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zu versöhnen. In dieser Lage der Dinge wurde die Schwangerschaft meiner Mutter fast wie ein Unglück betrachtet, denn man fürchtete mit Recht, dass auch die Kinder der katolischen Kirche würden entzogen werden und so auch diese Seelen verloren gehen würden. Indess wurde es notwendig, diesen Gegenstand zur Sprache zu bringen, und wie man es befürchtet hatte, lachte mein Vater nur über die Hoffnung, dass er die erlaubnis geben würde, seine Kinder katolisch zu erziehen. Man bediente sich selbst der List, um ihn dazu zu vermögen, sein stillschweigend gegebenes Versprechen zu erfüllen, indem man ihm vorstellte, da ihm alle Religion gleichgültig sei, so könne er ja leicht zugeben, dass die Mutter, die sich nicht zu seinen Ansichten erheben könne, den Trost habe, dass die Kinder ihren Glauben teilten. Mein Vater stellte die weltlichen Nachteile dagegen auf, die seinen Kindern aus dem Bekenntnisse der katolischen Religion erwachsen müssten, und nach langem Unterhandeln konnte endlich nur mit Mühe erreicht werden, dass die Söhne der Religion des Vaters, die Töchter aber dem Glauben der Mutter folgen sollten.

Jetzt stiegen eifrige Gebete zum Himmel empor, das Kind, welches meine Mutter noch unter ihrem Herzen trug, möge eine Tochter sein, ganz entgegen den gewöhnlichen Wünschen der Familien, die einen Sohn eifriger als eine Tochter zu erbitten pflegen. Auch diese Gebete erhörte der Himmel nicht, und das Entzücken der jungen Mutter war mit Schmerz vermischt, als man ihr nach überstandener Qual den neugebornen Sohn hinreichte. Die Freude des Vaters war laut und heftig, ein glänzendes fest sollte die Taufe des Neugebornen verherrlichen, und mit innerlichem Schauder sahen Mutter und Schwiegereltern den protestantischen Prediger die heilige Handlung verrichten. Der Beichtvater meiner Mutter tröstete sie mit dem Gedanken, dass noch nichts verloren sei, weil die Taufe, in welcher Kirche sie auch gefeiert werde, immer die gleiche Gültigkeit habe und es immer noch in der Macht meiner Mutter stände, die junge Seele dem wahren Heile zuzuwenden.

Dieser Gedanke entzündete eine neue Hoffnung in der Brust der unglücklichen Frau und wendete ihre leidenschaftliche Liebe dem kind zu, dessen Seelenheil sie gefährdet wähnte. Wenn sie in blinder Zärtlichkeit sich ganz dem kind hingab, alle seine Wünsche befriedigte, selbst die, welche der verkehrteste Eigensinn aussprach, so täuschte sie sich selbst und bildete sich ein, es geschähe, um sich die Liebe des Sohnes um jeden Preis zu erhalten, um ihn durch diese Liebe später zum wahren Heil zu leiten; es entging ihr der Widerspruch, dass sie den später leiten wollte, von dem sie sich schon als Kind völlig beherrschen liess. Mein Vater zog das Kind ebenfalls an sich, weil er ihn mit dem gewöhnlichen Stolz der Väter als Fortpflanzer seines Namens betrachtete, und weil er den Plänen der Mutter, die er gar wohl bemerkte, entgegen wirken wollte, und so kam es, dass dieses Kind im frühesten Alter der unumschränkte Gebieter des Hauses war, dessen eigensinnigste Launen auch die Bedienten als Befehle zu betrachten sich gewöhnten.

So verwöhnt war dieses Kind sechs Jahre alt geworden, und als meine Eltern die Aussicht auf weitere Nachkommenschaft schon fast aufgeben zu müssen glaubten, fühlte meine Mutter zum zweiten Male die Hoffnung, einem kind das Dasein zu geben. War schon bei der ersten Schwangerschaft das Flehen um eine Tochter inbrünstig gewesen, so wurden jetzt weder Gebete noch Gelübde gespart, und meine Mutter gelobte dem Himmel, Falls er ihr eine Tochter schenken würde, sie dem Dienste des himmels zu weihen, um in ununterbrochenen Gebeten die Bekehrung des Vaters wie des Bruders zu erflehen.

Diess Mal wurden ihre frommen Wünsche erhört, und ich Unglückliche erblickte das Licht des Tages. Meine Mutter empfing mich mit Entzücken in ihren Armen, aber nicht als ein Kind legte sie mich an die mütterliche Brust, sondern als ein Sühnopfer, welches sie wähnte vom Himmel errungen zu haben; nicht um mein selbst Willen widmete sie mir ihre sorge und Pflege, sondern weil ich nun da war, um ein ganzes Leben hindurch für einen begünstigten Bruder zu beten. Auch mein Vater begrüsste meinen Eintritt in's Leben nicht mit Liebe; er blickte mit Kälte auf mich, weil er die ihm unangenehme Verpflichtung hatte, mich in der katolischen Kirche erziehen zu lassen, denn es ging ihm, wie vielen Freigeistern, die ich später kennen lernte, die alle Religion hinwegspotten wollten und doch ihren Geist von den Fesseln nicht lösen konnten, in denen die sekte sie hielt, in der sie geboren waren.

War die Feierlichkeit bei der Taufe meines Bruders gross gewesen, so wurde um so stiller die heilige Handlung begangen, die mich auf katolische Weise zur Christin weihte. Da mein Vater mich der Erziehung meiner Mutter und dem Einflusse ihres Beichtvaters überlassen musste, so gewöhnte er sich, mich von der Geburt an als ein seiner nicht würdiges Wesen anzusehen, und betrachtete um so mehr meinen Bruder als seinen Stolz und sein Eigentum, und so kam es denn, dass meine Erziehung von der frühesten Kindheit an ganz so eingerichtet wurde, dass ich dem Zwecke, wozu man mich bestimmte, einem Bruder das Heil zu erringen, einst vollkommen entsprechen könnte.

Ich war kaum fünf Jahre alt, als ein unglücklicher Sturz mit dem Pferde das Leben meines Vaters in Gefahr brachte. Es war ihm nicht entgangen, welche Pläne meine Mutter mit mir hatte, ob er gleich nicht ahnete, dass ich geopfert werden sollte, um seine eigene wie meines Bruders Bekehrung zu erbeten; da ich aber seinem Gefühl völlig fremd blieb