würde, denn welche Meinung auch jeder Einzelne über die Stellung der Frauen in der Welt haben mag, so wird man doch darin übereinkommen, dass die Erziehung der Kinder grossen Teils in den Händen der Mutter ruht, und schon desswegen sollte man diese gehörig ausbilden, damit sie ihre Söhne vernünftig erziehen könnten. Aber auch wenn man betrachtet, wie vieler Standhaftigkeit, Selbstüberwindung und Klugheit eine Frau selbst in den gewöhnlichsten Verhältnissen des Lebens bedarf, so ist es unbegreiflich, dass man alle diese Eigenschaften als Pflichten von ihnen fordert, und zwar in einem Alter, wo den jungen Männern noch sehr Vieles nachgesehen wird, und doch so wenig dafür tut, durch eine vernünftige Ausbildung den Ernst in ihrer Seele zu erwecken, durch den allein alle diese Eigenschaften erworben werden können.
Der Geistliche schien diess Gespräch mit Eifer fortsetzen zu wollen, der Gräfin aber däuchte es, als habe sie sich schon zu weitläuftig über einen Gegenstand geäussert, über den ihre Ansicht so sehr von der allgemeinen abwich, und sie nahm gern die gelegenheit wahr, das Gespräch zu endigen, als der Obrist Talheim die Gesellschaft vermehrte.
XIX
Des andern Tages hatte sich der Graf mit seinem Vetter wieder in sein Kabinet zurückgezogen, er ging mit ihm noch ein Mal alle nötigen Massregeln durch, die zu ergreifen sein möchten, um die Güter feines Vaters zu retten, und händigte ihm eine bedeutende Summe teils baar, teils in Wechseln ein, um nicht bloss die dringende Zahlung leisten zu können, sondern auch auf unvorhergesehene Fälle gefasst zu sein und nun auch, wie der Graf noch bemerkte, etwas für den Knaben Gustav tun zu können, über dessen künftiges Schicksal die beiden Verwandten zugleich das Nähere bestimmten.
Nachdem diese Geschäfte beendigt waren, ging der junge Graf in den Garten hinunter, um in der Einsamkeit die mancherlei Gefühle zu ordnen, die ihn bei der unerwarteten Grossmut seines Oheims immer wieder von Neuem bestürmten. In den dunkeln Gängen desselben traf er St. Julien, der schwermütig darin auf und abging, und mit Wehmut auf einen Brief blickte, den er eben empfangen hatte und noch in der Hand hielt. Als er den jungen Graf erblickte, reichte er ihm die Hand und sagte: Es ist vorbei, der anmutige Traum ist ausgeträumt, ich muss wieder zurück in das traurige, einsame Leben.
Was ist Ihnen begegnet? fragte der junge Graf, was kann Sie in dem Grade traurig stimmen? Teilen Sie mir Ihr Unglück mit.
Ich bin wohl undankbar, sagte St. Julien lächelnd, dass ich die Beweise der Liebe der zärtlichsten, besten Mutter auf eine Art empfange, dass meine Freunde sie für ein Unglück halten müssen. Lesen Sie selbst diesen Brief und Sie werden sehen, das, was man gewöhnlich Unglück nennt, entält er nicht.
Der junge Graf fing den Brief zu lesen an, und nach den zärtlichsten Klagen einer Mutter über die Leiden eines geliebten Sohnes, sah er bald, dass sie so grosse Summen zum Gebrauche dieses Sohnes anwies, wie sie nur der Reiche mit Grossmut bestimmen kann. Der Graf dachte an seinen frühern Streit mit St. Julien und glaubte einen Augenblick, dieser habe ein Mittel gesucht, um ihn auf eine etwas prahlende Weise von dem Ungrunde seiner damaligen Ansichten zu überzeugen; doch ein blick auf seinen Freund belehrte ihn bald, dass dieser sich jetzt am Wenigsten mit solchen Gedanken beschäftigte. Er las daher den Brief weiter und fand, dass die Mutter die lebhafteste Dankbarkeit für den Grafen und seine ganze Familie ausdrückte; zum Schlusse bat sie den Sohn, sich nicht eher von dem schloss Hohental zu entfernen, bis sie selbst dort erscheinen würde, um der gräflichen Familie den Dank zu bringen, den ihr Herz so lebhaft empfände; bis dahin, hoffte sie, würden auch alle Verhältnisse so geordnet sein, dass der Sohn sie alsdann nach Frankreich zurück begleiten könne.
In der Tat, sagte der junge Graf, ich begreife nicht, wie dieser Brief Sie hat traurig stimmen können.
Muss ich denn nicht, rief St. Julien mit Heftigkeit, diess Haus nun bald verlassen, in dem ich zuerst das Leben habe verstehen gelernt, und den Grafen, den ich wie einen Vater ehre, und die Gräfin, die ich wie eine Mutter zärtlich liebe, und – er schwieg, und eine brennende Röte flammte auf seinen Wangen.
Und Emilie, ergänzte der junge Graf lächelnd, wie wollen Sie das Gefühl des Schmerzes bei der Trennung von ihr bezeichnen?
Wenn Sie es denn erraten, kaltblütiger Mensch, rief St. Julien, so können Sie es ja begreifen, was mich zur Verzweiflung bringt. Er stürmte nach diesen Worten hinweg und liess den Brief in den Händen seines Freundes zurück.
Da der junge Graf die notwendigkeit fühlte, einen so wichtigen Brief wieder in den Händen dessen zu wissen, an den er gerichtet war, so suchte er St. Julien im Garten auf und fand ihn nach einer halben Stunde ruhiger, als er ihn verlassen hatte; dieser nahm den Brief zurück und sagte: Diese Tage, diese Wochen, bis meine Mutter ankömmt, sind noch mein, ich will also den Rest des Lebens geniessen.
Ich begreife nicht, sagte der junge Graf, was Sie eigentlich zur Verzweiflung bringt. Ich glaube nicht, dass sich Emilie so gegen Sie beträgt, dass Sie von dieser Seite gar keine Hoffnung hegen dürften. Ein Strahl der Hoffnung flammte bei dieser Bemerkung in St. Juliens Augen auf, und sein Freund fuhr fort: