, bis in den Reichswald bei Kleve zu reisen. Der Arzt erklärte aber dagegen, er sei missverstanden worden und nannte ihm die ungeheure Meilenzahl, welche er wenigstens abzureisen habe. Der Holländer war hierüber anfangs, soweit sein Naturell dies zuliess, in einige Verzweiflung geraten, jedoch endlich, weil der Arzt ebenfalls ein ruhiger hartnäckiger Altniederländer war, und seinem Patienten mit grösster Fassung Todestag, ja Todesstunde vorausgesagt hatte, wenn er nicht Folge leiste, genötigt gewesen, sich zu fügen, und an die Reise zu denken, die er in südöstlicher Richtung vornehmen musste, da er südlich auf der Karte die verordnete Meilenzahl nicht vor sich sah.
Um dies zu verstehen, muss gesagt werden, was ich aus den Gesprächen heraushörte, dass nämlich Mynheer van Streef durchaus nur seine Meilen in gerader Richtung, ohne durch Umwege und Absprünge ihre Zahl zu erfüllen, verreisen wollte. Denn da ihm die Reise äusserst zuwider war, so hasste er alles, was ihr den Schein einer Wanderung zum Vergnügen hätte geben können. Er zog deshalb auf seiner Karte von Europa nach dem Lineal mit Bleistift einen Strich von Amsterdam nach Südosten, mass daran die Meilen, fand, dass ihre Zahl sich genau auf dem Gipfel des Helikon vollende, und war so, immer streng dem Striche nachreisend, und weder rechts noch links abweichend, allgemach auf den geheiligten Berg gekommen.
Hier tröstete ihn nun der Diener, nachdem er ihm Vorstehendes in einzelnen Bemerkungen erinnerlich gemacht hatte, um ihn durch den Gedanken an die notwendigkeit der Reise und ihre strenge Konsequenz aufzurichten, mit