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nimmer ein, zu empfangen? Schreckliche, unbegreifliche Verirrung, das, was Trift und Gefilde heilsam in das Reich der blonden Demeter emporschickt, zu verachten, und erst dann danach zu streben, wenn es, in den Hades gestossen, dem gestaltenlosen Schattengebiete der traurigen Persephoneia angehört! Liebst du des Hafers goldenes Korn, warum frissest du nicht Hafer? Gelüstet dich nach dem Spross des Grases, weshalb beissest du nicht in Gras? Was reizt, was verführt dich, das alles erst umgestimmt, entmischt, abgenützt zu mögen? Höre dieses freudige Knirschen und Rauschen vor deinem Kerker, vernimm, wie ich in dem saftigen, fetten Portulak, in der wilden bittern Kresse, in dem erfrischenden Sauerklee schmause. Könntest du denn nicht, wenn du frei wärest, neben mir brüderlich sitzen und dieser von der Oreas uns verliehenen Blätter dich erfreuen, als einige Schritte weiter zurück, ein Helot und Barbar, zu harren, ob dir ein von der Harpyie besudeltes Mahl werde? Oder sagst du: 'Ich bin Käfer, du bist ein Ziegengatte'? Nun so blicke auf deinesgleichen, sieh, wie der kleine rote zirpende Schelm das süssduftende Blatt der Lilie nagt, wie der Runde mit kupferbraunen Flügeln und grünem Schilde im Schosse der Rose schwelgt! Denen folge, denen schliesse dich an, bei ihnen ist deine Stelle! Friss Lilien, wenn du nicht Hafer, friss Rosen, wenn du nicht Portulak, Kresse und Sauerklee fressen willst!"

Nach diesen Reden fühlte sich der edle Solon immer mit neuem Appetite versehen und war zu erhöhter Tätigkeit an den Bergkräutern aufgelegt. Plato, wenn er vom Feigenfrass rastete, hielt Ermahnungen ungefähr des nämlichen Inhalts an seine Schülerin. Auch er riet der Fliege auf das eindringlichste, verdorbenes Fleisch zu lassen, in Zukunft Feigen zu fressen und auf Feigen ihre Eier zu legen. Er suchte besonders auf das Muttergefühl zu wirken und in glänzenden Bildern ihr vorzustellen, welch ein begabteres Geschlecht ihre Brut werden würde, wenn sie statt in Dust und Dunst, da droben auf sonnebeschienenem, lüftegewiegtem Zweige auskäme. Auch er verzehrte nach seinen Reden immer wieder Feigen, solange dergleichen noch am Baume hingen, dann nagte er die Zweige ab, so dass der Baum ein ziemlich verwüstetes Ansehen zu bekommen anfing.

Das Ross des Trygäos und die blaue Schwärmerin lebten bei diesen Ermahnungen in ihren Besserungslöchern ein trauriges Leben. Sie waren beide schlichte, rohe Naturwesen ohne alle Teorie, praktischen Trieben ergeben. Anfangs rasten sie wie wahnwitzig brummend und schnurrend in den Kerkern umher, da ihnen dieses aber nichts half, so wurden sie still und hörten den Reden ihrer Verbesserer zu. Von denen verstanden sie nun aber nicht das mindeste, als, dass der Käfer Lilien und Rosen fressen, die Fliege sich zu Feigen wenden solleZumutungen, die Ross und Schwärmerin ausser sich setzten, weil sie ihnen das Beleidigendste dünkten, was ihnen nur gesagt werden konnte. "Seelenverkäufer! Seelenverkäufer!" brummte der Käfer. – "Warum soll denn unsereins nicht fressen, was unsereinem schmeckt?" – "Ich such', such', such' Geruch!" summte die Fliege. Am meisten ärgerte es die beiden Kandidaten der Sittlichkeit, dass sie ihre Besserer draussen behaglich in Laub und Feigen knarpen hörten, und dass denen die tugendhaften ermahnenden Reden gleichsam nur dienten, sich der Verdauung halber nach dem Essen eine Bewegung zu machen. Indessen nahmen die Dinge für beide eine sehr ernste Gestalt an, denn sie bekamen natürlich nicht das allergeringste zu essen und fielen daher während ihrer Bearbeitung zu einem reineren Leben jämmerlich ab. Das Trygäosross wurde so matt, dass es kaum noch auf den Füssen stehen konnte; die blaue Schwärmerin liess kraftlos die Flügel hängen.

In dieser traurigen Verfassung überkam sie der den Tieren eingepflanzte schlaue Trieb der Selbsterhaltung. Sie setzten sich vor zu heucheln, und gaben klägliche und melancholische Töne von sich. "Höre!" rief Solon dem Plato zu (denn Felsritze und Feigenbaum waren einander nahe); "das Laster schlägt in sich, die ersten Kennzeichen der Reue sind zu spüren." – "Meine arme Gefallene ächzt auch schon über ihr Unheil", versetzte Plato. Nach einiger Zeit prüften die beiden ehrwürdigen Ziegengatten den Sinn der Bekehrten, indem Plato ein Stückchen Feige, welches noch am Baume gehangen hatte, vorsichtig in das Astloch schob, Solon aber ein Lilien- und Rosenblättchen unter den Kiesel in die Felsritze zu bringen wusste.

Ross und Schwärmerin erbebten vor Grimm bei dieser Darlegung abscheulicher Anträge, wie sie ihnen vorkommen mussten. Die Schwärmerin wich entsetzt vor dem Feigenstücklein in die letzte Ecke des Astloches zurück, das Ross stiess die Blätter, deren Geruch ihm den Atem raubte und die Luft seines Wohnortes ihm zu verpesten schien, mit den kurzen, kräftigen Beinen von sich ab. – "Niederträchtiger Gestank!" brummte es. – "Sollte man's glauben, dass es Narren gibt, die an dem greulichen Zeuge Behagen finden? Ich ersticke! O meine Ambrosia!" – "Feigen! Feigen! Feigen! Kinderpapp! Kinderpapp!" tosete die Schwärmerin.

Aber ihre Lage war zum Äussersten gediehen. Die Besserer draussen, das begriffen die Opfer der Sittlichkeit drinnen, konnten es bei guter Nahrung mit ansehen, wenn sich das Geschäft auch noch so sehr in die Länge zog. Hunger tut weh, Verstellung tat not, die draussen zu täuschen. Der Käfer überwand sich und frass unter Verwünschungen und Zuckungen etwas Lilien und Rosen, welches