die Küche des baron, wie es ihnen schon am vergangenen Tage war befohlen worden. Bei der weiteren Fortsetzung des Spaziergangs geriet der Baron auf einmal ausser sich, denn eine Heerde auserlesen schönen Rindviehes weidete an dem Abhange eines Hügels; er beklagte sich heftig über die Frechheit des Hüters, dass er sich erlaube, die Heerde dortin zu treiben und seine junge Anpflanzung dadurch zu zerstören. Diejenigen unter den Gästen, die den Baron weniger kannten, hielten seinen Zorn in der Tat für ernstlich und fürchteten für den Hüter der Heerden; seine vertrauteren Bekannten aber machten ihn darauf aufmerksam, welche schöne wirkung die weidende Heerde zwischen den grünen Bäumen mache, und diese Bemerkung beruhigte ihn sichtlich; er machte nun selbst auf die Schönheit des Viehes aufmerksam, auf den angenehmen Eindruck, den das Geläute der vielen Glocken mache, und unterliess es um so lieber auf die Bitte einiger Freunde, den Hüter rufen zu lassen, um ihn auszuschelten, weil er nicht wissen konnte, ob der nicht in seiner Dummheit den erhaltenen Befehl als Entschuldigung angeführt haben würde. Diese, wie der Baron behauptete, unangenehme Ueberraschung war kaum vorüber, als ein anderer Gegenstand seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Man hörte die Töne einer Flöte, die kunstreich genug geblasen wurde, um eine angenehme wirkung im Freien zu machen, und bald entdeckte man auf einem ziemlich grossen Grasplatze weidende Schafe, deren Hüter, ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren, der Virtuose war. Der Baron liess es sich nicht merken, dass er den jungen Menschen hatte unterrichten lassen, und bewunderte die ausserordentliche Gabe der natur mit allen seinen Gästen.
Endlich war Alles erschöpft, womit der Baron überraschen und in Erstaunen setzen zu können glaubte, und er führte seine Gäste nach dem schloss zurück. Man konnte wahrnehmen, dass er noch einen Gast erwartete, denn seine Stirn verdüsterte sich, als er bemerkte, dass während des langen Spaziergangs Niemand angekommen sei. Die jungen Leute erwarteten mit Ungeduld den Anfang des Tanzes, aber der Baron suchte diess zu verschieben und zeigte lieber den Herren in der Gesellschaft noch seine schönen Pferde, die von diesen aufrichtig bewundert wurden.
Da nun aber durchaus nichts mehr zu zeigen war, so liess sich der Anfang des Balles nicht mehr verschieben, und eben wollte der Baron mit verdrüsslicher Miene die nötigen Befehle desshalb geben, als noch eine Equipage vorfuhr; sichtlich erleichtert ging der Baron dem neuen gast entgegen, den er für's Erste in ein Seitenzimmer führte.
Die Gräfin hatte auf diese kleine Unruhe in der Gesellschaft nicht geachtet; sie hatte ein Gespräch mit einigen Frauen angeknüpft und gab sich mit höflicher Aufmerksamkeit der Unterhaltung hin; es überraschte sie desshalb, als der Baron mit der Zierlichkeit der Tage seiner Jugend und mit grosser Freundlichkeit, seinen neuen Gast an der Hand, vor ihr stand. Meine teure Gräfin, meine edle Freundin, redete er sie feierlich an.
Die Gräfin war aufgestanden, ein zweifelnder blick ruhte bald auf dem Baron, bald auf dessen Begleiter, und sie beherrschte mit Anstrengung eine grosse Bewegung der Seele. Lassen Sie den Frieden, der unser Land beglückt, fuhr der Baron fort, auch in die Herzen der Einzelnen dringen; gönnen Sie mir das grosse Glück, etwas dazu beizutragen, Geschwister, die so lange getrennt waren, wieder zu vereinigen; nehmen Sie einen Bruder wieder in Ihrem Herzen auf, und verherrlichen Sie durch eine aufrichtige Versöhnung und eine herzliche Umarmung das fest des allgemeinen Friedens. Die Gräfin hatte ihren Bruder, den sie so unerwartet nach vielen Jahren wieder erblickte, nicht so gleich erkannt; ein heftiges Zittern bebte durch alle ihre Glieder und eine dunkle Röte flammte auf ihren Wangen; ein Strahl des Zornes traf ihn aus den dunkeln Augen und ein unendlicher Schmerz zuckte um den festgeschlossenen Mund. Als er aber, nachdem der Baron seine Rede geendigt, wirklich mit geöffneten Armen vortrat und die Gräfin an seine Brust drükken wollte, trat diese auf einmal, bleich wie Marmor, einen Schritt zurück, die Lippen bewegten sich, aber kein Ton war vernehmbar; matt erhob sie abwehrend beide hände und wäre leblos zu Boden gesunken, wenn nicht St. Julien und der junge Graf, die den Auftritt aus der Ferne beobachtet hatten, hinzugesprungen wären und sie in ihren Armen aufgenommen hätten. Der Baron, der mit Sicherheit eine Umarmung der versöhnten Geschwister erwartete, hatte den Musikanten befohlen, so wie sie die Umarmung bemerkten, einen lang anhaltenden Tusch zu blasen; als diese nun die Gräfin in St. Juliens Armen sahen, schmetterten Trompetentöne lange und anhaltend durch den Saal.
Der Graf war in den Seitenzimmern mit einigen Herren im Gespräch gewesen und kehrte mit ihnen nach dem saal zurück, um die Ursache des Trompetengetöns zu erfahren. Er sah eben die ohnmächtige Gräfin in ein Nebenzimmer bringen und eilte dieser nach. Nur halb und verworren konnte er die Ursache dieses heftigen Auftritts erfahren; er drängte den Baron, der sich entschuldigen wollte, unfreundlich zurück. Die Gräfin sah aus wie eine Sterbende; der Arzt verlangte, sie sollte gleich hier zu Bett gebracht werden. Mit der letzten Anstrengung verweigerte sie diess und verlangte den Wagen. Der junge Graf eilte sogleich, ihn vorfahren zu lassen, und Alle überstanden mit grosser Qual die wenigen Minuten, bis man die Gräfin in den Wagen bringen und den Rückweg nach Schloss Hohental antreten konnte.
Der Baron Löbau und seine Gäste blieben erstaunt über diese unerwartete Störung zurück, und als man die Sprache wieder fand, vereinigten sich alle Stimmen,