1836_Immermann_045_111.txt

das rechte Vorderbein derjenigen Ziege, welche mir die älteste und verständigste zu sein schien, mit meinen kindlichen Händen, drückte es an mein Herz und sagte: "Ehrwürdige Mutter, ich danke Ihnen. Genug nun des Leckens! Vertrauen Sie der natur, und überlassen Sie ihr die Nachheilung meiner Ihrer Ansicht zufolge wunden und geschundenen Haut!" – Wirklich liessen die gutmütigen Ziegen, sobald sie meinen Wunsch vernommen hatten, von ihrer Leckkur ab.

Die Zicklein, welche bisher diese Szene der Barmherzigkeit mit possierlichen Mienen und Gebärden umstanden hatten, drängten sich jetzt, entsetzt seitwärts blickend, den Müttern so innig an, wie die jüngste der Niobiden dem Schosse, der sie doch nicht vor den schrecklichen Pfeilen zu bergen imstande war. Sie schrieen meckernd: "Der Geier! der böse Geier!" und zitterten und bebten, als ob jener tote Bösewicht sie noch fressen könnte. Anfangs schauerten auch die Mütter bei seinem Anblicke zusammen, indessen fassten sie sich bald und beruhigten die Zicklein mit verständigem Meckern. "O", rief eine der Ziegen, "wie vielen Dank sind wir diesem armen kleinen Findlinge schuldig! Ohne ihn würden wir wahrscheinlich den Verlust eines von euch, ihr teuren Kinder, zu beweinen haben! Der Lämmergeier sah aber ihn und nahm ihn an eurer Statt in die Lüfte!" – Hier erwachte mein ganzer Stolz, und auf die Gefahr hin, es mit diesem Ziegenvolke auf der Schwelle unserer neuen Bekanntschaft zu verderben, sprach ich: "Meine Damen, Sie sind im Irrtum. Dass jener Räuber mich für einen Hirtenknaben hielt, den er nach der Naturgeschichte ausnahmsweise zuweilen anfallen darf, war schon unverzeihlich von ihm, dass er mich aber gar für ein Ziegenlamm hätte halten sollen, dazu traue ich ihm denn doch zuviel Verstand zu." – "Das Wundfieber phantasiert aus ihm", riefen alle

Ziegen, "er weiss nicht, was er spricht." – "Meine Schwestern", hob die älteste der Ziegen an; "uns dieses kleinen verlassenen Wesens anzunehmen erfordert unsere Ziegenpflicht; um so mehr, da es ein Opfer für eines unserer Kinder geworden ist. Bringen wir denn es vor allem unter Obdach, und späterhin wollen wir überlegen, was von uns für ihn geschehen kann!"

Die Herde setzte sich in Bewegung, die Mütter voran, die Zicklein folgend. Die Mütter stiessen mich mit ihren Köpfen vorwärts; ich weinte und schrie, dass ich erst meine Janitscharenkadettenuniform wieder anziehen wolle, denn die klassische Nackteit beginne mir frostig zu werden, davon aber wollten die Ziegen nichts wissen, sondern hielten es für eine neue Fieberphantasie, dass ich in jene kranken Hüllen kriechen wolle. Ich musste mich daher fügen, klammerte mich zwischen zweien der Gesetztesten mit den Händen an deren Zottelpelzen an, und konnte so notdürftig mit der Herde mich fortbewegen.

An Abgründen vorbei, auf rauhen Pfaden, über welche meine tierische Gesellschaft sicher ging, gelangten wir zu einer grossen Felsenhöhle, dem von der natur gebildeten Stalle dieser wilden Ziegen. Räumlich und wohnlich war die Höhle, ein warmer Hauch schlug aus der tiefen Wölbung meinem frierenden Körper wohltuend entgegen, der Boden und die Seitenwände waren mit weichem Moose ausgepolstert, das ertastete ich, als wir hineingingen. Der süsse, aromatische Duft des Tymians, welcher auf jenem Gebirge überall blüht, drang in die Höhle, kurz, dieser Aufentaltsort konnte nicht tröstlicher gedacht werden, wenn man einmal von der linken Rocktasche seines Vaters verbannt sein sollte.

Die Ziegen streckten sich auf dem weichen Moose nieder und begannen ihr Wiederkäuungsgeschäft, die Zicklein legten sich ihnen an die Euter, und sogen, aber was wurde aus mir, dem Fremdlinge ohne Familienverbindungen in diesem Kreise? Traurig sass ich in einer Ecke auf meinem Moosklumpen, hungerte und durstete. Endlich ersuchte ich bescheiden auch um einige Milchnahrung, wenn die Kinder des Hauses gesättigt sein möchten. "Glaubst du denn", rief die älteste der Ziegen, welche die andern Sisi nannten, "dass wir dich nicht längst auch zu unsern Nahrungsquellen herbeigelassen haben würden, wenn wir nicht wüssten, dass dein Wundfieber jede Überladung des Magens tödlich machen kann?" – Ich bat sie bei den Häuptern ihrer hoffnungsvollen Lämmer, es darauf zu wagen, ich verschmachte sonst, worauf sich unter der Herde eine ziemlich lebhafte Verhandlung über die Zulässigkeit oder Nichtzulässigkeit des Säugens in meinem Zustande ergab, welche in den Beschluss auslief, dass mir ein weniges an Milch wohl verstattet werden möge. Froh über diese Entscheidung kroch ich zur barmherzigen Sisi und sog die ersehnte, heilsame Nahrung in mich. Als ich aber im besten Saugen war, wurde ich schon wieder abgestossen, weil ein mehreres, wie die um mich besorgten Ziegen ängstlich ausriefen, mir sicherlich schaden würde. Ich war daher nur halbsatt geworden, indessen doch vor dem Hungertode nunmehr geschützt.

Über meine Nachtruhe entstand darauf eine zweite Verhandlung, welche ein Streit zu werden drohte, denn die Ziegen waren gegen mich so liebevoll gesinnt, dass jede mich in ihren Pfoten erwärmen und keine mich der andern gönnen wollte. Ich musste voraussehen bei diesem Liebesfeuer die ganze Nacht über ungewärmt zu bleiben, rief daher: "Wohltätige und rechtschaffene Ziegen, teilt euch in euren kleinen Lyriker, lasst ihn bei jeder von euch eine halbe Stunde liegen!" – Dieser Vorschlag fand Beifall, zuerst nahm mich die alte Sisi in ihre Pfoten, dann die Riri, dann die Quiqui, dann die Nini, dann die Mimi, dann die Lili, dann die Pipi,