Fähigkeiten meiner Seele erhöht wurden und so die Bewunderung meiner guten Tante erregten. Meine Mutter konnte mich hier nicht auf das Haus beschränken, denn die Herrin desselben begünstigte den Umgang mit Personen meines Alters, die in unserer Nähe lebten, und die anständige Freiheit der Sitten in der Schweiz erlaubten es uns, auf den nahen Bergen umher zu schweifen, und mit den reinen Lüften sog ich die Kräfte des Lebens in mich; mein Geist erstarkte wie meine Glieder, meine Wangen röteten sich, meine Augen leuchteten in der Fülle des Glücks und der Gesundheit. Die Zaubergärten der Poesie erschlossen sich um diese Zeit meinem geist und übten eine nie geahnete Gewalt auf meine Seele. Meine Mutter bemerkte mit Unruhe die Verwandlung, die mit mir vorging und die sie eine traurige Verweltlichung nannte; die Tante war in demselben Grade darüber erfreut.
Schon ehe wir in der Schweiz angekommen waren, hatte sich zwischen meiner Grosstante und einem alten Franzosen ein freundliches verhältnis gebildet, welches oft Beiden zum Trost gereicht hatte, der Tante in ihrer Einsamkeit und dem Franzosen in manchen Leiden der Gegenwart.
Herr Blainville, so nannte sich der alte Mann, hatte Frankreich verlassen müssen, weil sein vorurteilsfreier Geist die Anzeichen der herannahenden Stürme erkannte. Seine Stellung in der Nähe seines Monarchen hatte ihn vermocht, diesen auf seine gefährliche Lage aufmerksam zu machen und ihm die Möglichkeit des Unglücks zu zeigen, welches bald furchtbar hereinbrechen sollte. Anfangs verlacht wurde er bald angefeindet und als ein Anhänger verhasster Systeme verdächtig gemacht, und er sah seine Freiheit um seiner treuen anhänglichkeit Willen bedroht. Der entgegengesetzten Partei war er ebenfalls verdächtig, weil er seinem Könige ergeben war, und so war er zu gleicher Zeit der Verfolgung des Hofes und dem Hasse des Volkes ausgesetzt, und hatte kaum noch Zeit, durch eine eilige Flucht einer Verhaftung zu entgehen, die sein Leben in Gefahr bringen konnte. Bei dieser unvorbereiteten Flucht konnte er nur sehr geringe Hülfsmittel mit sich nehmen, und er musste mit seinem Vermögen einen Sohn und eine Tochter in Frankreich zurücklassen, für deren Schicksal er unaufhörlich fürchtete, und je deutlicher sich in den fortschreitenden begebenheiten der Zeit erkennen liess, dass er nur zu richtig die Uebel seines Vaterlandes voraus gesehen hatte, um so heftiger wurde seine Unruhe, und sein Herz wurde von den quälendsten Sorgen um das Schicksal seiner Kinder zerrissen, denn seine Phantasie spiegelte ihm die furchtbarsten Ereignisse vor. Es konnte seiner bejahrten Freundin nicht gelingen, ihn zu beruhigen. Eine furchtbare Revolution, pflegte er oft, wenn sie ihm Trost einsprechen wollte, zu sagen, bricht über mein unglückliches Vaterland herein, und ich weiss wohl, dass diese in der Zukunft für Frankreich, ja für ganz Europa die heilsamsten Früchte tragen kann, aber in der Gegenwart, wo alle Leidenschaften aufgeregt sind, wird sie wüten wie ein furchtbarer Orkan, der zwar auch die Luft reiniget, aber Wehe dem, der ihm nicht ausweichen kann.
Endlich kam er eines Morgens mit triumphirender Miene in unser Haus, von einem jungen mann begleitet, welchen meine würdige Grosstante mit herzlicher Freude als den jungen Blainville begrüsste. Sie wünschte dem Vater aufrichtig Glück, dass durch die Ankunft des so heiss ersehnten Sohnes die Unruhe seines Herzens beendigt sei, und fragte den jungen Mann mit Teilnahme nach seiner Schwester. Er berichtete mit Kummer, dass es ihm unmöglich geworden sei, für die Schwester und sich Pässe zu erhalten, dass er gezwungen gewesen, sich ohne Pass über die Grenze zu schleichen, welches er nicht habe bewerkstelligen können, ohne Gefahren sich auszusetzen, denen ein junges Mädchen unmöglich könne preisgegeben werden; er habe also in Paris, wo sie verborgen und in Sicherheit leben könne, auf's Beste für sie gesorgt, und da er selbst bald zurück müsse, so hoffe er dann vielleicht Mittel zu finden, auch sie dem Vater zuzuführen.
Der junge Blainville schien durch meinen Anblick überrascht, und es war nicht zu verkennen, dass er sich vom ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an mit Innigkeit mir zuwendete; sein Vater schien seine Neigung durch seinen Beifall zu unterstützen, meine Grosstante wirkte ihr nicht entgegen, und meine Mutter schien sie Anfangs nicht zu bemerken.
Wer jemals die Süssigkeit der Momente empfunden hat, wenn zwei junge Herzen sich gegeneinander öffnen, um sich zu vereinigen, der wird es begreifen, dass es mir schien, als ob die Sonne nur in dem Herzen ruhte, deren glänzende Strahlen Alles um mich her beleuchteten und verschönten. Der alte würdige Blainville streichelte oft meine glühenden Wangen und nannte mich sein Kind, seine zweite Tochter, den Trost seines Alters. Ich begriff nicht, warum diese Schmeichelworte mir Tränen entlockten, und doch war ich so selig in diesen Tränen.
Meine Grosstante und der alte Blainville hatten jetzt häufig lange Unterredungen mit einander, die ihre vertrauliche Freundschaft noch zu befestigen schienen, aber ich bemerkte, dass nach solchen Unterredungen die Tante oft besorgte Blicke auf meine Mutter richtete; endlich schien diese sich an die Gefühle ihrer Jugend zu erinnern, und sie begann die Gefahr, die ihren Plänen drohte, zu ahnen. Sie bereute nun das ihrer Tante gegebene Versprechen, mich nicht aus ihrer Nähe entfernen zu wollen, und wusste nicht, wie sie diess erfüllen und doch zugleich ihrem Gelübde treu bleiben sollte. Endlich glaubte sie durch Aufrichtigkeit gegen Alle einem drohenden Uebel begegnen zu können. Sie ergriff also die erste schickliche gelegenheit, um in des alten, wie des jungen Blainvilles Gegenwart zu erklären, dass sie mein Leben dem Heiland geweiht und mich desshalb