, und einer der ihrigen zu heissen verdiene. So zerklopft der Wegewärter an der Chaussee die grossen Steine und pflastert dann mit den kleinen Bröckelchen die gemeine Heerstrasse des täglichen Verkehrs zu Fuss, zu Pferd und zu Wagen, mitunter auch zu Esel." "Erlaube mir", rief der alte Baron hier abermals dazwischen, "diese hirnlosen Geschichten nunmehr zu unterbrechen, und lass uns von unserer Fabrik" – "Sogleich", versetzte Münchhausen. "Meine Erzählung dauert kaum noch eine Viertelstunde." Ich war nun gleichsam Hahn im Korbe bei den guten und edlen Ziegen am Helikon. Sie liebten mich fast mehr, als ihre eigenen Kinder; natürlich, ich war ja das Kind ihrer Wahl und hatte für sie ausserdem das besondere Interesse, dass noch einige Reste der Menschheit in mir staken, welche ihre fernere Erziehung ebenfalls auszutilgen berufen schien und hoffen durfte. Sie bildeten und besserten unaufhörlich an mir, d.h. sie leckten und putzten mich beständig, um den vollkommenen Bock aus mir herauszulecken und zu -putzen, und jedes Fünkchen widerstrebender Menschheit mir abzulecken. Ich musste mir das gefallen lassen, obgleich ich es gern gesehen hätte, ein Stückchen Mensch zu bleiben, der möglichen Fälle halber, in welchen ein zweites Metier von grossem Nutzen sein kann. Auch meine Sprache war ihnen noch nicht akademisch genug; sie meinten, es sei nicht das reine toskanische Meckern. Ich muss hier einschalten, dass ich mich deshalb so rasch mit meinen Wohltäterinnen hatte verständigen können, weil meine erste Kindheit mir teilweise unter deutschen Kanzelrednern hingegangen war, und ich daher nur bekannte Töne hörte, als ich zu den Ziegen kam, nur bekannte Töne im Gespräch mit ihnen zu wiederholen brauchte. Indessen, wie gesagt, mein Meckern sollte doch noch nicht ganz rein sein, es mochte wohl noch in etwa den Kanzelredner verraten. Die gelehrte Ziege Pipi gab sich daher an das Werk und unterwies mich im Meckern nach den Regeln der Grammatik. Ich lernte rasch und fand, dass das Ziegenidiom einen grossen Reichtum an eigentümlichen Wendungen für unklare Vorstellungen habe, weshalb es manchen zeiten zu empfehlen sein dürfte, um darin die Geschäfte des öffentlichen Lebens abzuhandeln.
Tage kamen und Tage gingen, daraus wurden Wochen und aus den Wochen stellten sich Monate zusammen, ohne dass unser idyllisches Leben auf dem Helikon irgendeine bedeutende Störung erlitten hätte, ausser dass wir Zicklein mitunter von den Müttern zu sehr allein gelassen wurden und in einer dieser Verlassenheiten zwei junge Böcke einbüssten, welche, den ersten ein Steinadler, den andern ein Goldadler auffrass. Unser Gefühl wurde von diesen Verlusten schmerzlich berührt, obschon die Ziegen Fifi und Riri durch glückliche Entbindungen für den Ersatz sorgten. Jenes nicht selten vorkommende Alleinsein und die Einbusse der beiden Böcklein machte die Reste der Menschheit in mir nachdenken. Ich fragte, wenn wir so uns selbst überlassen umherirrten, kein gutes Futter finden konnten, oder uns durch unüberlegte Sprünge die Füsse verstauchten, oder auch wohl vom richtigen Pfade gänzlich abgekommen waren, wo denn die Mütter seien? und erhielt zur Antwort, dass sie ihre Sitzungen hielten. Fragte ich nun weiter, aus was Grund und zu was Ende diese Sitzungen stattfänden? so erwiderten mir meine Altersgenossen, es seien die Sitzungen des Wohltätigkeitsvereins. Freilich blieb ich durch solche Antworten so klug als vorher; ich schärfte indessen das Auge der Beobachtung und kam auch binnen kurzem der Sache auf den Grund. Leider entdeckten da meine Forschungen gewisse Schattenseiten an dem sonst so liebenswürdigen und vollkommenen Zustande der helikonischen Ziegenherde.
Die wohltätigen und rechtschaffenen Mütter hatten nämlich einen Verein "zur Linderung des Elendes leidender Naturwesen" gestiftet. Dieser Verein war aus den Trümmern eines früheren, untergegangenen entstanden, welcher auf die Verfeinerung ihrer Pelze abgezielt hatte. Ein reisender Waldesel war nämlich einstmals über den Helikon gekommen, hatte aus der Hippokrene gesoffen und darauf von dem wundervollen Gespinste der Tübetziege phantasiert, aus welchem in Kaschmir die herrlichen und kostbaren Schals gewebt werden. Der phantasierende Esel hatte weder Tübetziegen noch Kaschmirschals selbst gesehen, sondern im wald einen armenischen Kaufmann davon reden hören, der zwar mit den Schals bekannt war, die Ziegen aber auch nie in Augenschein genommen hatte, sondern nur von seinem verstorbenen Bruder gehört haben wollte, es gebe dergleichen. Die Phantasie des Esels entzündete aber die Phantasie der Mütter und befruchtete ihren Geist mit dem Ideale einer tübetischen Hochgebirgsziege. Dieses ferne hohe Bild brachte in ihnen den Trieb der Nacheiferung hervor, ihre Pelze dünkten ihnen seit dem Tage roh und gemein, sie verbanden sich, durch ein Leben im höheren Sinne des Worts ihre Wolle zu verfeinern und es womöglich bis zu Kaschmirwolle zu bringen, denn der Pelz ist einer Ziege das, was schönen Seelen ihr Gemüt ist.
Das Leben im höheren Sinne des Worts konnte aber nur dadurch in das Werk gerichtet werden, dass sie alle Gemeinschaft mit ihren Gatten abbrachen und die Milch bei sich behielten. Diese Schritte bedrohten nun die ganze Herde mit dem Untergange, und als die Seufzer der Gatten und das Wimmern der Zicklein ihnen die Gefahr einleuchtend gemacht hatten, so mussten sich die hochherzigen Ziegen entschliessen, dem schönen Unternehmen zu entsagen; schmerzlich ergriffen, denn wie es ihnen vorkam, war während der wenigen Tage, wo Gatten und Kinder darbten, ihr Pelz schon merklich feiner geworden.
Aus diesem Wolleverbesserungsvereine war der "Verein zur Linderung des Elendes leidender Naturwesen" hervorgegangen, weil das höhere Selbst der helikonischen Ziegen Befriedigung wollte und für die Einbusse Ersatz heischte. Der neue Verein bekümmerte sich um jedes Unglück und half allen Insekten