, Vögeln und kleinen Säugetieren, die in Not staken. Er hielt wöchentlich seine regelmässigen Sitzungen; ich habe mehreren derselben beigewohnt, da man mich als Böcklein von guten Anlagen für würdig hielt, so edle und gemeinnützige Tatandlungen kennenzulernen. Die Ziegen pflegten an einer beschatteten Stelle des berges im Kreise umherzuliegen und wiederzukäuen; die verständige tugendhafte Sisi aber, welche auf einem erhöhten Steine in der Mitte des Kreises ruhte, führte in diesen Konferenzen das Präsidium. Während des Wiederkäuens wurden denn nun Notfälle der verschiedensten Art in barmherzige Erwägung gezogen, als z.B. wie einer Hummel zu helfen sei, welche die Ziege Riri hatte in das wasser fallen sehen? ob man nicht einer erlahmten und erstummten Grille eine Art Hackbrettlein aus Blättchen und Dörnchen zurichten lassen könne, um ihr die Ausübung ihrer Kunst für die Zukunft wenigstens einigermassen möglich zu machen? oder in welcher Art einer in ihrem Loche darbenden Maus Futter für sich und ihre Jungen geschafft werden möge, von der die Ziegen wussten, dass sie ohne Verschulden in solche Nahrungslosigkeit geraten war, und was dergleichen wohltätige Massnahmen mehr waren, welche den helikonischen Ziegen und ihrem Vereine einen fast göttlichen Namen bei allem notleidenden Geschmeisse zuwege gebracht hatten. Ich sage: Bei dem Geschmeisse, denn was die edleren Geschöpfe betrifft, so wollten diese von dem Vereine und seinen Taten nichts wissen. Die Steindrossel hörte auf zu singen, wenn die Ziegen in der Nähe ihres Busches ratzuschlagen begannen, eine weisse Hinde, welche zuweilen besucheshalber auf den Berg kam, wies, als die Ziegen ihr den Antrag machten, in den Wohltätigkeitsverein zu treten, statt aller Antwort nur den stolzen rücken, und die Lorbeerbäume, unter welchen die Sitzungen vor sich gingen, habe ich oft die Kronen hochmütig schütteln sehen, wenn die Reden der Ziegen im tönendsten Schwunge und ergiebigsten Flusse waren. Ja, einer jener geweihten Bäume musste die Nähe der barmherzigen Ziegen selbst körperlich nicht vertragen können. Er bekam ein krankes Ansehen und ging endlich ganz aus.
Auch erreichten die Mütter nicht in allen Fällen ihre tugendhaften Zwecke. Es war streng verboten, dass von irgendeiner Ziege privatim, ohne aufsehen, aus dem Stegreife, wie sie sie fand, Not gelindert werden durfte; nein, alle Wohltätigkeit sollte seit der Stiftung des Vereins im Geschäftswege verwaltet werden, und die Einzelziege war streng angewiesen, dem leidenden Wesen, welches sie traf, vorüberzugehen und über den Fund nur dem Vereine zu berichten. Auf diese Weise wollten die helikonischen Mütter die gemeine, instinktartige Milde ausrotten und an deren Statt die höhere, selbstbewusste, die administrierende Milde pflanzen. Da es nun aber immer mit einiger Weitläuftigkeit verknüpft war, eine Sitzung zustande zu bringen, die Sitzungen selbst jedoch das Weitläuftigste bei der ganzen Sache wurden, indem die Ziegen meckernd und wiedermeckernd gleichsam ausser ihrem Futter auch die Barmherzigkeit wiederkäuten, so kam oft alle hülfe zu spät. Die Hummel, welcher ein auf der Stelle zugeworfenes Blatt das Leben gerettet hätte, war während der Reden über die Pflicht, sie zu retten, untergegangen, und die Maus, der die vorübergehende Einzelziege ein paar Körner hätte zuscharren können, bis es zum Gesamtwirken für sie kam, Hungers gestorben.
Mitunter war etwas unternommen worden, was gegen die natur anging. So konnte fast keine der lahmen Grillen mit den Kunstackbrettchen fertig werden. Am schlimmsten waren, wie ich schon angedeutet habe, die langen und weitläuftigen Sitzungen des helikonischen Ziegenvereins für uns Zicklein und Böcklein. Wenn wir während derselben ohne Weg und Steg und oft ohne Futter umherliefen, wenn Gefahren und Raubtiere uns Ausserachtgelassenen drohten, da konnten wir armen Schluckerchen nicht selten unsere bitteren Tränen darüber vergiessen, dass die Mütter an ertrinkende Hummeln, lahme Grillen und hungernde Mäuse dachten und uns vergassen. Indessen waren solche Tränen und jene Missglückungen im ganzen unwichtig. Die Helikonierinnen lernten sich durch den Verein in ihrer Vortrefflichkeit immer mehr fühlen und an ihrer eigenen Tugend begeistern, und darauf kam es doch hauptsächlich vor allem an.
Ich habe lange nicht gewusst, auf was Art diese
Stimmung, welche die eigene Familie um Geschmeiss hin und wieder vernachlässigen lehrte, und eine schlichte und unscheinbare Barmherzigkeit zu einem glänzenden Geschäfte aufzublasen antrieb, bei den Helikonierinnen entstanden war. Endlich konnte ich mir das Rätsel erklären. Die helikonische Herde soff nämlich, wie wir wissen, aus der Hippokrene. Diese Quelle wirkt nun bei allen, welche sie trinken, die gewaltigsten Dinge, jedoch nur bei den durch das Schicksal dazu Vorbestimmten jenen reizenden Wahnsinn, den wir kennen, bei vielen dagegen versetzt sich das wasser und schafft entweder die abscheulichsten Würfelreime, wie bei mir der Fall war, so oft ich trank, oder einen sozusagen erhitzten und geschwollenen Zustand im Handeln und Empfinden, den man die blühende Prosa des Lebens nennen könnte.
Die helikonischen Ziegen gehörten nicht in die
Reihe der zum reizenden Wahnsinn Vorbestimmten. Bei ihnen wirkte die Quelle den Drang zu unnötigen Tugenden und überflüssigen Wohltätigkeiten. Ihr Zustand war blühende Prosa. Dieser Zustand rührte von versetzter Hippokrene her.
Wie oft musste ich, als ich nachmals mehr unter
Menschen kam, und ihre geschmacklosen Herrlichkeiten, ihre Aufspannungen für und um das Erbärmliche kennenlernte, still für mich ausrufen: "Versetzte Hippokrene!" – Wo diese mit der blühenden Prosa in ihrem Gefolge auftritt, da stirbt das melodische Getön der Steindrossel, da weiset die stolze weisse Hinde vornehm den rücken, da schüttelt der Lorbeer zornig die Krone, oder geht aus.
Auch die Gatten der Ziegen soffen für gewöhnlich aus der Hippokrene und wollten hinter den Gattinnen