Er rief ihm nach; der Läufer hörte aber nicht, sondern rannte querfeldein.
Wirklich war es Münchhausen, dem auch dort das erzürnte Geschick noch keinen Frieden gönnen wollte. Ich verspreche aber den Lesern, ihn nun ruhig irgendwoanders ausschlafen und ihn vor Abend nicht wieder erscheinen zu lassen.
Der alte Baron hatte noch viel an jenem Tage zu tun und lief im Freien hin und her. Am meisten machte ihm die Ermittelung eines Weges zu schaffen, auf dem die Luftsteine zur nächsten grossen Handelsstrasse geschafft werden könnten, denn das Land war ringsumher überaus uneben und höckricht. Nachdem er die Pfade, die der grossen Strasse zuliefen, gründlich an mehreren Stellen untersucht hatte, entschied er sich kurzweg für Anlegung einer Eisenbahn mit etwa zwölf Tunnels und fünfzehn gewölbten Brücken. "Denn", sagte er, "wer gewinnen will, muss sich vor den ersten Auslagen nicht scheuen." Er überschlug, dass der Personentransport die Kosten mit einbringen helfen werde, "denn natürlich kommen", sagte er, "jahraus jahrein viele tausend Reisende, um diese so sehr merkwürdige Fabrik zu besuchen, die Sehenswürdigkeiten meines Schlosses gar nicht einmal in Anschlag gebracht."
Nichts war ihm verdriesslicher, als dass die Fabrik nicht bereits stand. Erst gegen Abend kam er in die Burg seiner Väter zurück, ermüdet, schweisstriefend, aber im Herzen fröhlich. Den ganzen Tag über hatte er an Speise und Trank nicht gedacht, und nun musste er mit einem ziemlich oberflächlich behandelten Rührei nebst einem versottenen halben Grashechte fürliebnehmen. – "Wer mich zwischen diesen kahlen Wänden, an dem schlechten kiefernen Tische, dem ausgekochten Fischlein und der brenzlichten Eierspeise gegenüber sitzen sähe, müsste mich für einen verlorenen Mann und Hungerleider halten", schmunzelte er. "Wo ist da, menschlichem Gedenken nach die Hoffnung irgendeiniges Glückes ersichtlich? Und doch steht das Glück nahe, ganz nahe, denn sechsmalhunderttausend Luftsteine hat noch nie ein Schnuck zu beziehen gehabt. Wahrlich, es ist ein eigenes Ding um das Geschick des Menschen. Der Mensch kann durch Unmut zur Verzweiflung gebracht, in seinem Zimmer die Pistole laden, sich zu erschiessen, während unten an der tür schon der Postbote klopft, ihm den Brief mit der Nachricht von der reichen Erbschaft des unbekannten Vetters aus Surinam zu bringen. In gegenwärtiger Zeit ist nun der erfindende Geist des Menschen, der in einem Augenblicke Leid in Freude, Klage in Jauchzen verwandeln kann, der reiche Vetter aus Surinam; unterdessen freilich schmeckt dieser Grashecht sehr zähe und fast wie Leder."
Etwas später kehrte Münchhausen heim, ausgeschlafen, neugestärkt, mit hellen, grellen Augen. Er fühlte in sich Kraft und Mut, dem Alten die Spitze zu bieten, und war entschlossen, ihn heute abend nicht zu Worte kommen zu lassen, sondern ihn, sozusagen, daniederzuerzählen. Es freute ihn, als er hörte, das fräulein sei unpass und werde deshalb nicht von der Gesellschaft sein; so durfte er sich auch vor ihren fragen und Bemerkungen sicher halten. Weil aber ein Vorleser den Faden ununterbrochener in seiner Hand zu behalten vermag, als ein Erzähler, stopfte er auf seinem Zimmer sich einige geschriebene Hefte voll der ungereimtesten Erzählungen in die Brusttasche seines Rocks, und trat so gerüstet zu seinem Wirte ein, der eben von Karl Buttervogel den halben Grashecht abräumen liess, von dem er nur ein Weniges hatte geniessen können.
"Aha", rief der Alte Münchhausen entgegen, "kommt der Ausreisser endlich? Ich habe mit Ihm noch ein Hühnchen zu pflücken. Lässt da Seinen Vertrauten und Kompagnon in der Sonnenhitze allein die Arbeit tun! Wenn Ruhe zu dergleichen Unternehmungen gehört, so können sie doch auch ohne Betriebsamkeit nimmer geraten. Vergönne mir, dich daran zu erinnern. Und nun setze dich her, sieh hier den Grundriss, den ich entworfen, und lass uns darüber in eine umständliche Beratung treten, damit der Bau begonnen werden kann."
Längst hatte Münchhausen ein Heft aus seinem Busen gerissen, es entfaltet, und auf seinen Augenblick gewartet. Jetzt, als der alte Baron eine Pause machte, um Atem zu schöpfen, setzte er rund und rasch ein und las mit unhemmbarer Schnelligkeit, wie folgt.
Ich
Fragment einer Bildungsgeschichte
Mein sogenannter Vater, welcher den häuslichen Unfrieden, von dem ich die unschuldige Ursache war, nicht länger ertragen konnte, sagte zu meiner angeblichen Mutter: "Desdemona, es muss geschieden sein. Ich habe es geduldet, dass du mir täglich einige und dreissigmal sagtest, du seiest meine Gattin nicht aus Liebe zu mir, sondern aus achtung für meinen seligen Vater, den Lügner, geworden; geduldet sechzehn Jahre und neun Monate lang, aber dass du diesen armen Wurm, den ich mir habe sauer genug werden lassen, beständig knuffst, wo du ihn siehst, verletzt mein Gefühl allzusehr. Lebe wohl, Desdemona, wir wollen einander nicht fluchen, wir wollen aneinander schreiben, aber miteinander leben können wir nicht länger."
Er lockte mich mit einem Zuckerplatz zu sich, steckte mich, da ich noch nicht gehen und stehen konnte, obgleich ich übrigens bereits klüger war als mancher Dreissiger, in seine linke Rocktasche und stürzte ab, während die verlassene Gattin sich im Gefühle weiblicher Würde an das Fortepiano setzte und: "Nach so viel Leiden" usw. sang.
Mein Vater stürzte die Dorfstrasse hindurch, er stürzte auf die Strasse nach Braunschweig. Ich bat ihn langsamer zu gehen, die heftige Bewegung mache mir Schmerzen, und wirklich zerschlug ich mir beinahe die Nase an seinem Beine