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möchte beinah wünschen, gar nichts Achtungswertes im Leben mehr anzutreffen, um mich über mein Unglück zu trösten.

Wie kommen Sie zu so seltsamen Gedanken? fragte der Graf. Lesen Sie diess Blatt, erwiderte sein Vetter, denn ich will Sie nicht hintergehen, wenn es mir auch als eine Pflicht befohlen wird, Sie müssen wissen, Wem Sie Ihre hülfe anbieten.

Der Graf hatte den Brief gelesen und sagte mit Güte: Sie haben zu wenig in der Welt gelebt, mein lieber Vetter, desshalb ist Ihr Gefühl so reizbar geblieben. Es ist gewiss ein grosses, tief eingreifendes Unglück, wenn ein Kind die Einsicht bekömmt, dass der Charakter seines Vaters Schwächen hat, die das Unbedingte in der achtung des Knaben aufheben, aber Sie sind ein Mann, Sie müssen mit dem Gedanken vertraut sein, dass die menschliche natur überhaupt unvollkommen ist, und müssen daher diese Unvollkommenheit auch bei Ihrem Vater ertragen. Der junge Graf fand sich wenig durch diese Ansicht getröstet, doch beruhigte er sich nach und nach bei dem fortgesetzten Zureden seines Oheims. Es ist vielleicht zu Ihrer aller Glück, schloss dieser endlich, denn diess muss Sie bestimmen, die Leitung seiner Angelegenheiten nach und nach aus seinen Händen zu nehmen, ohne die Rücksichten zu verletzen, die Sie als Sohn ihm schuldig sind; und wenn Sie ihn von den Geschäften entfernen und jede sorge von ihm abwenden können, so wird auch manches Nachteilige, durch die Not Erzeugte aus seinem Charakter schwinden.

Man kehrte nun beruhigter zu dem Briefe zurück, und der Graf ersah daraus, was er durch den Geistlichen schon wusste, dass eine bedeutende Summe sogleich nötig sei, wenn das Vermögen seines Verwandten nicht in die hände des alten Lorenz fallen sollte, und dass noch andere Unterstützungen erforderlich wären, um Ordnung in die Geschäfte zu bringen. Er riet nun seinem Vetter, selbst zurückzureisen, mit der nötigen Summe, um nur den alten Lorenz gleich aus dem haus zu bringen; seinen Vater zu überzeugen, dass er durch kein Mittel der Gewalt oder List etwas erhalten könne, dass aber der Graf bereit sei, aus Freundschaft für den Sohn jeden erforderlichen Beistand zu leisten, dass aber auch dann dieser allein für Alles die Verantwortung übernehme und folglich die Geschäfte durch seine hände gehen müssten.

Der junge Graf wollte den andern Tag abreisen, um die wohlgemeinten Pläne seines Oheims in Ausführung zu bringen. Das ist unmöglich, rief der Graf; Sie müssen übermorgen das Friedensfest bei dem Baron Löbau mit feiern helfen, ich habe es ihm in Ihrem Namen versprechen müssen. Und soll denn meine arme Mutter so lange in der Angst erhalten werden? sagte sein Vetter, der den Vater nicht zu nennen wagte.

Das wäre grausam, schreiben Sie sogleich; wir senden einen Boten, und Sie ersparen sich zugleich die Verlegenheit, unangenehme Dinge mündlich zu sagen, die doch berührt werden müssen. Er fuhr nun fort seinem jungen Verwandten seine Ratschläge zu erteilen, die diesem eben so mild als vernünftig erschienen. Und, schloss er, wenn Sie sich dann genaue Kenntniss von Ihrer Lage verschafft haben, dann kehren Sie zu mir zurück und bleiben wenigstens einen monat bei mir, damit auch wir uns genauer kennen lernen, indem wir Ihre Geschäfte ordnen; und dann wollen wir auch gemeinschaftlich für das Fortkommen Ihres Knaben sorgen, von dem mir der gute Dübois so viel Rühmliches gesagt hat. Der junge Graf konnte nur einige Worte des Dankes stammeln; die heftige Rührung machte es ihm unmöglich, Ausdrükke für sein Gefühl zu finden, er verliess seinen Oheim, um auf den nahgelegenen Bergen umher zu schweifen und in der freien natur die mannichfachen Empfindungen der Liebe, der achtung, der wiederauflebenden Hoffnung und des Schmerzes über seinen Vater, die in seinem Busen stürmten, zu besänftigen. Nach einer Stunde kehrte er beruhigter zurück unb schrieb nun den peinlichen, aber notwendigen Brief an seinen Vater, auf den der Bote schon wartete.

Am Nachmittage war die Luft so mild und still, dass er die Gesellschaft im Garten versammelt fand, als er von einem Besuch, den er beim Obristen Talheim gemacht hatte, zurückkehrte. Der Prediger war ebenfalls gekommen, und ihm schallte Gelächter und die streitende stimme des Arztes aus dem Garten entgegen. Es wird Niemand behaupten können, hörte er noch den Arzt empfindlich rufen, dass ich nicht die Fähigkeit hätte, den Takt der Musik zu hören und mich im Tanze danach zu richten.

Das behauptet auch Niemand, erwiderte St. Julien, es ist bloss die Standhaftigkeit Ihres Charakters, die Sie bestimmt, sich immer auf einer Stelle herum zu drehen. Ihre Dame mag dagegen tun, was sie will, Sie lassen sich nicht beherrschen, und wenn die Andern den Umkreis gemacht haben und endlich Alle wieder auf ihren Plätzen stehen, so nehmen Sie den Ihrigen mit besserem Rechte ein, als jeder Andere, weil Sie ihn so standhaft behauptet haben.

Sie sind ein Spötter, sagte der Arzt ärgerlich, und wenn Sie nicht ein Mensch wären, den ich aus dem Rachen des Todes errettet hätte, so würde ich ernstlich böse werden.

Und das würde mich ernstlich kränken, sagte St. Julien, indem er dem leicht versöhnten Gegner freundlich die Hand bot.

Es wäre traurig, sagte die Gräfin zu dem Arzt gewendet, wenn Sie das Friedensfest des baron in Feindschaft mit Ihrem kaum hergestellten Patienten besuchen wollten, oder sich wohl gar durch ihn bestimmen liessen, das Tanzen aufzugeben.

Das werde ich nicht, rief der Arzt, es