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, gegen welches die linke Rocktasche flog. Er aber hörte nicht auf mich, sondern stürzte immer heftiger fort, unter Tränen rufend: "Du solltest ein Opfer jenes bösen Weibes werden, du sauer zubereiteter Wurm? Dem sei nicht also. Du bist das Produkt meiner tiefsten Studien, mein liebstes Kleinod, mein teuerster Schatz!"– Ich litt unaussprechlich bei den Ausbrüchen dieser heftigen Zärtlichkeit und bei den durch sie hervorgebrachten stürmischen Bewegungen der Rocktasche. Damals schöpfte ich die erste Erfahrung von dem Satze, dass die Menschen, wenn ihre Liebe recht heiss ist, dem gegenstand derselben hundsübel machen können.

Zum Glück kam ein Postillion halben Weges mit einer leeren Extrachaise von Braunschweig retour gefahren; den bestach mein sogenannter Vater, der Schwager verriet für einen Spezies seine heiligsten Pflichten, nahm uns auf, kehrte um und setzte uns vor Braunschweig ab. Dort mietete mein Vater einen Hauderer, der uns über Scheppenstedt, Magdeburg, die Walachei hindurch nach Tessalonich fuhr. In Scheppenstedt sollte gerade damals eine allgemeine deutsche Akademie errichtet werden, in Magdeburg war Landestrauer, weil die Klösse in dem Jahre nicht geraten wollten, in der Walachei werden lauter Wallachen gezogen, bei Tessalonich kommt man schon in das Türkische.

Wenn ich nur nicht immer in der Rocktasche hätte sitzen müssen! Ich hatte den brennendsten Drang nach Selbständigkeit, nach unumschränkter Beobachtung, und musste da immer zwischen Schinken und Semmel und Sauerbraten verächtlich zubringen, denn mein Vater pflegte auch sein Frühstück in die linke Rocktasche zu senken, und ich durfte nur so eben aus der Schlitze gucken. Ich sagte zu meinem Vater in jedem Nachtquartiere: "Papa, die tasche steht mir nicht mehr an, lassen Sie mich neben Ihnen sitzen." Er aber gab mir dann jederzeit einen väterlichen Kuss und schlug mir meine Bitte ab, weil ich ihm, wie er sagte, ausser der tasche verlorengehen könne. Mein jugendlicher Frohsinn schwand in der tasche, ich fühlte, dass ich mich selbst mündig sprechen müsse, und wartete auf die erste günstige gelegenheit, diesen Entschluss auszuführen.

In Tessalonich machten wir Halt und bezahlten unsern Hauderer. Der Hauderer erhielt gute Rückfracht, nämlich einen gefühlvollen, liberalen Russen mit seinen vier frisch angekauften zirkassischen Sklavinnen. Bei Tessalonich geht wie gesagt, schon das Türkische an. Mein Vater wollte dort ein Mittel gegen die Emanzipation der Frauen ausfindig machen, und ich sollte Kadett bei den Janitscharen werden, sobald ich gehen und stehen könne. Wir hatten Empfehlungsbriefe nach der Türkei von Hannover mitgenommen. Indessen wendete das Schicksal alles gar anders.

Mein Vater (ich mag nicht immer das Beiwort: "Sogenannt", hinzufügen, versteht sich also in Zukunft von selbst) ging viel spazieren, hauptsächlich um meinetwillen, um, so sagte er, mir früh Empfindung für die schöne natur beizubringen, überlegte nur nicht, dass ich in der linken Rocktasche von der schönen natur wenig zu sehen bekam und ihm daher in meiner Finsternis auf das Wort glauben musste, wenn er stillstehend, oder zwischen seinen Beinen durchguckend, in welcher Positur die Landschaft immer am reizendsten aussieht, von der göttlichen Aussicht, von der blauen duftigen Ferne und dem goldenen Morgenoder Abendrote laut schwärmte. Eine recht verkehrte Erziehung! Ich bat ihn flehentlich, er möge mich doch wenigstens in einen seiner Stiefeln stecken, wie die Samojeden ihre Kinder bei sich führener trug weite Schlappstiefeln mit seidenen Troddeln vornjedoch vergebens. Auch aus den Stiefeln fürchtete er mich zu verlieren. Meine Lage wurde allgemach unerträglich und ich weinte oft die linke Rocktasche ganz nass.

Eines Tages sass mein Vater mit dem rücken gegen einen Ölbaum gelehnt, sah die Sonne untergehen und war ausser sich über ihren purpurnen Widerschein im Meerbusen von Tessalonich. Sonst pflegte er bei allem Entusiasmus die hände in der tasche zu halten, so dass kein Entrinnen gedenkbar war. Dieses Mal übermannte ihn aber seine Begeisterung, er schlug unter Interjektionen die hände über dem kopf zusammen, und ich benutzte den Augenblick, um aus der tasche zu schlüpfen. Da sah ich um mich, da atmete ich, da ward mir wohl nach langer Kerkerhaft. Ich kroch, ging, stolperte, lief ein wenig, wie es eben glücken wollte, während mein Vater seine Rede an Sonne und Meer fortsetzte. Ich war eben in der Furcht vor Schlägen auf dem Rückwege nach der taschedenn mein Vater züchtigte mich ungeachtet aller Liebe sehr oft in der empfindlichsten Artals das Verhängnis mit mir die wunderlichen Spiele begann, welche sich so lange fortsetzen und mir die eigentümlichsten Erfahrungen geben sollten.

Plötzlich fühle ich mich nämlich von einem grossen, dunkeln Etwas überschattet, höre einen Lärmen, wie wenn ein Baum knattert und fällt, fühle ein rauhes Gefieder und zwei scharfe Krallen an meinem leib, sehe mich pfeilschnell erfasst, in die Lüfte geführt, wolkenhoch emporgetragen. Mit Entsetzen erkenne ich mein Los, und rufe mir zu: "Du bist in den Fängen eines Lämmergeiers, du armer, deinem Vater so sauer gewordener Wurm! Warum, Unglücklicher, verliessest du die tasche?" – Die Lage des Kindes war schaudervoll! Über mir der goldgelbe Bauch und die korallenrot glühenden Augen des Ungeheuers, um mich Luft und Wolken oder Schwärme folgenden und krächzenden Gefieders, welches dem Geier seine Beute missgönnt, tief, schwindlicht tief unten Land und Meer wechselnd als dunkele und blanke Streifen! – Der Geier fliegt und fliegt; er ist ein Geier, der auf Reisen geht und sich seinen Mundproviant hat mitnehmen wollen. Das Ungeheuer schreit beständig: