Emilie zur Gräfin zurückkehren wollte, traf sie auf den jungen Grafen, der ihr sein Anliegen vortrug; sie versprach ihm, seinen Wunsch der Gräfin mitzuteilen, machte ihm aber wenig Hoffnung zu dessen Erfüllung, weil die Kranke erklärt habe, dass sie zu schwach sei, selbst den Arzt zu sprechen, und vor allen Dingen Ruhe bedürfe. Es war also Emilien selbst überraschend, als die Gräfin nach kurzem Besinnen erklärte, dass sie den jungen Grafen sehen wollte, und Emilien bat, ihn sogleich herein zu führen. Dieser erschrak sichtlich, als er sich dem Lager der Kranken näherte und bemerkte, welche Verwüstung eine Nacht des Leidens hervorbringen kann. Die Gräfin bat ihn, sich neben ihr Bett zu setzen, und sagte, indem sie ihm die Hand reichte: Sie wollen uns verlassen, mein lieber Vetter, ich weiss, es ist notwendig und Ihre Reise lässt sich nicht aufschieben; aber ich bitte Sie, eilen Sie recht bald zu uns zurück. Ich weiss, Sie haben geglaubt, dass ich Ihnen den Weg zu dem Herzen des Grafen verschliesse; Sie haben mir Unrecht getan, es ist nie so gewesen; mein Unrecht gegen Sie besteht einzig darin, dass ich mich zu selbstsüchtig in meinen eigenen Gram verloren habe und desswegen nicht an die Verwandten meines Gemahls dachte; diess Unrecht bitte ich Ihnen ab. Wenn Sie zurückkommen, werden Sie mich vielleicht besser finden, und dann, hoffe ich, werden Sie sich wohl in dem haus liebevoller Verwandten fühlen, und jedes Misstrauen gegen mich und den Grafen wird schwinden. Vielleicht aber finden Sie mich bei Ihrer Rückkehr nicht mehr, vielleicht sind dann schon alle meine Leiden geendigt; dann, mein teurer Vetter, dann bringen Sie ein kindliches Herz für Ihren Oheim mit und lassen Sie ihn fühlen, dass er nicht verarmt an Liebe ist, wenn auch mein Herz nicht mehr für ihn schlägt.
Der junge Graf wollte antworten, aber die Wehmut beherrschte seine stimme. Die Gräfin schien ihm so krank, dass er in der Tat fürchtete, diess seien die letzten Worte, welche dieser Mund jemals zu ihm sprechen würde; er beugte sich über ihre Hand und benetzte sie mit heissen Tränen, indem er sie küsste. Lassen Sie uns jetzt scheiden, sagte die Kranke, indem sie die Hand des jungen Mannes schwach drückte. Ich darf nicht die letzten Kräfte meines Lebens in Rührung und Wehmut auflösen, ich muss mich sammeln, um wenigstens noch ein Mal meinen Gemahl sprechen zu können. Nicht wahr, Ihr Versprechen habe ich, Sie werden sich mit Liebe an sein edles Herz schliessen? Es soll die Aufgabe meines Lebens sein, rief der junge Graf, sein Wohlwollen zu verdienen. So leben Sie nun wohl, sagte die Kranke, vielleicht sehen wir uns wieder.
Der Himmel kann nicht so grausam sein, erwiderte der junge Graf, er wird uns allen Ihr teures Leben erhalten.
So lassen Sie uns denn in dieser Hoffnung scheiden, sagte die Kranke mit matter stimme, und Emilie führte den jungen Grafen hinaus, der seine Bewegung nicht beherrschen konnte und in seine Begleiterin drang, ihm zu sagen, welche Hoffnung sie hege. Diese antwortete ihm nur mit Tränen und deutete mit der Hand nach oben, zum Zeichen, dass sie nur vom Himmel hülfe erwarte. St. Julien hatte sich einige Mal im Vorzimmer der Gräfin gezeigt, um nach ihrem Befinden zu fragen, jetzt traf er auf den jungen Grafen, und dieser teilte ihm in heftiger Bewegung die Unterredung mit, die er eben mit seiner Tante gehabt hatte. Beide Freunde trennten sich hierauf mit Tränen, und der junge Graf beschwor St. Julien, ihm einen Eilboten zu schicken, wenn der Zustand der Gräfin schlimmer werden sollte, da er aus Rücksicht für seine Eltern seine Reise nicht aufschieben dürfe.
St. Julien suchte den Grafen auf, um in dessen Nähe Trost in der quälenden Unruhe zu finden, die ihn zu zerstören drohte; dieser hatte sich in sein Kabinet verschlossen und war für Niemand zugänglich. Der bekümmerte junge Mann schlich nun zu Dübois, der ihn dadurch einiger massen aufrichtete, dass er ihm vertraute, wie die Gräfin schon oft in so bedenklichem Zustande gewesen sei, dass ihr aber Gott jedes Mal die wunderbare Kraft gewährt habe, sich durch den starken Willen der Seele wieder zu erheben, und dass er auch diess Mal nicht verzage, wiewohl er zu den Mitteln des Arztes nicht das mindeste Vertrauen habe.
So schwach dieser Trost auch war, so ergriff ihn St. Julien doch als eine sichere Hoffnung; er konnte den Gedanken nicht fassen, dass die Gräfin aus dem Leben scheiden sollte; es schien ihm, als würden dadurch die Wurzeln seines eignen Daseins gestört.
Dübois kehrte nach dem Vorzimmer der Kranken zurück und St. Julien begleitete ihn. Auf die leise Frage des Haushofmeisters erwiderte Emilie, die Gräfin sei ruhig, wolle aber Niemanden sprechen, als den Grafen, und auch diesen nur, wenn er von selbst käme, rufen sollte ihn Niemand. Der junge Mann hörte die ihm so teure stimme, die Jederman den Eintritt versagte, er schlich also hinweg und suchte auf einem langen einsamen Spaziergange sein klopfendes Herz zu beruhigen.
Der Graf hatte das Packet aus Emiliens Händen empfangen, er hatte sich in sein Kabinet verschlossen, um es sogleich, wie seine Gemahlin es wünschte, zu lesen, und dennoch kam es ihm seltsam und fremd vor, dass er sich mit toten Buchstaben beschäftigen sollte, in den Augenblicken,