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für das Kloster bestimmt habe, und von ihrer gütigen Tante hoffe, dass sie mir erlauben würde, bald mein Probejahr anzutreten. Wie ein Donnerschlag wirkte diese Erklärung auf den jungen Blainville. Ich sah ihn erbleichen und hielt meine strömenden Tränen nicht zurück, der alte Blainville sah verlegen auf die Tante, die einen etwas zornigen blick auf die Nichte richtete; aber diese blickte triumphirend, wie nach einem gewonnenen Siege, umher.

Die schöne Ruhe war aus unserm Kreise gewichen, aber dennoch war nicht erreicht worden, was meine Mutter im frommen Eifer für ihre Kirche und aus blinder Liebe für meinen Bruder wollte. Ich suchte die Einsamkeit, aber nicht bloss um meinen Tränen Luft zu machen, sondern um mich auch in dem Vorsatze zu bestärken, mich nicht für meinen Bruder opfern zu lassen. Ich entwarf manche Pläne, wie ich mich dem alten Herrn Blainville anvertrauen und seinen Rat benutzen wollte, aber wenn ich mit ihm zusammentraf, konnte ich den Mut nicht dazu finden.

Der junge Blainville hatte bald meine einsamen Spaziergänge entdeckt, und eine Erklärung, die vielleicht ohne die Aeusserungen meiner Mutter unsere Schüchternheit noch lange zurückgehalten hätte, vereinigte nun auf das Festeste unsere Herzen; wir gelobten uns mit allem Ungestüm der Jugendliebe ewige Treue, und hofften von der Zeit, von der Güte meiner Grosstante, von dem Einflusse des alten Blainville unser Glück; aber freilich konnten wir es uns nicht verhehlen, dass dieser niemals einem Plane seine Zustimmung geben würde, der offenbar das Recht einer Mutter verletzt hätte; von dieser Mutter aber konnten wir weder durch Bitten, noch durch Tränen etwas zu gewinnen hoffen, da das vermeinte Seelenheil eines geliebten Sohnes ihr wichtiger war, als das irdische Glück einer wenig geliebten Tochter, und so schlossen sich alle unsere Unterredungen mit hoffnungslosen Tränen, und nur Eins ward jedes Mal von Neuem beschlossen, in unserer Liebe ohne Wanken auszuharren.

Ich hatte dem jungen Blainville meine Vermutung anvertraut, dass mein Bruder durch eigennützige Absichten bei seinem Handeln geleitet würde, und dass er die Bekehrung selbst, auf die meine Mutter so inbrünstig hoffte, nur vorspiegele, um mich in's Kloster zu verstossen und so auch noch das kleine Erbe zu behalten, welches mein Vater mir ausgesetzt hatte, und wir beklagten um so schmerzlicher die Blindheit der Mutter, die mich diesem Bruder opfern wollte, als unvermutet er selbst erschien und seine Ankunft uns zum Trost gereichte, was wir am Wenigsten erwartet hätten.

Als die erste Freude der Bewillkommnung vorüber war, erschrak meine Mutter, ihren Sohn so verändert zu finden; die Blüte der Jugend war von seinen Wangen schon abgestreift, seine Gestalt zusammengesunken, obgleich er kaum zwei und zwanzig Jahre alt war, und er schob die Schuld der traurigen Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, auf den vielen Kummer, den ihm sein Vormund verursache, der, wie er behauptete, seine Neigung zur katolischen Religion entdeckt habe. Er trieb die Heuchelei so weit, dass wenig fehlte, und meine Mutter hätte ihn für einen Märtyrer des Glaubens gehalten. Der alte Blainville, der die Welt besser kannte, als sie, vertraute der Tante nach wenigen Tagen, dass ihm der junge Mann ein leidenschaftlicher Spieler zu sein schiene.

Es liess sich bald erkennen, dass mein Bruder neue Summen von meiner Mutter zu erhalten wünschte, und dass diese so bedeutend sein mussten, dass sie ihre Kräfte überstiegen, denn sein Missmut liess sich eben so wenig, als ihre Tränen verhehlen. Da der alte Blainville die Verhältnisse meiner Familie kannte, so gab er seinem Sohne einen Rat, der unser Glück herbeiführte. In Folge dieses Rates nämlich suchte der junge Blainville sich meinem Bruder zu nähern, er bot ihm die hülfe, welche die Mutter nicht gewähren konnte, und übernahm es zugleich, mich zu verpflichten, auf mein kleines Erbe Verzicht zu leisten, wenn er die Mutter dazu bestimmen könne, in unsere Verbindung zu willigen.

Mit welchem frohen Erstaunen wurde mein Herz erfüllt, als mein Bruder sich mir nun liebreich näherte und den frommen Wahn der Mutter beklagte, der ohne Schonung meine Jugend opfern wollte; er segnete den Gedanken, der ihn zu rechter Zeit herbeigeführt hätte, um ein solches Unglück zu verhindern. Mir klangen diese Worte in seinem mund so fremd, dass ich ihn Anfangs mit Misstrauen betrachtete; er lächelte und sagte: wirst Du denn niemals Zutrauen zu mir gewinnen, meine gute Schwester? Ich beförderte den Plan der Mutter, weil ich glaubte, ein geistliches Leben sei Dein wahrer Beruf, Deine eigene Wahl; da mich aber Blainville, der mehr Vertrauen zu mir hat, als Du, eines Besseren belehrt hat, so werde ich die Mutter noch heute bestimmen, Eure hände in einander zu fügen.

Da ich keine Kenntniss davon hatte, durch welche Mittel Blainville meinen Bruder bestimmt hatte, unser Glück zu befördern, so warf ich mich mit Tränen der Reue in seine arme; ich gestand ihm die nachteiligen Gedanken, die ich über ihn genährt hatte; ich bat ihn dieser innerlichen Beleidigung wegen um Verzeihung; ich überhäufte ihn mit Dank und Liebe, und war unendlich beglückt, als er mir grossmütig verzieh und sich meine Liebe gefallen liess. Ich fürchtete nur noch, er würde die Mutter nicht bestimmen können. Lass das meine sorge sein, erwiderte er mit einem beinah verächtlichen Lächeln.

Er verliess mich, um die Mutter sogleich zu sprechen. Mein Herz pochte, als ich in ihrem Zimmer Beide laut und heftig sprechen hörte, und ich erfuhr