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. Er neigte sich bejahend und zeigte auf einen Armstuhl, in welchem er die Nacht hinbringen wollte. Sie hatte die Tür des Schlafzimmers geöffnet gelassen, damit der Alte während ihrer Abwesenheit auch das leiseste Geräusch hören könnte, und ging nun hinweg, um sich von dem Putze zu befreien, den sie für den Ball angelegt hatte und noch immer an sich trug. Diess Geschäft war bald abgemacht; sie kehrte unbemerkt zurück, um auf dem Sopha im Schlafzimmer die Nacht hinzubringen, und rückte leise die Nachtlampe näher, um sich durch Lesen wach zu erhalten.

Bald aber wurde ihre Aufmerksamkeit ungeteilt auf die Kranke gerichtet, die, sich nun völlig einsam wähnend, ihrem gepressten Herzen durch Klagen und Tränen Erleichterung verschaffte. Habe ich nicht Alles, Alles verloren? hörte sie diese mit leiser, zitternder stimme zu sich selber sagen. Habe ich nicht das Grässlichste erlebt? War ich nicht am rand des Wahnsinns und in der furchtbaren Verzweiflung, zwangen mich nicht heilige Gefühle, dieses Mannes rettende Hand zu ergreifen? Und nun! muss ich nun noch den letzten Halt im Leben, muss ich noch seine achtung, sein Vertrauen und seine Liebe verlieren? Und muss ein unwürdiges Gaukelspiel die entsetzlichsten Bilder aus der Vergangenheit hervorrufen, um den so mühsam errungenen scheinbaren Frieden grausam zu zerstören?

Die Klagen gingen in rührende Gebete um Trost über und um Stärkung, um das Rechte tun zu können. Die Worte gingen endlich in einem leisen Schluchzen unter, und nach kurzer Zeit verstummte auch dieses. Emilie näherte sich leise dem Bette und öffnete behutsam den Vorhang; sie sah, dass die Gräfin aus völliger Entkräftung in Schlummer gesunken war, und hoffte, dass die Ruhe auf jeden Fall wohltätig auf die Kranke wirken würde. Emilie kehrte nun zu ihrem buch zurück, aber die fortwährende Stille, die ruhigen, obwohl matten Atemzüge der Gräfin beruhigten nach und nach ihr Gemüt, und die natur übte ihr Recht aus. Sie empfand nun die Müdigkeit, die sie, durch mancherlei ängstliche Sorgen und Anstrengungen aufgeregt, früher nicht gefühlt hatte; unwillkührlich lehnte sich ihr Kopf in die Kissen des Sophas zurück, die Augenlieder senkten sich über die glänzenden Augen; die Gegenwart entschwebte ihren Sinnen und bunte Traumbilder umfingen ihren Geist.

Die Gräfin war nach einigen Stunden erwacht und fühlte sich etwas gestärkt; ein langes, mit Ueberlegungen abwechselndes Gebet liess einen Entschluss in ihrer Seele reifen, den sie schon oft gefasst, aber immer nicht den Mut gehabt hatte auszuführen. Sie öffnete die Vorhänge ihres Bettes mit schwacher, zitternder Hand, um zu sehen, ob der Tag schon so weit vorgerückt sei, dass sie ohne grosse Störung durch ihre Klingel Jemanden herbeirufen könne, und ihre Blicke fielen auf Emilie, die, vom Schlummer gerötet, wie eine junge Rose ruhte und den Strahl des Morgens zu erwarten schien, um alle Pracht der Schönheit zu entfalten. Gerührt betrachtete die Kranke die liebliche Gestalt und erkannte mit Dankbarkeit die Liebe, die sie bestimmt hatte, den Schlaf der Nacht entbehren zu wollen, und lächelte, wie dennoch die natur diese Liebe überwunden habe und der Schlummer sie mit seinen süssesten Banden umfinge. Emilie, rief sie mit schwacher stimme und bemerkte, als ihre junge Freundin aus leichtem Schlummer aufsprang, dass auch die tür des Schlafzimmers mit Behutsamkeit, ohne Geräusch, halb geöffnet wurde und das greise Haupt des alten Haushofmeisters sich hineinbeugte, dessen treue Augen auf die leidende Herrin mit Liebe und sorge blickten.

Auch Sie, mein guter Dübois, rief die Gräfin, auch Sie haben die Ruhe der Nacht um meinet Willen verloren?

Ich danke Gott für die Gnade, erwiderte der alte Mann, indem die Tränen über seine bleichen Wangen flossen, dass er unsere geliebte Herrin erhalten hat; was liegt an einigen Stunden Schlaf.

Die Gräfin winkte ihn zu sich und sagte gerührt: Versprechen Sie mir jetzt zur Ruhe zu gehen, mir ist um Vieles besser; Sie müssen es tun, damit ich mich nicht um Ihre Gesundheit ängstige. Der alte Mann küsste die ihm dargebotene Hand der Gräfin mit inniger Ergebenheit und entfernte sich, um die Ruhe zu suchen, weil sie es wünschte.

Emilie hatte sich dem Lager der Kranken genähert, und diese sagte nun: Zuerst, mein liebes Kind, schaffe alle Medikamente bei Seite; Du darfst wohl wissen, dass nicht die Verordnungen des Arztes meine Uebel heilen können, aber wir wollen ihn damit nicht kränken; sage nur, dass ich Alles, wie er es gewollt, gebraucht habe und ich mich viel besser fühle; dass ich aber nur ruhen wolle und durchaus Niemanden sprechen, auch ihn nicht, denn ich könnte ein Gespräch mit ihm jetzt nicht wohl ertragen.

Als Emilie diesen Wunsch der Gräfin erfüllt hatte und zu deren Lager zurückkehrte, fand sie die Kranke sehr bewegt und blickte erschrocken in das bleiche, mit Tränen bedeckte Gesicht. Kehre Dich nicht an meinen Schmerz, sagte die Gräfin, indem sie mit schwacher Hand ihre junge Freundin zu sich zog, ich habe mir selbst eine Pflicht auferlegt, und ich muss, ich will sie erfüllen, wenn auch mein Herz darüber brechen sollte; wenigstens werde ich dann in Frieden mit mir selber sterben. Emilie kniete am Bette der Gräfin nieder und küsste die zitternde, magere Hand ihrer mütterlichen Freundin mit heissen Tränen. Die Gräfin streichelte die blonden Locken der Knieenden und sagte: Wir wollen uns nicht erweichen, mein gutes Kind, ich wollte Dich bitten, einen wichtigen Auftrag für mich auszurichten, suche Dich also