1836_Immermann_045_100.txt

mund kommt, mit einem Worte: pack dich, du Schuft!"

Karl Buttervogel sank am Bette auf seine Kniee, ergriff die Hand des Freiherrn, küsste sie, heulte und schluchzte, dass es einen Stein hätte erbarmen mögen, selbst einen aus Luft, und rief: "Gnädiger Herr, ich weiss ja, dass ich ein Schuft gewesen bin. Aber ich will es in meinem ganzen Leben nicht mehr tun. Ach, vergeben Sie mir doch nur dieses eine Mal, damit ich technischer Mitdirektor bleibe, ich habe schon so sehr auf diesen Posten und auf dieses gute Brot gerechnet, und wäre ein geschlagener Mann, wenn mir's entginge, denn mit dem Herrn Schwiegervater kann es noch im weiten feld stehen, und wer weiss auch, ob mir die fernerweite gute Verköstigung ausgemacht wird, wofür ich's allein tue, und ich will nimmer wieder von der unnatürlichen Erzeugung plappern und vom Munkel und von den chemischen Schmierereien, weil ich sehe, dass es Sie kränkt, und von Lohn, und was ich ausgelegt, soll gar keine Rede mehr sein, nein, alles gratis, Aus- und Anziehen und Wasserholen und sonst, und ich wollte doch so gern Ihr Bedienter bleiben."

"Dein scheusslicher Eigennutz lässt dich so eifrig diese Bitte aussprechen", sagte Münchhausen ernst. "Die technische Mitdirektorschaft ist es allein, welche dir im Sinne liegt. Aber tröste dich, mein Freund, du wirst nichts verscherzen, wenn du von mir gehst. Wie sollte ein Lügner jemals Wahrheit sagen? Auch die Luftverdichtungsaktienkompanie habe ich nur vorgespiegelt."

"O nein, nein, nein!" rief Karl Buttervogel laut und begeistert. "Ich lass' mich nicht irremachen. Nein, wenn der gnädige Herr auch sonst jezuweilen aus Liebhaberei 'n bissel flunkern, damit hat es seine volle Richtigkeit. Ach, ich sehe wohl, der gnädige Herr prüfen mich nur noch und spassen schon; und ich bleibe bei Ihnen."

"Nun denn", sagte Münchhausen, "für dieses Mal will ich dir verzeihen; es ist aber das letzte Mal. Ob du indessen technischer Mitdirektor wirst, hängt lediglich von deiner ferneren Aufführung ab. Und nun hole mir den Stock da her, du Spitzbube, denn der neue Kontrakt, welchen wir beide abschliessen, will seine Bekräftigung und Draufgabe haben."

Karl Buttervogel brachte den Stock, welcher in der Nähe des Bettes stand, getragen, sein Herr zog ihm damit einige sogenannte Jagdhiebe über den Buckel; der Diener ächzte zwar unter der Last dieser Streiche, schüttelte sich aber nachher und sagte getröstet: "Es wird einem doch gleich wieder so wohl, wenn man wieder seine feste Anstellung hat."

Nach seinem Abgange blieb der Freiherr im Bette emporgerichtet sitzen und sprach: "Erstaunlich, was für eine Gewalt ich über meine Umgebungen ausübe!" Er warf sich auf sein Kissen nieder, wandte sich um und schlief abermals ein. Indessen sollte ihm noch keine dauernde Nachtruhe gegönnt sein. Denn nachdem er etwa eine halbe Stunde geschlummert haben mochte, erwachte er wieder von einem Geräusche am Fenster. Im ersten Augenblicke meinte er, dass Diebe sich zum Einsteigen rüsteten; halb schlaftrunken fuhr er aus den Federn und an das Fenster, sah aber, nun durch den kühlen Nachtwind völlig geweckt, unten im hof eine dunkle Gestalt, mit einer überlangen Stange in der Hand. "Wer ist da? Und was soll das?" rief Münchhausen die Gestalt an.

Dieser erwiderte: "Ich bin es, der Schulmeister, auch Agesilaus geheissen, und diese aus mehreren Bohnenstiefeln zusammengefügte grosse Stange klopfte an Ihr Fenster, um Ihre Aufmerksamkeit mir zuzuwenden, Herr von Münchhausen, da mein leises und bescheidenes Rufen Ihres werten Namens nicht verfangen wollte. Noch Licht in Ihrem Zimmer sehend, hielt ich es nicht für unhöflich, eine Zwiesprach mit Ihnen zu begehren, welche ich denn hiemit begehrt haben will. Mich verlangt sehnlichst nach einer Unterredung über einen mir hochwichtigen Gegenstand. Wollen Sie mir wohl leise, auf dass die Hausbewohner nicht erwachen, die tür öffnen und den Zutritt in Ihr Gemach verstatten?"

"Zum Teufel, Herr, das werde ich bleibenlassen!" rief Münchhausen ärgerlich. "Wer erlaubt Ihnen, die Leute aus dem Schlafe zu stören? Was Sie mir zu sagen haben, können Sie mir von da unten sagen."

"Auch dieses", versetzte ruhig der unten mit der Stange. "Die Unterredung aber muss vor sich gehen, damit ich heute noch meinen Entschluss fassen kann. Kürze, die körnige Kürze der Sparter sei mein Muster, denn es zieht hier etwas stark an der Ecke. – Herr von Münchhausen, der Mensch, welcher überhaupt diesen Namen verdient, hat Gedanken. Diese Gedanken haben einen Inhalt und dieser Inhalt kann wahr oder falsch sein. Falsch ist er, wenn er der Wirklichkeit wider-, wahr, wenn er ihr entspricht. Was nun die Wirklichkeit sei, ist zwar schwer zu sagen, indessen, bis dieses grosse Geheimnis entdeckt wird, müssen wir mit dem, was andere Menschen über unsere Gedanken denken, uns behelfen. Deshalb ist es so überaus wichtig, letzteres zu erfahren, weil wir dadurch zwar noch nicht die Wirklichkeit selbst, aber doch gleichsam eine Anweisung auf sie in die hände bekommen. Eine solche Anweisung wünschte ich gegenwärtig von Ihnen zu empfangen, Herrn von Münchhausen."

"Herr, kommen Sie zur Sache! nennen Sie diese Umschweife Kürze