und er alle Neigung allein seinem Sohne zuwendete, so war ihm der Plan meiner Mutter in sofern lieb, als meinem Bruder dadurch der ungeteilte Besitz des Vermögens gesichert wurde, welches durch die Verwaltung meines Vaters bedeutend war vermindert worden. Da ihm der gefährliche Zustand seiner Gesundheit nicht verborgen bleiben konnte, ob er gleich von den Aerzten noch einige Zeit nach dem unglücklichen Sturze erhalten wurde, so richtete er sein Testament ganz zum Vorteile meines Bruders ein, und da meine Mutter während seiner Krankheit einige Mal seine Bekehrung mit hülfe des Beichtvaters versucht hatte, so erregte diess nicht nur seinen Zorn, sondern auch die sorge, dass nach seinem tod derselbe Eifer für die Seele meines Bruders sich zeigen würde, und er ernannte einen Vormund aus der Zahl seiner Freunde, der meinen Bruder zu sich nehmen und seine Erziehung leiten sollte, damit, wie er unverholen äusserte, der Knabe nicht durch die Mutter den Händen der katolischen Priester übergeben werden möchte.
Meine unglückliche Mutter erfuhr also den doppelten Schlag des Geschickes, dass sie den Mann ihrer Liebe verlor, ohne, wie sie meinte, seine Seele gerettet zu haben, und dass gleich nach dessen tod ihr auch der Sohn entrissen wurde, um dessentwillen sie nur noch lebte.
Da es nun durch die Entfernung des Knaben der trauernden Mutter unmöglich gemacht wurde, unmittelbar für seine Bekehrung zu wirken, in welchem Gedanken sie einen schwachen Trost beim tod des Mannes gefunden hatte, so blieb nichts übrig, als mittelbar durch ihr und mein Gebet dahin zu wirken, und ich wurde zu allen geistlichen Uebungen schon in dieser zarten Jugend angehalten.
Da es wie eine ausgemachte Sache betrachtet wurde, dass mein Leben dem Dienste Gottes im Kloster geweiht sei, so hegte ich selbst auch keinen andern Gedanken, und da meine Mutter den Einfluss lebensfroher Gespielen fürchtete, so erzog sie mich in völliger Einsamkeit; ich sah beinah nur den Beichtvater und sie; und als Grund für diese Zurückgezogenheit wurde ohne Hehl meine Bestimmung zum Klosterleben angeführt, so dass ich nicht teil nahm an den wenigen Gesellschaften, die meine Mutter besuchte, und auch das Gesellschaftszimmer verliess, wenn zuweilen Besuch bei uns erschien.
Ich fügte mich ohne Zwang und ohne Klage in diese Einsamkeit; ich lebte in Träumen, die meine Phantasie erzeugte; ich bildete mir innerlich ein wunderbares, reiches Leben und hielt mich so für alle äusseren Entbehrungen schadlos. Mein lebhafter Geist, der mit nichts genährt wurde, musste alle Beschäftigung in sich selber suchen und führte mich oft an die Gränze des Wahnsinnes, denn ich glaubte selbst an meine wachen Träume. Die einzige Störung dieses einsamen, träumerischen Lebens trat ein, wenn uns mein Bruder, von seinem Vormunde begleitet, besuchte. Der muntere Knabe verspottete die werdende Nonne, und wenn er prahlend von der Heiterkeit seines Lebens erzählte, so regte sich zuweilen die sehnsucht in meiner Brust, teil an seiner Freude zu nehmen. Auf meine Mutter machten diese Besuche, nach denen sie sich so heftig sehnte, jedes Mal den traurigsten Eindruck, und unsere Gebete in der Einsamkeit wurden verdoppelt, um eine Bekehrung zu erflehen, die immer zweifelhafter zu werden schien.
Mein Bruder hatte ungefähr das Alter von sechzehn Jahren erreicht, als ich bemerkte, dass sein Betragen gegen uns anders wurde. Er kam jetzt zuweilen allein, teils weil seinem Vormunde der Aufentalt bei uns langweilig war, teils weil er glaubte, mein Bruder sei so befestigt in seinen religiösen Ansichten, dass die Mutter keinen Einfluss mehr auf ihn würde ausüben können. Diese Besuche gewährten dieser einen kaum mehr gehofften Trost; mein Bruder spottete nicht mehr über meine Bestimmung, ja er konnte mit Bewunderung von der Heiligkeit eines einsamen, Gott geweihten Lebens sprechen; er liess in solchen Stunden meine arme Mutter hoffen, dass, sobald er das mündige Alter erreicht haben würde, er sich in den Schooss der katolischen Kirche würde aufnehmen lassen, und es bedurfte keiner grossen Ueberredung, um die Mutter und den Beichtvater zu überzeugen, dass diese frommen Gedanken vor dem Vormunde verborgen gehalten werden müssten, damit dieser nicht den Sohn auf's Neue von der Mutter trennte. Die arme Frau hatte sich ohne grosse Kunst von dem mann täuschen lassen, der ihre Liebe gewann, und liess sich nun noch bereitwilliger von einem Knaben hintergehen. Sie bemerkte es nicht, dass sie diese frommen Aeusserungen jedes Mal mit ansehnlichen Summen bezahlen musste, die mein Bruder von ihren Ersparnissen empfing. Mein Vater hatte meiner Muter ein sehr mässiges Einkommen bestimmt, da aber ihre Eltern in der Zwischenzeit gestorben waren, so hatte sie durch die ihr zugefallene Erbschaft bedeutendere Mittel, und mein Bruder hatte nicht so bald Kenntniss von diesem Zuwachs, als er ihn für sich benutzte, durch eine Heuchelei, die der Beweis einer grossen Schlechtigkeit gewesen wäre, wenn er diesen Kunstgriff nicht mit kindischem Dünkel für das Zeichen eines starken Geistes gehalten hätte, der sich erlauben dürfte, die Schwachheit einer bigotten Mutter auf diese scherzhafte Weise zu benutzen.
So hatte mein Bruder nach und nach das ganze Erbe meiner Mutter erhalten, ehe er sein mündiges Alter erreichte, und diese fing an die Entbehrungen zu fühlen, die sie sich aus Liebe für diesen Sohn selbst auferlegt hatte; doch machte ihr diess keinen Kummer, denn für mich war gesorgt, indem ich aus der Welt schied, und sie selbst konnte dann bei dem geliebten, geretteten Sohne den Rest des Lebens in heiliger Freude hinbringen. Ich war noch sehr jung, aber ich sah mit Befremden die bedenklichen Mienen, die mein