nicht zurückbleiben. Sie gehörten ebenfalls nicht in die Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten, was mir gewiss jeder, der einmal einen solchen Gatten gesehen hat, auf mein Wort glaubt. Da nun die Gattinnen ihnen schon das Elend des Geschmeisses weggenommen hatten, so waren sie auf dessen Laster beschränkt und stifteten unter sich einen Verein "zur Rettung sittlich verwahrloseter Naturwesen". Der Zweck desselben war, durch moralische Einwirkung, durch tugendhafte Anrede und herzliche Aufmunterung zum Guten alle die Tierlein, welche ihrer natur nach stechen, beissen, kratzen, stehlen, oder sich von schmutzigen Dingen nähren, zu einem unschädlicheren und reineren Leben anzuführen. Nach der Absicht der Stifter sollte, wenn der Verein wirklich durchgriffe, die Mücke ihrem Stachel und der Floh seinem Blutdurst entsagen lernen, die Elster auf den Diebstahl verzichten, Würmer und Maden aber von Unrat und Aas sich entwöhnen.
Da ich mich allein bei den Ziegen aufhielt, so kann ich nicht sagen, wie weit der Besserungsverein mit seiner Tätigkeit gediehen war, als ich auf den Helikon kam. Ich weiss nur, dass allerhand Geziefer auch auf diesem heiligen Berge stach, biss, kratzte, stahl und Unaussprechbares frass, weiss aber nicht, ob es gebessertes oder ungebessertes war. Einer einzigen Versittlichungsgeschichte Augen- und Ohrenzeuge bin ich geworden, von ihr will ich berichten, muss ich sogar berichten, da sich eine Katastrophe mit ihr verband, welche zu weiteren Schicksalen Münchhausens des Kindes, damals Böckchens, führte.
Die vereinigten Böcke ... oder vielmehr die sittlichen Gatten der wohltätigen Ziegen waren an dem Tage, der meiner Auffindung folgte, an den Ort gekommen, wo der grossmütige Engländer sein Pferd hatte grasen lassen und der tote Lämmergeier lag. Wo das Pferd gestanden, fanden sie einen Käfer mit schwarz-glänzenden Flügeldecken, einen der Art, welche bei Aristophanes die Knechte des Trygäos dem Herrn für den Ritt zu Zeus auffüttern, und die Deutschen Mistkäfer nennen. An dem Halse des Geiers aber bemerkten sie die stahlblaue Fliege, Schmeissfliege geheissen. – "Ich will, Bruder Schnuck, ungeachtet deine göttliche Tochter nicht zugegen ist, dennoch den Käfer aus Rücksicht auf deine Delikatesse nur das Ross des Trygäos und die Fliege die blaue Schwärmerin nennen", sagte Münchhausen, vom Manuskripte aufsehend.
"Erlaube" – rief der alte Baron fast wütend.
"Erlaube mir", sagte Münchhausen, "dir die geschichte von dem Käfer und der Fliege vorzutragen." –
"Dreht sich einem nicht das reine Herz im leib um", rief einer der Gatten, "zwei Mitwesen in solcher Niedertracht zu sehen? O Brüder, lasst uns hier helfend einschreiten, lasst uns diesen Gefallenen die rettende Klaue reichen, entwöhnen wir den Käfer von seinen üblen Neigungen, die Fliege von der leidenschaft, selbst die ungeborene Zukunft ihres Stammes einem verdorbenen Elemente einzupflanzen, machen wir Käfer und Fliege zu anständigen Leuten, die in der guten Gesellschaft fortkommen können!"
Allgemeiner Beifall folgte dieser Rede. Einstimmig beschloss man, das Ross des Trygäos und die blaue Schwärmerin sollten sittlich und anständig werden, sie möchten wollen oder nicht. Vorsichtig scharrte der Redner, der Ziegengatte Solon (sie hatten sich lauter Namen von weisen und erhabenen Männern des Altertums beigelegt), den Käfer von seinem Mahle mit der Klaue hinweg und trieb ihn in eine Felsritze, die sofort durch einen vorgewälzten Kiesel zum Besserungsgemache erschaffen wurde. Diese Unternehmung hatte wenig Schwierigkeiten gehabt, denn ehe ein Käfer zum Fliegen gelangt, dauert es einige Zeit mit Bauchdehnen und Halsrecken. Schlauer musste man mit der Fliege zu Werke gehen, der wohlbeschwingten Schwärmerin. Indessen gelang es dem jungen Plato, einem Ziegengatten von der unerreichbarsten Hoheit der Gedanken, die zu Bessernde zu beschleichen, sie mit seinen Lippen zu erschnappen und zwischen denselben nach dem Astloche eines Feigenbaumes zu tragen, worin sie durch einen vorgestopften Pflock verspündet wurde. Man teilte das freudige Ereignis bei der nächsten Zusammenkunft den Gattinnen mit, welche nicht verfehlten, an den Hoffnungen des Vereins den lebendigsten Anteil zu nehmen. Auf diese Weise erhielt ich von der Sache Kunde. Wir Zicklein und Böcklein mussten nun den Ort, wo das Pferd des grossmütigen Engländers gestanden, rein scharren, die erwachsene Herde stürzte aber den Leichnam des toten Geiers in einen tiefen Abgrund, um von den beiden eingesperrten Zöglingen der Sittlichkeit alle Anreizungen zum Laster zu entfernen.
In den folgenden Tagen begannen nun Solon und Plato, unterstützt jezuweilen von den übrigen Mitgliedern des Vereins, ihre Reden und Ermahnungen an das Trygäosross und die blaue Schwärmerin. Solon lag vor der Felsritze und hielt seine Schnauze an ein federspulenkleines Löchlein, welches der Kiesel unbedeckt liess; Plato stellte sich an dem Feigenbaume auf die Hinterfüsse, hielt sich mit den Vorderfüssen am Stamme fest und legte das Honigmaul gegen das Astloch, um sich verständlich zu machen. In dieser Stellung oder Lage hielten die beiden Böcke ihre Besserungsreden, wenn sie nicht frassen, der eine die Feigen des Baumes, der andere das junge Laubgespross, welches an der Felsritze gerade in der wucherndsten und saftigsten Fülle wuchs.
"Ist es denn nicht besser, sich an reiner und reinlicher Nahrung zu sättigen?" sprach Solon zum Käfer, wenn er von dem Genusse des Laubes ausruhte. – "Fühlst du denn nicht, du armer Gesunkener, dass uns alle, Ziegen, Käfer und Fliegen, Zeus der Vater in die Furchen der brütenden Mutter aussäte, die Speise aus der Hand der Götter, nicht aber sie aus der Pforte, die da stets nur auslässt und