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er aber alsobald wieder von sich gab, so übel bekam ihm der höhere und reinere Lebensgenuss! Die Fliege bezwang ihr schauderndes Gemüt und verrichtete über der Feige einigermassen und gleichsam zur probe das, was von ihr im Namen der Tugend gefordert wurde. Plato und Solon hatten gelauscht und an dem Geräusche, welches drinnen entstanden, abgenommen, dass etwas Entscheidendes vorgefallen sein müsse. Öffnend jetzt die beiden Verliesse, sahen sie Lilien und Rosen angenagt, das Feigenstücklein beschmeisst, Ross und Schwärmerin aber halb ohnmächtig auf dem rücken liegen. Solon und Plato umarmten einander mit den Vorderbeinen und riefen: "Triumph! die Tugend hat gesiegt! Das Laster ist aus dem Busen dieser sittlich Verwahrloseten gewichen, sie werden nie wieder in ihre schimpflichen Angewöhnungen zurückfallen!"

Der jubel drang zu den übrigen Ziegengatten, welche ungeachtet ihrer Ehrwürdigkeit den frohen Fall mit einem herrlichen Reigentanze in den kühnsten Sprüngen feierten. Auch die Mütter und uns Zicklein und Böcklein zog das Getöse herbei. Die Mütter wurden mit wenigen freudigmeckernden Worten von dem Gelingen der Versittlichung in Kenntnis gesetzt, sahen Ross und Schwärmerin die Füsse von sich strekken und vergossen Tränen der Rührung. Wie die Frauen denn immer mit blitzschneller Ahnung das Höchste, Richtigste treffen, so ging auch in den helikonischen Ziegen damals die Blüte des versittlichenden Wirkens auf. – "Lasst uns aus diesen beiden der Tugend gewonnenen Wesen ein Paar machen!" riefen die Ziegen begeistert. "Verheiraten wir sie miteinander, und als Aussteuer geben wir ihnen so viele Lilien, Rosen und Feigen, als sie am Helikon finden können!"

Ein unglaublicher Sturm des Entzückens folgte diesem Vorschlage. Zwar wollte der ehrwürdige Moschus den Zweifel erheben, ob selbiges Ehebündnis wohl fruchtbar ausfallen möchte, und der kritische Bion erst die Neigungen von Braut und Bräutigam prüfen; aber die erwähnten Bedenken fanden keinen Anklang, vielmehr rief der Chorus der übrigen einhellig: "Wo die Tugend zusammenführt, kommt es auf Neigung und Fruchtbarkeit nicht an!"

Man wollte sogleich zu diesen Hymenäen im Namen der Sittlichkeit schreiten. Plato und Solon nahmen das Trygäosross und die blaue Schwärmerin auf ihren rücken. Sie schritten voran, die ehrwürdigen Gatten folgten ihnen paarweise, denen folgten die rechtschaffenen und wohltätigen Mütter, hinter den Müttern sprangen wir Zicklein und Böcklein, und so setzte sich der Zug nach dem platz an der Hippokrene in Bewegung, wo die Hochzeit gefeiert werden sollte.

Dort angekommen, nahm die alte verständige Sisi das Ross zwischen ihre Lippen, die gute Quiqui aber tat desgleichen mit der Schwärmerin. Sie trugen demnächst das Brautpaar zu einem hohen Steine, stellten die beiden jungen Leute, welche von der freien Luft erfrischt, wieder stehen konnten und überhaupt mit jedem Augenblicke munterer zu werden schienen, auf den Stein nebeneinander, und darauf schlossen wir alle, jung und alt einen weiten Kreis um das Paar. Das in der Eile entworfene Programm der Festlichkeiten ordnete diese Reihenfolge derselben an: Strophe; Reden von Solon und Plato; Gegenstrophe; Zeremonie, Schlussgesang, gymnisches Spiel, Reigentanz, Festmahl.

Eine der kleinen lahmen Grillen, die einzige, welche mit dem Kunstackebrettlein aus Blättchen und Dörnchen hatte fertig werden können, war zur Festsängerin ernannt worden. Als daher der Kreis sich gebildet hatte, schritt oder hüpfelte vielmehr diese Dichterin des Wohltätigkeitsvereins zur heiligen Quelle, netzte darin ihre Fresszangen ein weniges, verdrehte darauf die goldgelben Äugelein im kopf, erreichte mit einem lahmen Sprunge das Gezweig einer Tamariske, nach vergeblichen Bemühungen, auf einen der Lorbeerbäume, den niedrigsten unter allen, zu gelangen, stimmte das Hackebrettlein, putzte die Fresszangen an demselben ab, und sang nun, das Kunstinstrumentlein schlagend, begeistert folgende:

Strophe

Der Käfer ist ein Schweinichen,

Brumm! Brumm!

Die Fliege hat sechs Beinichen,

Summ! Summ!

Die Fliege hat den Käfer lieb,

Der Käfer ist ein Herzensdieb;

Summ! Summ! Brumm! Brumm! Brumm! Brumm!

"herrliche Poesie! Nahrung für Gemüt und Gefühl!" meckerten die Ziegen. – "Reines Gefühl, mit keinem Gedanken belastet! Echt lyrisch!" murmelten die Bökke. – Solon und Plato traten in den Kreis vor das Brautpaar und redeten nacheinander. Sie hielten ihm in eindringlichen Worten die Schändlichkeit seines früheren Lebenswandels vor, dann führten sie aus, dass die Göttin der Tugend eine gute alte Mama sei, immer zum Verzeihen bereit, dann kamen sie auf Lilien und Rosen, Feigen, Felsritzen und Astlöcher. Im ersten Teile machten sie das Brautpaar herunter, im zweiten erhoben sie es, in der Nutzanwendung wussten sie selbst nicht mehr, was sie wolltenihre Sermone hätten gleich als Muster von Kasualreden abgedruckt werden können.

Ich glaubte zu bemerken, dass das Brautpaar auf die Reden nicht achte, sondern nur Leib und Flügel einzuüben scheine, teilte diese Beobachtung meinen Nachbarn mit, die jedoch, ganz in die Würde des Festes versenkt, meiner Worte nicht achteten. Nach den Reden sang die Grille folgende

Gegenstrophe

Und ist er denn ein Schweinichen,

Brumm! Brumm!

Und hat sie denn sechs Beinichen,

Summ! Summ!

So reicht einander jetzt die Füss'

Und sei der Ehestand euch süss;

Brumm! Brumm! Summ! Summ! Summ! Summ!

Indem es aber nun zur Zeremonie kommen sollte, und die Ziegen Sisi und Quiqui das Paar ersuchten einander die Füsse zu geben, nahm die Feierlichkeit eine plötzliche unerwartete und unglückliche Wendung. Denn zur Rechten wurde in der Entfernung der Hufschlag eines Pferdes hörbar, und zur Linken kroch unten durch einen Bergspalt ein Fuchs