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Ja, ja! rief er lächelnd, ich will mich hier ansiedeln, Sie hätten wohl nicht gedacht, dass ich hier meine Hütte bauen will.

Die Gegend ist äusserst angenehm, sagte der Pfarrer, das würden Sie im Frühlinge finden, jetzt kann es Ihnen freilich wenig hier gefallen.

Ei, sagen Sie das nicht, rief der Arzt, ich bin sehr angenehm beschäftigt gewesen, so lange ich hier bin, ich habe drei so merkwürdige Kranke, dass mich die ärzte in Wien darum beneiden würden. Der eine, wissen Sie, ist der alte Schmidt, bei dem ich Sie einmal antraf, wie heisst er doch gleich? ich fand ihn in dem erbärmlichsten Zustande von der Welt, als ich hier ankam, jetzt fängt er an sich zu erholen, dass es eine Freude ist ihn anzusehn; bring' ich den Menschen den Winter durch, so sollen Sie sehen, er wird vollkommen hergestellt. Der Leinweber, das ist wahr, der ging mir drauf, aber es war auch nichts an dem Menschen, er hörte nicht, er folgte nicht, er wollte nach seinem kopf leben, und er hat gesehen, was dabei heraus kommt.

Der Pfarrer wollte nichts hören von Leuten, die er in allen ihren Verhältnissen genau kannte, und suchte desswegen das Gespräch auf andere Gegenstände zu lenken. Ich meine, sagte er, die natur kann jetzt keinen Reiz für Sie haben, die im Frühling und Sommer hier unglaublich schön ist.

Freilich, freilich, erwiderte der Arzt, die natur schlummert jetzt, aber die Studien, Herr Pfarrer, die Studien müssen uns schadlos halten, der Graf hat auf meinen Vorschlag alle neueren medicinischen Schriften kommen lassen, die älteren besitze ich längst selbst, dabei wird mir der Winter verfliegen, dass ich es beklagen werde, wenn er vorbei ist.

Sie leben wenig in der Welt, wie es scheint, bemerkte der Pfarrer. In der Welt, antwortete der Arzt, wie sollte ich nicht? Ich lebe immerfort in der Welt, von einem Kranken geht es zum andern, von Hohen zu Niedern, von Niedern zu Hohen, dadurch gewinnt man Menschenkenntniss, Herr Pfarrer, vor dem arzt versteckt man sich nicht, der Arzt ist wie der Beichtvater, er durchschaut die innerste Seele.

Sie haben Recht, sagte der Pfarrer, und manche Uebel könnten wohl nur der Arzt und der Beichtvater gemeinschaftlich heilen.

Solche Uebel sind mir zuwider, sagte der Arzt, eine reine, vernünftige Krankheit, da weiss man, was man tun soll, und wenn in solchem Falle der Körper auf die Seele wirkt, der Kranke schwermütig, trübsinnig wird, so weiss man, wie man ihn erheitern, zerstreuen soll; man liest ihm vor, man erzählt ihm, und ist es so weit, dass es angeht, so führt man ihn spazieren. Aber wo die Seele auf den Körper wirkt, mit solchen Kranken ist gar nichts anzufangen.

Sollte nicht die Frau Gräfin eine solche Kranke sein? fragte der Pfarrer mit schlauer Miene.

Ei, ei! rief der Arzt erstaunt, ja beinah erschreckt, wer hat Ihnen das verraten? Meine Lippen sind versiegelt, ich bin stumm wie das Grab; schändlich der Arzt, der eines Missbrauches dessen fähig ist, was er an seinen Kranken bemerkt.

Ich glaubte, sagte der Pfarrer, man kann es der Gräfin auf den ersten blick ansehen, dass sie nicht glücklich ist.

Wie so? fragte der Arzt bestürzt; woran wollen Sie das bemerkt haben?

Sie hat etwas Schwermütiges in den Augen, erwiderte der Pfarrer, ihre Stirn ist nicht heiter, die Blässe der Gesichtsfarbe scheint die Folge von Gram und Kummer zu sein, sie tut sich selbst Gewalt an, um an der Unterhaltung Anteil zu nehmen; das Alles weist hin auf einen entweder durch eigene, oder durch fremde Schuld gestörten Seelenfrieden.

Der Arzt schwieg einen Augenblick und sagte dann: Ich glaube, die Gräfin ist ungern hier, sie scheint das Landleben zu hassen, sie ist mehr für die grosse Welt. In der ersten Woche, die wir hier zubrachten, verliess sie beinah ihr Zimmer nicht, und ich sah sie gar nicht. Endlich führte mich der Graf eines Abends zu ihr, und ich fand sie so angegriffen, so verwandelt, dass ich mich recht entsezte. Es war mir leicht einzusehen, dass Gemütsbewegungen das Alles hervorgebracht hatten; ich sagte es ihr klar und deutlich, dass sie selbst das Beste dafür tun müsste, um sich herzustellen, dass meine Mittel allein nicht wirken könnten. Sie verstand mich nicht und wollte mich nur los sein, um wieder den ganzen Abend zu weinen, wie das solche Kranke an sich haben; aber ich sagte ihr gerade heraus, dass sie Gesellschaft brauche und sich zerstreuen müsse; ich bot ihr an, eine Partie Schach mit mir zu spielen, dazu hatte sie mich sonst zuweilen aufgefordert; ich meinte es aufs Beste, aber nichts war mit ihr anzufangen, der Graf mischte sich hinein und wollte behaupten, Einsamkeit würde heute am Wohltätigsten auf sie wirken. Ich bewies ihm deutlich, dass er sich irrte, und gab ihm zu verstehen, dass er von der Medicin nichts wüsste, und können Sie denken, ein so gescheiter Mann, als der Graf, wurde empfindlich und sagte mir ganz trocken: meine Einsicht möge die bessere sein oder nicht, man müsse auf jeden Fall dem Wunsche der Gräfin nachkommen.

Mein Amtseifer verleitete mich zu sagen: Wenn