da die Krankheit des teuersten Wesens ihm die Seele mit so lebhafter Unruhe erfüllte. Warum sollte er überhaupt lesen, was sie ihm mit wenigen Worten sagen konnte? In allen Dingen, auch hierin, schloss er seine Betrachtungen endlich, will ich ihr meine Liebe beweisen, ich will jedes andere Gefühl beherrschen, jeden anderen Gedanken verbannen und tun, was sie von mir fordert. Nachdem er diesen Entschluss gefasst hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch, löste das Siegel, entfaltete die Blätter und las Folgendes:
II
Wenn diese Blätter in die hände meines Gemahls fallen, hob die Handschrift der Gräfin an, dann hat vielleicht das Herz aufgehört zu schlagen, das ihn so innig liebte und ehrte, und dennoch nie den Mut finden konnte, ihn in die Tiefe des Jammers blicken zu lassen, an dem es verblutete. Ach! nur zu gewiss ist es, die erste Falschheit führt unsägliche Verwirrung herbei und kettet ein Unrecht an das andere. Hätte ich sprechen dürfen vor unserer Verbindung, wie mein Gefühl mich trieb, ich hätte mir selbst und auch dem teuersten Freunde meines Herzens all den Kummer erspart, der aus dem Gefühle entspringen musste, dass ich ihn fortwährend über mich täuschte. Hätte ich auch später geredet, so wäre dann vielleicht die Innigkeit auch eingetreten, die mir den dornenvollen Pfad des Lebens erleichtert hätte, aber die Furcht, dass mein teurer Gemal das erste Verschweigen nicht verzeihen würde, schloss fortwährend meine Lippen, und wir wandelten durch meine Schuld zwar neben einander, aber nicht mit einander auf dem Pfade des Lebens. Der tiefe Schmerz über diess Unglück und über mein Unrecht, wodurch es herbei geführt worden ist, bestimmt mich, alle erlittenen Qualen noch ein Mal durchzufühlen und diesen Blättern meine Leiden zu vertrauen, damit sie ein Mal, wenn auch erst nach meinem tod, meinen Gemahl das Wesen ganz kennen lehren, das so unglücklich an seiner Seite wandelte und ach! in der Verbindung mit ihm so glücklich hätte sein können, wenn sein früheres Leben sich hätte anders gestalten wollen. Sein grossmütiges Herz wird dann vielleicht meine Qual beweinen und das Verschweigen dieser Qual verzeihen.
Ich muss, um über mich selbst vollkommenen Aufschluss zu geben, der Jugend meiner Eltern erwähnen. Mein Vater war in seiner Jugend ein schöner Mann; er war einer der reicheren Edelleute und seine Umgebung hielt ihn für liebenswürdig. Ich habe kein Urteil darüber, denn ich habe ihn in so früher Kindheit verloren, dass sein Bild nur schwach in meiner Erinnerung dämmert. Er war Protestant, und die Aufklärung, die in der Zeit seiner Jugend sich aller ausgezeichneten Menschen bemeisterte, ergriff auch ihn und liess ihn in aller Religion nur eine weltliche Anstalt sehen, durch welche die Moralität des volkes erhalten und den Fürsten das Regieren erleichtert würde; bei diesen Gesinnungen fiel es ihm nicht ein, dass die Religion jemals ein Hinderniss seiner Wünsche sein könnte, und er überliess sich der Liebe zu meiner Mutter, ohne nur daran zu denken, dass sie der katolischen Kirche angehörte.
Meine Mutter war von beschränkten Eltern geboren, und ihre Erziehung wurde durch den Beichtvater ihrer Mutter geleitet; also war es begreiflich, dass sie nur einen Weg zur Seligkeit kannte und ausserhalb ihrer Kirche nur Verderben erblickte. Mein Vater setzte seine Bewerbungen fort und fand selbst Mittel, den einflussreichen Beichtvater für sich zu gewinnen, indem er mit jugendlichem Leichtsinn den beschränkten Priester hoffen liess, die Verbindung mit meiner Mutter könne ihn wohl bestimmen, sich in den Schooss der katolischen Kirche in der Zukunft aufnehmen zu lassen; nur jetzt, gab er zu verstehen, machten es ihm weltliche Rücksichten unmöglich, daran zu denken. Er erlaubte sich diese Falschheit ohne Vorwürfe seines Gewissens, denn ihm war die Religion überhaupt gleichgültig, und er betrachtete es als ein unschuldiges Mittel, seinen Zweck zu erreichen, wenn er auf diese Weise einen Priester und durch ihn meine Mutter hinterging.
Es ist natürlich, dass die Neigung meiner Mutter für meinen Vater mächtig in ihrem Herzen wuchs, da die Hoffnung sich damit verband, sein ewiges, wie sein zeitliches Glück zu begründen, und es ist begreiflich, dass auch die Eltern bald für einen Plan gewonnen wurden, den der Beichtvater unterstützte. Mein Vater hütete sich den Hoffnungen auf seine Bekehrung zu widersprechen und liess alle Schritte geschehen, ohne eine andere Ansicht über die Religion der Kinder auszusprechen, die aus dieser Ehe entspringen könnten, als die, welche von seinen Schwiegereltern angenommen wurde, und diese glaubten, dass die Kinder eines Mannes, der selbst sich mit der katolischen Kirche vereinigen wollte, nicht anders, als in den Grundsässen dieser Kirche erzogen werden könnten.
Mit dieser Falschheit von der einen und Beschränkteit von der andern Seite wurde die Verbindung geschlossen, und meine Mutter sah wenige Wochen nach ihrer Vermählung trotz der Beschränkteit des Geistes, in der man sie hatte aufwachsen lassen, dass an eine Bekehrung meines Vaters nicht zu denken sei, und er verwundete ihr Herz, wenn er sich schonungslos darüber zu scherzen erlaubte, durch welche Mittel er sie gewonnen habe. Die Gesellschaft meines Vaters bestand aus jungen Leuten, die mehr oder weniger seinen Meinungen über Religion anhingen, und meine Mutter musste oft gespräche anhören, von denen sie in frommer Einfalt glaubte, ihr frevelhafter Inhalt müsse das Feuer des Zornes vom Himmel herunter auf die sträflichen Häupter der Leichtsinnigen rufen.
Mit Schmerzen sah der Beichtvater, wie gröblich er sich hatte täuschen lassen, und die Eltern der unglücklichen Frau suchten durch fromme Werke den Himmel wegen ihres Irrtums