dann die Fifi, dann die Bibi, dann die Didi, dann die Wiwi, dann die Kiki, endlich und zuletzt morgens gegen vier Uhr die Zizi, die jüngste dieser meckernden Grazien. Denn diese Namen, alle in i endigend, führten die zwölf Ziegen, aus denen die Herde bestand. Ich hatte sie durch ihre gespräche zufällig erkundet. Was meine Nacht betraf, so war sie freilich unruhig, denn ich hatte fast nichts zu tun, als mich niederzulegen und wieder aufzustehen, indessen erfror ich doch nicht.
Wundert ihr euch, dass ich das Gemecker der Ziegen so bald verstehen lernte? Ihr hättet euch eher darüber verwundern sollen, dass ich den Engländer verstehen konnte.
Betrachtungen über mein sonderbares Schicksal raubten mir den wenigen Schlaf, den mir der Wechsel meiner zwölf Wohltäterinnen allenfalls noch hätte verstatten mögen. "So bist du denn", dachte ich, "indem du deine Selbständigkeit erringen wolltest, in die Klauen eines Usurpators und darauf nach kurzem lyrischem Taumel unter das Vieh geraten, von welchem du nicht einmal für voll angesehen wirst." "Erlaube mir", rief hier der alte Baron, da Münchhausen einen Augenblick innehielt, "diese hirnlosen Geschichten zu unterbrechen und mit dir von unserer Fabrik" –
"Sogleich", versetzte Münchhausen, "meine Erzählung geht zu Ende." In den nächsten Tagen besuchte ich mit den helikonischen Ziegen und ihren Zicklein die Weide. Ich muss ihnen das Zeugnis erteilen, dass sich die Ziegenmütter gegen mich immer gütig und liebevoll betrugen, und dass auch ihre Kinder nicht allzuarg mit mir umgingen, obschon diese freilich, mutwillig, wie die Jugend einmal ist, allerhand neckende Possen trieben, welche auf mich Bezug hatten, z.B. sich gegen mich bäumten, mir über den Kopf wegsprangen, nach mir stiessen, und was dergleichen Schalkstorheiten mehr waren, die ich als gebildetes Kind gebildeter Eltern nur verachten konnte. "Du bist unter Ziegen", sagte ich zu mir selbst, wenn der Grimm in mir überwallen wollte, "vergiss das nie, kleiner Münchhausen, du sauer zubereiteter Wurm deines Vaters." Ich fühlte, dass ich mich dem Zustande, in den mich nun einmal die Fänge des Geiers und die Kugel des grossmütigen Engländers geworfen hatten, anbequemen müsse, versuchte also zuvörderst auf allen vieren zu laufen, da ich ohnehin auf meinen beiden kleinen menschlichen Füssen noch nicht recht fortkommen konnte, und bestrebte mich ausserdem, auf jene bäumenden, springenden, stossenden Scherze einzugehen, freilich nicht ahnend, wohin dieses Anbequemungssystem führen sollte.
Wenn die gütigen und liebevollen Ziegenmütter sich nur nicht von vorgefassten Ideen so sehr hätten leiten lassen! Aber es war meinen Bitten unmöglich, sie zu bewegen, dass sie mir meine Janitscharenkadettenuniform zukommen liessen; sie blieben steif und fest dabei, dass dieses Collet, diese Hosen, dieser Turban Überbleibsel krankhafter Häutungen seien. Nackt war ich also, und nackt blieb ich, so dass mich in den ersten Tagen meines ziegenhaften Lebens entsetzlich fror, bis die Haut eine Gegenwirkung zu entwickeln begann, welche den erkältenden Einfluss der Luft allgemach aufhob. Auch von der Milch bekam ich immer nur halbe Portionen aus sorge um mein angebliches Wundfieber. Oft knurrten meine Eingeweide vor Hunger. Bei allem dem war ich der Liebling der ganzen Herde und sämtliche zwölf Ziegen auf i nannten mich nur ihren herzigen Jungen. Ich hatte meine Verwunderung darüber, so viel Menschliches unter dem volk zu finden, welches doch, wie ich aus allen Reden und Äusserungen, die ich hörte, abnahm, in einer völligen Einsamkeit und Absonderung von der übrigen Welt auf diesen helikonischen Höhen erwachsen war, und gegen die Menschen, von denen es nur durch Hörensagen wusste, eine so tiefe Verachtung hegte, wie die tugendhaften Houyhnhnms des Dechanten Jonatan Swift gegen die sündlichen Yahoos.
Das Leben einer Ziege, insonderheit einer wilden, hat sonst viel Schönes. Der erste Frühstrahl drang golden, wie ihn die Ebene nicht kennt, in unsere Höhle und beleuchtete ihre moosigen Klüfte, vor denen nach dem Tage zu leichte Geflechte wilden Weines und bunter Winden hingen. Rote Lichter und farbige Schatten umspielten die Herde, die umher an den Steinen und Mooswülsten noch lag und schlummerte, bald aber sich erhob und die Glieder dehnend in den Morgenwind hinausschritt, der die Waldreben und Winden säuselnd bewegte. Wie herrlich glänzte dann der hohe Gebirgsrücken mit seinen tausend Zakken und Klippen vor uns, wie nagte geschäftig der scharfe Zahn an den würzigen Kräutern, die ihn bedeckten, wie leckmäulerig wurde, wenn diese Kost genossen war, emporstrebend die aromatische Rinde der Stauden und Bäume abgeschält, wie labte nach solcher Speise die süsse Kühle der göttlichen Quelle! Die Lüfte wehten erquicklich und labend über diese Gipfel hin. Sie waren mit keinem Dunste der Ebene befrachtet und erzählten die Sagen der alten schönen Götterwelt. Tief drunten in weiter Ferne lagen die Städte der Menschen mit dem gemeinen Wuste ihres Wesens; zu diesen seligen Höhen drang der Schrei des Bedürfnisses nicht und nicht der Seufzer der sorge. Bisweilen erklang aus dem Gestein, umsprosst von wilden Rosen und Feigen, der melodische Schall der Steindrossel oder tönte aus den Heiden und Tymusbüschen der goldene laut der Zikade. Alles klang hier voller, reiner, unschuldiger in der Nähe des Bornes, den der Huf des heiligen Rosses aufriss, denn alles hatte aus ihm getrunken; selbst die Gräser, Blumen, Büsche, Bäume, welche das schäumende und doch so ruhige Nass benetzte, oder auch nur mit seinem feinen Dufte erreichte, standen stolzer