1836_Immermann_045_110.txt

Zischend und schäumend drang der Strahl unter dem moosigen bekräuterten Steine an das Licht, als koche er, und einen Schritt weiter floss schon das klarste beryllgrünste Nass ohne Unruhe, Schaumblasen, Wirbel in seinem Rinnsale.

Ich bückte mich zur Quelle und netzte meine Lippen, aber wie wurde mir da! In meinen Eingeweiden tat es ein Grimmen, in meinem Blute ein Wallen, in meinen Gliedern ein Glühen, in meinem Herzen ein klopfen, in meinem haupt ein Schwärmen! Die wundersamsten Phantastereien begannen mir vor den Sinnen umherzugehen. Meine rote Janitscharenkadettenuniform kam mir vor wie das rote Meer, meine weissen Pumphöschen leuchteten mir wie der Schnee der Alpen und mein kleiner blecherner Säbel gemahnte mich wie das Schwert des Alexander. Ich öffnete die Lippen, und sie sprachen unwillkürlich:

Gesperret lange Zeit in eine tasche,

Selbständigwerdenwollend ausgekrochen,

Nahm in die Krallen dich der Gei'r, der rasche,

Dem Albions Grossmut drauf den Hals gebrochen,

Und als dir nun gesunken die Courage,

Fühlst du in Grimmen, Glühen, Wallen, Pochen

Dein Herz gelöset fluten gleich der Träne

Des Stocks im Lenz, am Born der Hippokrene!

Ja, ich hatte unversehens aus der Hippokrene getrunken und war sonach am Helikon! Meine Lippen öffneten sich abermals und skandierten unwillkürlich:

Sauerbereiteter Wurm des gütigsten Vaters,

Für die Kadettenanstalt des grössesten Sultans

Mit dem Säbel aus Blech bewaffneter Knabe,

Streife das rote Collet und die weissen batistnen

Höschen vom leib dir ab und glänze in reiner

Klassischer Nackteit!

Wirklich warf ich Säbel, Collet, Turban, Pumphöschen, kurz alles und jedes ab, wälzte und kugelte mich wie toll umher, unwillkürlich, von dem Musenwasser getrieben. Schon hatten sich wieder neue Bilder in meine Seele und Weisen auf meine Lippen gedrängt; ich sang:

Feinsliebchen, wenn du suchest mich,

Trala!

Du findest mich ganz sicherlich

Sasa!

Wie bei der Lamp' ich sitz' und mach'

Ein Liedchen für den Almanach!

Feinsliebchen, weisst du, was das ist?

Trala!

Ein Büchlein voll von Jesu Christ

Sasa!

Und Blümelein und O! und Ach!

Das ist der Musenalmanach!

Ich hatte rasch den Entschluss gefasst, einen Musenalmanach zu schreiben, ganz allein ich selbst; um mir mein Brot zu verdienen, "denn" – rief ich

Warum denn andre brauchen und deren

Instrumente?

Ein rechter Virtuose spielt jedes Instrumente.

Er bläst mit seinem mund, dem Finger fünfe

dienen,

Das lippenhauchgenährte, das Flöteninstrumente,

Und streichet mit dem Bogen, geknüpft am

Ellenbogen,

Das saitenstegbewehrte, das Geigeninstrumente,

Derweil an seinen Schenkeln sich hellen Schalles

stösset

Das Kindern klingklangwerte, das

Beckeninstrumente,

Und Klöpfel an den Knieen mit mut'ger Rührung

rühren

Das kesselbauchbeschwerte, das

Paukeninstrumente,

Von seinem haupt aber die Glöcklein schwingend

bimmelt

Das Rossschweif' nie entbehrte, das

Halbmondinstrumente.

So mit Gebläs' und Streichen, mit Stossen, Rühren,

Bimmeln

Sah ich, als sein der Meister fünf da der

Instrumente,

'Nen einz'gegen jüngst noch spielen am Markt das

mannigfalte

Flöt- Geige- Becken- Pauken- und

Halbmondinstrumente.

Damit war meine Begeisterung noch nicht erschöpft. Formen und Verse, Weisen und Reime, Laiche, Stollen, Stanzen, Assonanzen, Dissonanzen, Dezimen, Kanzonen, Terzinen, Handwerksburschenlieder, Sprichwörtliches, Afrikanisches, Madekassisches, an Personen, gelegenheit, denke- und Sendeblätter, Runenstäbe, Gepanzertes und Geharnischtes, Blätter und Blüten, Schuttalles dieses und noch unendlich viel mehr entquoll meinen unermüdlich vom wasser bewegten Lippen, so dass ich glaube, ich armes nacktes Kind habe da droben auf dem Helikon an jenem Abende in wenigstens sechs Dutzenden der verschiedensten Arten und Weisen meine Kindlichkeit lyrisch ausgesprochen. Ich weiss nicht, ob ich mich nicht totgeschrieen haben würde und ein lyrisches Opfer geworden wäre, hätte nicht das Schicksal, welches mich schon aus den Fängen des Geiers rettete, nunmehr mich auch von den Folgen jenes hippokrenischen Sauerbrunnens befreit.

Auf einmal nämlich, als ich eben ansetzte, meine Empfindungen im geist eines entaupteten Hottentotten auszuströmen, fühlte ich mich von allen Seiten angerannt, übergerannt, beschnoppert, beleckt, befühlt, bestossen, betrampelt. Zu Boden geworfen, sah ich nichts über mir und um mich als gelbe Augen, dürre Beine, rauche bärtige Gesichter. Eine Herde wilder Ziegen war mit ihren Zicklein zum Orte gekommen und übte an mir diese etwas stürmische Bewillkommung aus. Mein anfänglicher Schreck dauerte indessen nur wenige Augenblicke; ich erkannte sehr bald, dass ich gutmütigen Wesen in die Pfoten gefallen war, die nur durch ihre Individualität bestimmt wurden, so unbequem ihre Freude über den Fund des kleinen Lyrikers zu äussern. Das waren keine blutdürstige Lämmergeier, es waren sanfte, milde Ziegen mit den besten Herzen. Sie riefen alle im Chore: "Ach, der arme Kleine! der Verlassene! Da liegen seine Häute, er muss eine fürchterliche Krankheit gehabt haben, wovon sie sich abgeschält haben, nun sieht er wie geschunden aus. Lasst uns seine Wunden lecken! der Jammervolle!" Ich musste im stillen über diese unerfahrenen Ziegen lächeln, welche meine Janitscharenkadettenuniform für einen abgestreiften Balg und meine heile, weisse Haut für geschunden ansahen, beschloss indessen achtung vor dieser Volksmeinung zu haben und nicht übereilt mir durch Eröffnung einer höheren Wahrheit bei den Ziegen zu schaden. Indessen war ich doch bald genötigt, Einspruch zu tun, denn alle Ziegen leckten in ihrer wohltätigen Absicht so eifrig an mir umher, dass ich es vor Kitzel nicht länger aushalten konnte. Ich ergriff daher