"Pfy! Pfy!" – Da rufe ich mit dem Witze der Verzweiflung: "O, wenn du Pfy! schreien kannst, so rufe doch zuerst über dich Pfy! aus, abscheulicher Franz Moor der Lüfte; Pfy! über deine mehr als unredliche Handlungsweise! Nach der Naturgeschichte fällst du zuweilen ausnahmsweise Hirtenknaben an. Bin ich denn ein Hirtenknabe? Bin ich nicht das gebildete Kind gebildeter Eltern? Hast du nicht selbst Kinder, Barbar? Jammert dich der Vater nicht, der drunten mit dem rücken gegen den Ölbaum gelehnt sitzt, vermutlich noch immer die Sonne sinken sieht, und an den Sohn in der tasche glaubt?"
Ich war, man sieht es hieraus, über meine Jahre gereift. Der Geier kehrte sich aber an meine Reden nicht, sondern flog und flog.
Ein Blitz, ein Knall, ein Fall! Aus unermesslicher Höhe stürze ich hinab; mir vergeht hören und Sehen. Als ich von meiner Betäubung erwache, liege ich weich gebettet, und ohne dass mich eines meiner Glieder schmerzt. Ich sehe mich auf dieser Lagerstätte um; sie ist ein Carbonaromantel von blauem Tuch, ausgespannt zwischen zwei Tamarisken. Ein langer, bleicher Mann steht neben den Bäumen, die abgeschossene Perkussionsflinte in der Hand, der fürchterliche Geier liegt einige Schritte davon blutig am Boden, schlägt mit den Flügeln und zuckt und schnappt in letzten Zügen. Etwas weiterhin graset, abgezäumt, ein Reitpferd.
"I killed te vulture", sagte der grossmütige Brite nachdenklich, hob mich vom Carbonaromantel herunter, hielt mir seine Hand zum Kusse hin und fuhr gleichgültig fort: "You shall stand indebted for it all your life, Sir. Adieu."
Er zäumte sein Pferd auf, schlug den Carbonaro malerisch um die Schultern, bestieg den Klepper und ritt fort. "Um Gottes willen, Mylord, habt Ihr mich darum gerettet, um mich in dieser Einöde dem Hunger, dem Durst, den wilden Tieren preiszugeben?" rief ich. "Bei der Gnade des himmels! nehmt mich auf der Kruppe Eures Pferdes mit." – "You would deprive me of my comfort", versetzte der grossmütige Engländer kalt und ritt wirklich fort, so dass ich ihn bald aus dem gesicht verloren hatte. – "Elender", sagte ich dumpf, "ist dieses die Grossmut Albions? Du dachtest an dein Jagdvergnügen und nicht an das gebildete Kind gebildeter Eltern, an den sauer zubereiteten Wurm seines Vaters, als du schossest. Geh, falscher, heuchlerischer Brite, wir sind quitt! Bewaffne dich mit dem ganzen Stolze deines Englands, ich, ein deutscher Knabe, verwerfe dich!"
Durch diesen Monolog fühlte sich meine Seele erhoben und gekräftigt. Ich empfand zugleich, was ich meiner Ehre gegen den verruchten Geier schuldig war, der noch immer schnappte und jappte, trat daher zu ihm und sagte: "Ein anderes Mal sehen Sie besser zu, wen Sie vor sich haben, Federvieh! Die Naturgeschichte erlaubt Ihnen, ausnahmsweise auf Hirtenknaben zu stossen, nicht aber auf gebildete Kinder gebildeter Eltern." – Der Geier drehte seinen borstigen Schnabel matt nach mir um und verschied sodann, wie es mir vorkam, mit einiger Reue in den Augen.
Ich betrachtete mir die Gegend. Nichts als Felsen und Klippen, eine über der andern, und in der Ferne noch höhere Kuppen! Flechten, Moose und Heiden bedeckten den Stein, Alpenröslein zeigten die roten Kronen, wilder Lorbeer, Tamarisken, Johannisbrotstauden standen in leichten, dünnen, malerischen Gruppen umher. Ich war auf einer bedeutenden Höhe, denn die Luft zog scharf und kühl, allem Vermuten nach auf einem der berühmten griechischen Berge, denn der Geier war mit mir südwestlich geflogen, aber auf welchem? Ich befand mich in der peinigendsten Ungewissheit über diesen Punkt, weil ich einsah, dass es vor allen Dingen nötig sei, mich örtlich zurechtzufinden, um den richtigen Weg nach Tessalonich und der linken Rocktasche einzuschlagen, die mir bei den schweren Erfahrungen, welche ich in so kurzer Zeit über Geier und Engländer gemacht hatte, schon jetzt wie ein verlorenes Paradies vorkam.
Aber wie diese Kenntnis erlangen? Die Gegend schien so einsam, dass kein Tier, geschweige denn ein Mensch sich erblicken liess. Ich wollte anfangs das Geschick befragen und an meinen Jackenknöpfen abzählen, ob ich auf dem Öta, Parnass, Olymp, Pindus oder Helikon stehe? verwarf aber dieses Auskunftsmittel als zu kindisch und meiner nicht würdig.
Das Dunkel nahte sich, die Kuppen der Berge wurden violett, Hunger und Durst begannen mich zu peinigen, und ich stand noch immer allein da droben, ich und der tote Geier die einzigen lebenden Wesen in jener Einöde! Mich fror in meiner leichten türkischen Janitscharenkadettenuniform, die mir mein Vater schon hatte machen lassen! Sie bestand in weissen Pumphöschen, in einem auf europäische Art zugeschnittenen roten Collet mit gelben Litzen und in dem Turban, der damals noch nicht abgeschafft war. Ein kleiner blecherner Säbel klirrte an meiner Seite und einen Schnurrbart trug ich auch, vorläufig einen mit Kohle gezeichneten.
Um wenigstens meinen Durst zu löschen – denn gegen den Hunger gab es da freilich nichts, als Stengel, Blätter und Alpenrosen – kroch ich zu einer Quelle, welche zwischen grünlichen Klippen hervorsprudelte und an diesem ihrem Ursprunge von einigen der schönsten Lorbeern überstanden war. Ich ahnete, dass es mit diesem wasser eine eigene Bewandtnis haben müsse, denn Gewalt und klarheit wohnten in ihm so nahe beieinander, dass es kein gewöhnlicher Spring sein konnte.