Denn wir haben, wie man in China mit Reis, als dem gangbarsten Produkte der Landeskultur bezahlt, die Verfügung getroffen, nur in unserem Produkte, nämlich in versteinerter Luft alle Besoldungen zu entrichten."
"Sehr vernünftig", versetzte der alte Baron. "So spart ihr bar Geld. Ich bin damit zufrieden. Nur bitte ich mir probemässige Luftsteine aus und verwahre mich gegen allen Müll und Abfall."
Münchhausen musste hierauf dem neuen Syndikus noch ein Langes und Breites von der Bereitung der Luft erzählen, wobei er sich freilich die eigentlichen Fabrikgeheimnisse vorbehielt.
Damit aber war sein Zuhörer noch nicht zufrieden, sondern er forschte auch gründlich nach der Verfassung der Kompanie, nach den stimmfähigen und stimmlosen Mitgliedern, nach dem Gesellschaftskapital, nach der Geschäftsführung, nach den Universal-, General-, Partikular- und Spezialversammlungen, damit er, wie er sagte, beizeiten alles erfahre, was zu seinem amt ihm zu wissen not tue.
Münchhausen gab ihm über jeden dieser Punkte, obgleich er lieber geschlafen hätte, notgedrungen die bündigste Auskunft, so dass er sich ganz heiser sprechen musste. Endlich ging der Alte.
Die Nacht war über diesen Vorfällen und Gesprächen verstrichen. Phöbus mit dem goldenen Haar sah in das Fenster. Erschöpft legte sich Münchhausen abermals zurück, um wenigstens noch eine Stunde Morgenruhe zu geniessen. "Es ist doch übel, wenn man bei den Leuten allzuviel Ideen anregt", sagte er vor dem Einschlafen.
Aber bald erhob sich unter seinem Fenster das Getöse einer eifrig arbeitenden Säge; der Ton, welcher vom erschrecklichsten Schrillen in einem unausgebildeten Sopran zum schauderhaftesten Schnurren in einem verdorbenen Alt regelmässig sich senkend, bekanntlich auch den Taubsten erwecken kann. Münchhausen sagte anfangs zu sich selbst: "Es ist nur Täuschung", und stopfte sich tief in die Kissen hinein; dann sagte er: "Es ist zwar keine Täuschung, aber ich will diesen sinnlichen Eindruck durch Abstraktion überwinden." – Er begann daher von dem Schrillen und Schnurren seine Gedanken mit Macht seitwärts zu führen, und würde vielleicht bei der grossen geistigen Kraft, die ihm beiwohnte, des Sinneneindrucks Meister geworden sein, wenn sich nicht plötzlich mit dem Sägegeräusche ein heftiges Rumoren über seinem haupt verbündet hätte. Es liess sich nämlich ein Gepolter über seiner stube vernehmen, als ob der ganze Söller umgekehrt würde. Zwischen Sägegeräusch und Söllergepolter eingeklemmt, konnte er es nicht länger aushalten. Er rief: "So ist es und bleibt es demnach unmöglich, heute zu einem leidlichen Schlafe zu gelangen!" und sprang mit beiden Füssen aus dem ruhelosen Bette. Er schellte und liess sich von seinem technischen Mitdirektor, der zugleich Prätendent von Hechelkram und Karlos der Schmetterling war, ankleiden.
Von der durchwachten Nacht sah er sehr gelbgrünlich aus, und die Augen standen ihm wüst im kopf. Das Sägen aber rührte vom Schulmeister und das Rumoren vom alten Baron her.
Siebentes Kapitel
Warum der Schulmeister sägte und warum der alte
Baron rumorte
Der Schulmeister war, nachdem der Freiherr das Fenster zugeworfen hatte, mit einem Seufzer und dem Ausrufe: "Nicht einmal eine Widerlegung!" in seine wohnung auf dem Taygetus gegangen. Dort blieb er, kopfschüttelnd und sinnend, die kleine Blendlaterne vor sich auf den Tisch gestellt, einige Stunden lang sitzen. Er blickte unverwandt in das Licht der Laterne und hatte seine beiden arme auf die Kniee gestemmt. Nachdem er so längere Zeit gesessen, erhob er sich, strich mit der Hand langsam über sein Kinn und sagte: "Ja, es ist so, ich bin darüber nun im klaren und habe meinen Entschluss gefasst." – Er ging in die Ecke, worin sein Lager aufgeschüttet war, und sprach, es mit untergeschlagenen Armen betrachtend: "Dieses ist Stroh, und zwar krummes, keinesweges aber Schilf." – Er nahm die Laterne, begab sich mit ihr hinaus, leuchtete auf dem platz vor dem Gartenhäuschen umher und sprach: "Ein gewöhnlicher Schneckenberg, und was da unten murmelt, ist ein Wässerlein ohne Namen." – Er holte den Becher oder Koton, das heisst, den alten irdenen Topf aus dem Gartenhäuschen und zerschmetterte ihn mit den Worten: "Du sollst mich nicht mehr verführen!" durch einen heftigen Wurf. Dann sank er auf sein Strohlager zu einem festen und erquicklichen Schlummer nieder. Nach wenigen Stunden, als das Frühlicht angeglommen war (denn er brauchte wenig Schlaf), erhob er sich wieder, rückte ein altes Schreibzeug zurecht, fand glücklicherweise einen Bogen Papier und schrieb an den Schulrat Tomasius.
Mit diesem Briefe in der Hand trat er hinaus in das Morgenrot. Er freute sich der aufsteigenden Sonne und rief: "Es ist denn doch ein anderes Ding, die liebe Gottessonne, als der längst begrabene Heidengötze Helios." – "Guten Morgen, Agesel!" rief eine stimme von unten ihm zu. "O glückliche Vorbedeutung!" sagte der Schulmeister, "ich werde wieder bei meinem Taufnamen genannt, ja, den Agesilaus hätten wir wohl hinter uns." Hinabblickend sah er den Kreisboten, welcher, seinen braunen Stecken in der Hand und die schwarzlederne Skripturentasche über den rücken gehängt, längst des Gartens durch die Dornen seinen Dienstweg schritt. "Halt!" rief der Schulmeister und warf den Brief hinunter, "nehmt das an den Herrn Schulrat mit, Rittersporn, aus gefälligkeit."
Er ging nach dem schloss, wo er das fräulein, welche auch wenig geschlafen hatte, schon munter fand. "Könnte ich nicht eine nützliche