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und vornehmer da, als die Gewächse der Fläche. Wenn der Alpenhauch ihre Spitzen und Kronen rührte, beschrieben die Stengel und Zweige schöne, dem Auge wohltuende Linien in den Lüften. So war jegliches da droben verfeinert, abgeklärt und selbst im Kräftigen zart; Scheltworte, zu denen etwa einmal eines gegen das andere sich vergass, adelten die Winde des Helikon in zierliche Epigramme um; dieses war, was die Nähe bot, die Ferne aber zeigte auch nur Erhabenes: Die göttlichen Häupter des Pindus, Parnassus und Kitäron.

Mittags rasteten wir gewöhnlich auf einer sonnigen Halde. Dann kamen die Gatten der Ziegen zu einem kurzen, aber traulichen Besuche. Sie bewohnten eine andere Felsengrotte an der entgegengesetzten Seite des berges und führten eine abgesonderte Wirtschaft, denn zwischen beiden Geschlechtern bestanden hier die edelsten und keuschesten Verhältnisse. Dann begannen die gymnischen Spiele der Jugend, welchen nur in dem niedern Zustande gemeiner zahmer Ziegen die herabwürdigende Bezeichnung von Bockssprüngen zukommen kann. Hier war in diesen Spielen feurige Kraft und die Blume der komischen Grazie zu schauen. Rings im Kreise gelagert freuten sich die sanften Mütter und die ernsten, ehrwürdigen, bebarteten Väter der herrlichen überquellenden Lust und dachten ihrer einstigen Zeit. Meldete sich nun wieder der Gläubiger unter dem Zwerchfell, der nie die Schuld einzufordern vergisst, d.h. wollten die Ziegen und ihre Gatten noch etwas fressen, so schied man mit herzlichem Grusse und dem frohen, getrosten Worte: "Auf Wiedersehen!" Beide Geschlechter gingen zu ihren Weideplätzen, und nun wurde noch ein leichtes Vesperfutter abgerupft. Wenn aber die dämmernde Eos mit Rosenfingern herabsank, und der Abendtau den klassischen Boden zu netzen begann, schritten wir lieblich meckernd heimwärts, erreichten vor der völligen Finsternis die bergende Höhle und streckten uns saugend oder wiederkäuend in ihrer behaglichen Wärme auf dem sammetnen Moose aus. Bald goss ein leichter, träumeloser Schlummer seinen Balsam auf uns nieder, machte unserem Saugen und Wiederkäuen ein Ende.

Ich sage: "Wir", ich sage: "Uns", ich sage: "Unserem". Mit mir war nämlich eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Ich lernte von Tage zu Tage flinker auf allen vieren laufen, ich nahm an den gymnischen Spielen der Jugend, bei welchen ich mich anfangs höchst ungeschickt betragen hatte, allgemach immer dreister teil und rannte eines Tages erhobenen Leibes, Kopf gegen Kopf mit einem Böcklein, welches mich zu diesem Stosskampfe herausgefordert hatte, so tapfer zusammen, dass das Böcklein stürzte, ich aber stehen blieb, worüber alle Ziegen und ihre Gatten ein herzlich meckerndes Gelächter aufschlugen. Ich hatte, da mir die Milchnahrung nicht genügte, mich an das Nagen von Gräsern und Knabbern von Baumrinde gegeben, zuerst den heftigsten Widerwillen gegen diese Speise verspürt, allmählich aber ihn schwinden sehen und gefunden, oder zu finden gewähnt, dass Gras wie grüner Kohl und Rinde wie Krautsalat schmeckealles das war in mir vorgegangen, aber ich hatte dessen nicht geachtet, weil ich nicht über mich nachdachte. Ein unvorhergesehener Vorfall entzündete endlich in mir die Fackel der Selbsterkenntnis und lehrte mich meinen umgestalteten Zustand verstehen.

Eines Abends liege ich in der Höhle neben der Ziege Quiqui. Die Zicklein sind von den Eutern abgegangen und schlafen schon, die Mütter käuen wieder und unterhalten sich von Freiheit und notwendigkeit. Ich schlafe noch nicht. Es geht mir etwas im kopf umher, was ich nicht zu nennen weiss, es ist ein formloses Etwas, was sich nach und nach durch die Kehle in die unteren Regionen hinabsenkt und dort ein losgebundenes Leben für sich anfängt. Meine Kinnbakken beginnen sich kreuz und quer übereinander zu schieben, und ein sonderbares Nachschroten ohne Gegenstand auszuführen; bald ergreift die angrenzenden und dann die unteren Teile die Mitleidenschaft, mir wird sehr übel, Dinge, die ich für immer abgetan glaubte, steigen in mir auf, ich weiss nicht, was das bedeuten soll, ich befürchte, einen gefährlichen Magenkrampf zu haben, ich ächze, ich stöhne. Teilnehmend rutscht die Quiqui herzu und fragt, was mir fehle? So gut ich unter dem unaufhaltsamen Schieben und Schroten der Kinnbacken es vermag, schildere ich ihr den Zustand; und wer beschreibt meinen Schreck, als die sanfte Quiqui, Tränen vergiessend und mich zärtlich an sich drückend, ausruft: "Heil dir und Segen, herziger Junge! Du bist nun ganz der Unsere, du käust wieder!" – "Ihr Götter!" rufe ich (denn auf dem Helikon spricht man nur mytologisch) "was ist aus mir geworden?" Ich habe aber nicht Zeit, diese Ausrufungen fortzusetzen, denn alle elf andern Ziegen, welche den Freudenschrei der Quiqui vernommen haben, drängen sich um mich, und sind wie ausser sich, die Lili leckt mich, die Pipi neckt mich, die Riri schmiegt sich an, die Fifi riecht mich an, die Titi will mich küssen, die Wiwi hätte vor Liebe mich fast gebissen, Bibi, Didi, Kiki scherzen, Mimi, Nini herzen; von dem jubel erwachen die Zicklein und Böcklein, hören halb schlaftrunken, was vorfiel, und nun erbrauset erst der rechte bacchische Taumel. Das springt, bockt, bäumt, stösst, rennt um mich her, das schüttelt sich, rüttelt sich, tänzelt, schwänzelt, hänselt, dass keine Phantasie, und wäre sie die kühnste und leichtfertigste, diese tolle Szene, beleuchtet von einem zweifelhaften Mondschein, sich vorzustellen vermöchte. Nur die ehrwürdige Sisi behielt einigermassen ihre Fassung, legte, als sie durch das Gewirre zu mir dringen konnte