Dass mein Oheim Sie wie einen Sohn liebt, bemerkt ein Jeder; meine Tante bezeigt Ihnen täglich das Gefühl einer Mutter. Von Ihrer Mutter, die Sie mit Zärtlichkeit überhäuft, scheint es mir, haben Sie Widerspruch am Wenigsten zu befürchten; also, wo liegt denn Ihr Unglück?
Ihnen scheint Alles so klar und leicht, was mir zu entwirren so schwer däucht, erwiderte St. Julien. Haben Sie aber nicht selbst oft gehört, dass Emilie den Entschluss ausgesprochen hat, sich von der Gräfin nicht trennen zu wollen, und wenn ich zurück muss, wird sie mir dann nach einem land folgen, das diese zu verabscheuen scheint? Der Graf selbst, so hoch ich ihn ehre, wird er eine Verbindung mit mir gern sehen, da er doch an Deutschen Adelsvorurteilen etwas hängt? Und wenn Alles glücklich gehen sollte, so bleibt doch der Schmerz unabwendbar, dass ich den Grafen und die Gräfin verlassen muss, und kann ich es wissen, ob ich nicht gezwungen bin, vielleicht einmal mit dem französischen Heer als Feind wiederzukehren?
Zuerst denke ich, sagte der junge Graf, tun Sie am Besten, Ihre Mutter zu erwarten und dann meinem Oheim Ihr ganzes Vertrauen zu schenken; seine Welterfahrung und sein edles, liebevolles Gemüt werden Ihre Zukunft am Besten ordnen. Dieser Rat schien dem jungen Franzosen so vernünftig, dass er ihn ohne Einschränkung zu befolgen beschloss und sich vornahm, die Gegenwart in ungetrübter Heiterkeit zu geniessen. Er vernahm es ungern, als ihm sein Freund eröffnete, dass er gleich nach dem Feste des Baron Löbau das Schloss zu verlassen gedenke; indess tröstete ihn die Versicherung, dass die Abwesenheit nicht von langer Dauer sein würde.
Des folgenden Tages, als der junge Graf sich zum Feste des Baron Löbau ankleidete und sein Knabe ihm dabei hülfe leistete, sagte er diesem: Heute, mein lieber Gustav, leistest Du mir diesen Dienst zum letzten Mal.
Wie! rief der Knabe erschreckt, wollen Sie mich von sich entfernen; was habe ich getan, Ihre Unzufriedenheit zu verdienen?
Nichts, mein liebes Kind, erwiderte der junge Graf, aber ich will mir nicht mehr erlauben, Deine Liebe zu missbrauchen und Dich selbst zu erniedrigen, da die Not mich nicht mehr dazu zwingt. Er teilte ihm nun alle mit seinem Oheim verabredeten Pläne mit, schrieb ihm vor, wie er sich in der Zukunft zu betragen habe, und händigte ihm mehrere Goldstücke ein, mit dem Auftrage, durch Dübois Beistand sich eine anständige Kleidung dafür zu verschaffen.
Der Knabe ging mit dem Golde in der Hand zu Dübois zurück, sobald der junge Graf seiner hülfe nicht mehr bedurfte; sein Gefühl war überrascht, seine kühnsten Wünsche auf ein Mal befriedigt, und diess Glück schien ihm so gross, kam ihm so unerwartet, dass er noch nicht den Mut sich zu freuen finden konnte.
Ist Dein Herr schon zur Gesellschaft in den Saal gegangen? fragte ihn Dübois, als er eingetreten war.
Ich habe keinen Herrn mehr, erwiderte der Knabe mit einigem Stolz, der Graf Robert aber ist in dem saal, und Alle werden gleich zum Baron Löbau fahren.
Wie verstehe ich das, fragte der Haushofmeister; will der junge Graf Dich von sich entfernen?
Ach lieber Herr Dübois! rief der Knabe und die Tränen flossen ihm über die glühenden Wangen, Alles ist jetzt anders; mein guter, lieber Herr, doch so darf ich ihn ja nicht mehr nennen, das hat er mir streng verboten, er hat es ja mit Ihrem Grafen verabredet, dass ich wieder auf die gelehrte Schule soll, dann auf die Universität, damit ein rechter Gelehrter aus mir werden kann. Indess er nach haus reist in Geschäften, soll ich hier bleiben und in der hiesigen Bibliotek studiren; wenn er wieder kommt, will er mich selbst nach Breslau auf die gelehrte Schule bringen, und bis dahin soll ich Sie bitten, mir für diess viele Geld gute Kleider zu verschaffen, damit ich wie sein Freund und Pflegesohn dort erscheinen kann, und ihn, meinen lieben Herrn, den soll ich nie mehr so nennen, sondern Graf Robert, oder meinen Freund und meinen Beschützer.
Ich habe es erwartet, mein Sohn, sagte der Haushofmeister, dass Dein Schicksal diese Wendung nehmen würde, und nun, da mein Graf sich mit seinem Verwandten verständigt hat, kann ich für Dich tun, was in meinen Kräften steht, und brauche nicht mehr zu befürchten, Deinen Beschützer dadurch zu beleidigen; behalte also nur das Geld, mein Söhnchen, es wird Dir auf der gelehrten Schule recht angenehm sein, wenn Du gleich ein hübsches Taschengeld mitbringst, wofür Du Dir manches anschaffen kannst, was Du vielleicht sonst entbehren müsstest, und überlasse es nur mir, Dich mit Wäsche und Kleidern zu versorgen, und ich werde es schon so einrichten, dass sich der junge Graf Deiner nicht zu schämen braucht.
Ach lieber Herr Dübois, rief der Knabe, wie gut sind Sie, wie gut sind hier alle Menschen auf dem schloss! Ach! hätte ich damals wohl hoffen können, dass ich solchen Beistand finden würde, als unser Dorf verbrannt und mein Vater getödtet wurde. Ach, mein guter, lieber Vater! fuhr er laut weinend fort, jetzt könnte ich ihm nun doch wieder Ehre und Freude machen, wenn er lebte und es sehen könnte, wie nun Alles wieder so gut wird. Ist es nicht traurig, dass ich so einsam in der Welt bin, dass Niemand mit