1836_Bernardi_007_96.txt

Bruder zu solchen Träumen machte, wenn sie ihm mitgeteilt wurden.

Ich war ungefähr funfzehn Jahr alt geworden, und meine Mutter fing sich an ernstlich darüber mit dem Beichtvater zu beraten, in welchem Kloster ich meine Probezeit hinbringen sollte, als ein Brief von einer Tante meiner Mutter ankam und unserem Leben eine neue Wendung gab. Diese Tante hatte sich mit einem bedeutenden Vermögen, die Schönheit der natur zu geniessen, nach der Schweiz zurückgezogen; sie war alt und kinderlos, und forderte meine Mutter auf, mit mir zu ihr zu kommen, damit sie ihr Leben nicht unter fremden Menschen endigen müsse, und versprach zugleich, wenn meine Mutter diesen Wunsch bereitwillig erfüllen wollte, sie zu ihrer einzigen Erbin zu ernennen.

Niemand unterstützte den Vorschlag dieser Tante eifriger als mein Bruder, und als meine Mutter die Besorgniss äusserte, dass er, getrennt von ihr, wieder lau werden und seinen heiligen Vorsatz aufgeben könne, versicherte er, dass er uns nach der Schweiz folgen würde, wo er, ohne Aufsehn zu erregen, leichter noch als im vaterland diess Verlangen seines eignen Herzens stillen könne. Diese Aeusserung war entscheidend, und wir begaben uns auf die Reise zu der alten, reichen, lebenssatten Tante, wie sie von meinem Bruder genannt wurde.

Ich hatte unser Haus beinah niemals verlassen, meine Spaziergänge erstreckten sich nicht weiter, als bis in unsern Garten, dessen geschorene Hecken und regelmässig abgeteilte Blumenbeete mir weiter keine Abwechselung gewährten, als dass ich die Blumen blühen und verblühen sah, und doch hatte ich selbst in diesem beschränkten raum in der Unschuld meines Herzens unsägliche Freude genossen. Waren doch die Sommerlüfte warm und lind, glänzte doch der Himmel über mir, dufteten mir doch die Blumen entgegen, und meine Phantasie füllte die Gänge mit wandelnden Gestalten; wache Träume der lieblichsten Art umfingen häufig meinen Geist in diesem Garten, und eine bunte Mährchenwelt umgaukelte mich.

Die angetretene Reise nun entführte mich aus der engbeschränkten, bekannten Welt und zeigte mir zum ersten Male eine grossartige natur. Schon unsere vaterländischen Berge, unsere üppigen Täler und rieselnden Bäche entzückten mein Herz, und ich dachte mit Beklemmung daran, dass ich von dieser herrlichen Welt scheiden sollte und wieder höchstens in einem beschränkten Garten würde verweilen dürfen. Aber als wir die Schweiz erreichten, war es, als ob mein Busen sich dehnte. Diese Seeen, diese Berge, diese Täler weckten ein Gefühl des Lebens in mir, das mir bis dahin fremd gewesen; ich fühlte, dass ich da sei um mein selbst Willen, und konnte mich nicht mehr als ein Wesen betrachten, welches für Andere dahin gegeben werden dürfe, und leise im Herzen regte sich mir der Verdacht, ob mein Bruder auch solche Opfer verdiene. Mein trunkenes Auge schweifte unersättlich über Berg und Tal, und meine Seele sog das reinste Entzücken in sich. Aber indem ich mit himmlischer Wonne das Leben fühlte, welches sich so glänzend und neu vor mir ausbreitete, versprach ich mir innerlich, leise, aber fest, eine Welt nicht zu verlassen, deren Zauber, sobald ich ihn kennen lernte, so mächtig auf mich wirkte.

III

Wir hatten Luzern erreicht, in dessen Nähe die Tante meiner Mutter ein herrlich gelegenes Landhaus bewohnte. Mit aufrichtiger Liebe wurden wir von der mehr als siebzigjährigen Frau empfangen, die das nahe Ende ihres einfachen, schönen Lebens mit Ruhe und Heiterkeit erwartete, und sich durch die Gegenwart naher Verwandten gestärkt fühlte; aber dennoch liess sich bald bemerken, dass ihre Hoffnung nicht vollkommen befriedigt war, und dass der beschränkte Geist meiner guten Mutter ihr die Unterhaltung nicht gewähren konnte, die sie in ihren einsamen Stunden durch das Beisammensein mit einer Verwandten erwartet hatte. Ihr wahrhaft frommer Sinn konnte eben so wenig damit zufrieden sein, dass ich schon vor meiner Geburt zum Opfer für einen Andern bestimmt war, und wenn sie die Ansichten meiner Mutter in dieser Hinsicht bekämpfte, so machte diess desshalb einen erschütternden Eindruck auf diese, weil sie keine frevelnde Freigeisterei bei ihrer Tante voraussetzen durfte, sondern sie in allen Handlungen ihres Lebens als fromme Katolikin verehren musste.

Meine grosse Jugend erregte die Teilnahme dieser vortrefflichen Frau, und indem sie für meine Bildung zu sorgen beschloss und mich desshalb mehr an sich zog, bemerkte sie mit Schrecken eine völlig verwahrloste Erziehung, und auf die Vorwürfe, welche sie meiner Mutter darüber machte, glaubte diese genügend mit der Frage antworten zu können, von welchem Nutzen mir weltliche Kenntnisse bei meinem künftigen Aufentalte im Kloster sein könnten, und ob sie nicht im Gegenteil dazu dienen würden, in mir eine sehnsucht nach der Welt zu erregen, die ich bestimmt sei zu verlassen. Die Tante suchte ihr die Gefahr auseinander zu setzen, die darin liege, wenn ein so lebhafter, feuriger Geist als der meine gar keine Nahrung erhielte und alle Hülfsquellen in der künftigen Einsamkeit nur in sich suchen müsse, worauf meine Mutter auf beichte und Gebet als die sichersten Stützen der Seele hindeutete.

Die Tante gab bald jeden Streit über diesen Gegenstand auf und benutzte ihre Ueberlegenheit des Geistes, um für mich, ohne weiter zu fragen, Lehrer in allen nötigen Wissenschaften anzunehmen, und da sie mich zugleich zu allen frommen Uebungen anhielt, die die Kirche vorschreibt, so konnte meine Mutter keinen Grund finden, sich einer Einrichtung zu widersetzen, von der die Tante behauptete, dass sie ihr eine erheiternde Beschäftigung im Alter gewähre.

Für mich begann in dieser Zeit ein so glückseliges Leben, dass vielleicht durch die Trunkenheit, in der mein Geist sich befand, alle