Beschäftigung erhalten?" fragte er sie. "O ja", war die Antwort, "es ist Holz zu sägen und kleinzumachen." – Fröhlich ging der Schulmeister nach dem Holzstall, stellte den Sägebock unter dem Fenster des Freiherrn auf und begann nun jene geräuschvolle Arbeit, von welcher im vorigen Kapitel die Rede gewesen ist, emsig und unverdrossen, sich schon freuend auf das Hacken, wenn das Sägen vorbei sein möchte.
Letzteres wäre sonach erklärt, mit dem Rumoren aber hatte es folgende Bewandtnis. In den alten Baron war durch die industriellen Entwürfe der Nacht ein unauslöschliches Feuer gedrungen. Vor seinen Augen erhoben sich Brücken, Kunststrassen, Paläste, ja ganze Städte aus versteinerter Luft. Er hatte sich zwar, nachdem er Münchhausen verlassen, abermals niedergelegt, konnte jedoch jetzt ebensowenig schlafen, als vorher, sondern wälzte sich, die Luftbauten vor den brennenden Augen, schlaflos von einer Seite zur andern. Nicht lange währte es, so wurde er bei seiner Lebhaftigkeit des unangenehmen Bettes müde, sprang auf und ging, einen närrischen aber festen Plan im Busen, auf den Söller.
Es war ihm nämlich eingefallen, dass die Streitigkeiten unter den Luftaktionären häklicht und spitzig ausfallen könnten, und dass es daher, um das Syndikat mit Auszeichnung zu verwalten, rätlich sein dürfte, im voraus den Scharfsinn auf gerechte Urteilsfällungen einzuüben. Er beschloss daher, sich eine vorläufige Gerichtsstube einzurichten, und zwar fern von störendem Geräusche, oben auf dem Söller in der sogenannten Polterkammer, in welcher Lisbet die Notizen über die Zinsrückstände gefunden hatte. Münchhausen sollte, das war sein Entwurf, ihm erdichtete Rechtsfälle, wie sie die jungen Studenten im Praktiko nach den Pandekten ausklauben, vorlegen, und er wollte sie dann nach der ratio nunquam scripta des Luftrechtes entscheiden.
Er schloss die Polterkammer im ersten Dämmer auf. An der schrägen Dachwandung, wo gebrochene Lichter sich zwischen den Ritzen der Ziegeln und Schindeln hindurchstahlen, stand ein ehemaliger L'hombretisch mit eingelegten Holzfiguren auf drei Beinen, den ernannte er zur Gerichtstafel. Er musste, um zu ihm zu gelangen, einige Reihen leerer Champagnerflaschen, drei alte zerbrochene japanische Vasen, ein messingnes Papageienbauer und ein verbogenes Jagdhorn wegräumen; Zeugen und Denkmäler einstiger glücklicher Tage. Hierauf liess sich der Tisch bequem in die Mitte der Polterkammer bringen und mit hülfe eines Guéridons von vergilbtem Alabaster, der sich dort auch irgendwo fand, auf einen sicheren vierten Fuss stellen. In einer andern Ecke stand ein orangeplüschener Grossvaterstuhl, den schob er als Richterstuhl hinter die Gerichtstafel. Nun fehlten nur noch die Akten, die Bücher und das Richterkostüm, um dem Ganzen das gehörige ehrwürdige Ansehen zu geben. Akten und Bücher fanden sich leicht, denn es lagen da ganze Bündel alter Papiere und Haufen schweinslederner Bände auf dem Boden umher. Er nahm verschiedene Konvolute unbeantwortet gebliebener Mahnbriefe auf und bedeckte damit die Gerichtstafel. An deren Rändern ringsherum stellte er den "Abbé de la Pluche", "Schelmuffskys Reisen", das "Curieuse Weltteater" und die "Asiatische Banise" samt dem "Leben der weltberüchtigten Frau Neuberin" als richterliche Hand- und Hülfsbibliotek auf. Das Kostüm liess sich schwerer entdecken, doch war er auch in dieser Beziehung zuletzt glücklich. Denn als er von der der Dachwand entgegengesetzten einen Bettschirm mit Schäfern aus Gessners "Idyllen" hinweggetan hatte, sah er eine Reihe alter Kleidungsstücke an den Nägeln hangen. Unter diesen erblickte er einen schwarzen Domino, von dem er sich erinnerte, ihn auf der Vermählungsredoute des letzten Fürsten von Hechelkram getragen zu haben, eine Sammettoque, in der seine Gemahlin einst einen englischen Herzog bezaubert hatte, und eine abgelegte Spitzenfraise, deren geschichte ihm entfallen war. Er nahm diese drei Stücke, welche ihm Richtermantel, Barett und Kragen bedeuten mussten, und hing sie an einem Pflocke der Gerichtstafel gegenüber auf.
Nachdem der Schlossherr, also rumorend, die Gerichtsstube eingerichtet hatte, setzte er sich in den orangeplüschenen Grossvaterstuhl, legte die hände auf die Gerichtstafel und freute sich über sein zustandegebrachtes Werk.
"Das hat mir gefehlt!" rief er. "Eine feste praktische Beschäftigung mangelte mir! Darum fühlte ich ungeachtet aller Studien bisher eine so peinigende Leere. Denn wie gefüllte Blumen zwar die schöneren zu sein scheinen, eigentlich aber kränkeln und früher absterben, als die einfachen, so ist ein unbeschäftigter Mensch, wenn er seinen Geist auch noch so herrlich schmückt, im besten Falle doch nur einer gefüllten Blume gleich. Die Kräfte seiner Seele vergeuden sich in eitler Blätterfülle und abgesehen davon, dass nach ihm keine Frucht bleibt, so erstickt er auch selbst bald an dem Übermasse missgewandter Säfte. Dagegen leitet ein tätiger Beruf die Geister, welche das Leben nähren, in die rechten Röhren und Kanäle, von denen sie dann in gesunden und gottgefälligen Bildungen als schlanke Stengel, frische Blätter, duftige Blüten ausgehen. Alle müssigen Menschen, und seien sie die bestgearteten, haben oder bekommen eine Neigung, andern wehe zu tun, nur um doch mit etwas ihre Tage auszufüllen, während der Fleiss, der durch Geschick oder durch Vorsatz auferlegte, auch geringere Seelen zu veredeln pflegt. Nicht mit Unrecht kann man sagen, dass er wie ein Magnet durch fortgesetztes Tragen unglaublicher Lasten mächtig wird, während die Trägheit ein Stahl in der Scheide ist, den zuletzt doch der Rost zernagt. Auch ist ferner zu sagen, dass die emsigen Bienen, obzwar ihnen die natur einen scharfen Giftstachel gegeben hat, nur gereizt stechen, und den Nichtbeleidiger unbeleidigt durch ihren Schwarm hindurchgehen lassen, wogegen die nicht