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Karl Buttervogel, "und wer mich als technischer Mitdirektor so nennt, dem gebe ich eine Ohrfeige."

"Der Aktuarius macht sich zu laut", sagte der alte Baron. "Gehe Er hinaus, Buttervogel, ich habe überdies an Seinen Herrn eine Frage zu richten, bei welcher ich Seine Anwesenheit nicht wünsche." Karl entfernte sich eiligst.

Der Schlossherr holte aus einem Winkel drei alte bestäubte Familienbildnisse hervor, nämlich einen Mann im Harnisch mit Tressenhut und Kommandostab, einen im schwarzen Mantel und weissen Halskragen und einen im lichtblauen Hofkleide; stellte sie vor Münchhausen auf und sagte: "Diese sind meine Ahnen: Atelstan, Florestan und Nerestan von Schnuck-Puckelig. Atelstan war Generalfeldmarschall, Florestan Kanzler, Nerestan Oberzeremonienmeister. Kann ich es nun vor ihnen verantworten, dass ich, als Edelmann von alter Familie mich tätig bei einer Unternehmung bezeige, welche denn doch am Lichte besehen, keinen andern Zweck hat als Handel und Wandel und Geldprofit, und an welcher allerhand Leute geringer Herkunft teilnehmen werden, ja, der sogar ein Bedienter als technischer Mitdirektor vorstehen soll? Leiden die Standesbegriffe nicht dabei, welche sonst erheischten, dass der Adel keine Handelschaft und kein Gewerbe treibe? Sieh, der Zweifel ist mir in währender Verhandlung aufgestossen."

Münchhausen versetzte, dass in gedachter Beziehung der Adel mit der Zeit fortgeschritten sei, es marchandiere heutzutage jedermann, Graf, Freiherr und Fürst, wie die geringste Krämerseele, unbeschadet der Standesbegriffe. Der Stand sei wie der geweihte Charakter der Priesterschaft ein unauslöschlicher, ein Graf dürfe an der Börse wuchern und den Juden das Brot vor dem mund wegnehmen und bleibe nichtsdestoweniger ein so unversehrter christlicher Graf, wie einer, und wenn etwa noch ein Kreuzzug nach Jerusalem zustandekommen sollte, werde ihn keiner der Seinigen von der Entreprise zurückweisen. – "Indessen", setzte er hinzu, "wenn du darin zu delikat bist, so folge diesem schönen Gefühle, denn wir haben freilich bei unserem Luftverdichtungsgeschäfte mit unterschiedlichem Pack zu tun, und zarter ist immer zarter."

"Nein", rief der alte Baron, "was andere sich erlauben, das ist mir unverboten! Ich habe in solchen Dingen gar kein Privat- sondern nur ein Standesgewissen. So wäre denn alles in Ordnung; nun wollen wir aber auch auf nichts denken und sinnen, als wie wir dem Geschäfte den schwunghaftesten Betrieb geben." – Er nahm die drei Familienbildnisse und trug sie wieder in ihren Winkel. Diesen Augenblick, als der alte Aktienschwärmer den rücken wendete, benutzte Münchhausen und entwischte. Er eilte die Treppe hinunter in sein Zimmer, stülpte hastig den Strohhelm auf das überwachte, glühende Haupt, lief über den Flur zur tür, über den Hof zwischen den beiden Wappenlöwen, dem stehenden und dem liegenden hindurch in das Freie, und suchte irgendeine einsame Bauerhütte, oder auch nur einen abgelegenen Platz in Wald oder Feld, um endlich Ruhe zu finden fern von dem schloss, in welchem er unvorsichtigerweise die industrielle Begeisterung entzündet hatte.

Neuntes Kapitel

Der Freiherr von Münchhausen beginnt einen

Heroismus im Erzählen zu entfalten

Einige Zeit wartete der Schlossherr auf die Rückkunft seines Freundes, da diese aber nicht erfolgte, so begab er sich in sein Zimmer, legte die Nachtkleidung ab und seine gewöhnlichen Tageskleider an, welche in einem kurzen polnischen Schnürrocke von grünem Sommerzeuge, in strohfarbenen kurzen Hosen und schwarzen Kamaschen bestanden. Er setzte dazu seine gelb und schwarz gefleckte Seehundsmütze auf, und ging, ein spanisches Rohr mit porzellanenem Knopf in der Hand, da ihn die Unruhe daheim nicht leiden wollte, in das Freie, um allerhand Fabrikanlagen vorläufig an Ort und Stelle zu überdenken.

Draussen roch ihm die Luft natürlich ganz anders, als früherhin, wo er über ihre steinernen Bestandteile noch nicht aufgeklärt gewesen war. Ihr Geruch, den er durch vielfaches Riechen und Schnüffeln ausprüfte, kam ihm so kalkicht und gipsern vor; er wusste nicht, wo er früher seine Nase gehabt hatte, solches nicht zu merken. Ein Bauer, der am Schlosshofe vorüberging und den alten Baron bei dem einen Wappenlöwen stehen sah, die Nase spürend gegen die Wolken erhoben, grüsste ihn höflich und sagte: "Es stinkt verflucht." – "Merkt Ihr auch etwas?" fragte der alte Baron freudig. – "Wer sollte das nicht merken?" rief der Bauer; "sie brennen drüben Kalk in der Grube, der Stank zieht im Winde weit umher."

Der Syndikus der Luftverdichtungsaktienkompanie verachtete herzlich die dürftige Auslegung dieses armseligen Bauern und ging quer durch die Dornen über Gras und Anger nach einem freien platz, der ihm zur Anlegung der Fabrik besonders tauglich zu sein schien, weil dort weit und breit umher die frischeste Luft wehte. Er mass den Platz in der Länge und in der Quere durch Schreiten ab, notierte die Raummasse in seiner Brieftasche, erwog, wo das Laboratorium stehen sollte, wo das Magazin für die Luftsteine und wo das Comptoir. Hierauf brachte er eine flüchtige Handzeichnung mit Bleistift zu Papiere, die ihm sehr wohl auszusehen deuchte, und worin das Magazin die Form einer Null hatte. Er war recht zufrieden mit diesen Vorarbeiten und ärgerte sich nur darüber, dass ihn Münchhausen bei denselben im Stiche liess. Indem er zufällig nach der Abdachung des Platzes, welche von einigen wilden Kastanien und Zwergeichen bestanden war, hinuntersah, bemerkte er, dass ein Mensch von seiner Raststätte unter einem der Bäume aufsprang und dann fortlief. Dieser Flüchtling kam ihm, obgleich er ihn nur von hinten sah, wie Münchhausen vor.