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, wie ich es schon früher ahnte, sagte er mit ruhiger stimme, es war ein Irrtum meines Vaters. Ihr Vater, rief der Graf mit Heftigkeit und unterbrach sich selbst, er fühlte, wie hart es wäre, einem Sohne zu zeigen, wie weit sein Vater von der Bahn der Ehre abgewichen sei.

Mein Vater, ergänzte der junge Graf, muss seinen Irrtum schleunig erfahren, wenn auch dadurch alle seine Hoffnungen vernichtet werden; er muss es wissen, dass wir gar keine Rechte auf Ihr Vermögen haben.

Wenn ich auch zugeben muss, erwiderte sein Oheim, dass Sie diese Rechte in der Tat nicht haben, hören denn dadurch notwendig alle Hoffnungen auf? Haben Sie, mein lieber Vetter, denn gar keine Rechte an einen Verwandten? Ueberrascht blickte der junge Graf empor, und sein Oheim fuhr freundschaftlich fort:

hören Sie mich ruhig an. Ich bin in einer so glücklichen Lage geboren, dass ich von frühester Jugend an mehr hatte, als ich bedurfte, meine Neigungen waren mehr auf geistige Genüsse, als auf kostbare Vergnügungen gerichtet. Die Gräfin teilte meine Lebensansichten, und so wurde es bei mir ein Grundsatz, von dem ich niemals abwich, meine Ausgaben immer so einzurichten, dass sie bedeutend unter meinen Einnahmen blieben; durch diese Einrichtung bin ich in der Lage, immer eine Summe bereit zu haben, die ich zum Vorteil eines Freundes verwenden kann, und wenn ich mich auch in mancher Hinsicht über Ihren Vater zu beklagen habe, so wäre es doch vielleicht besser gewesen, wenn ich mich ihm früher genähert hätte. Ich glaube, dass selbst Sie, mein lieber Vetter, nicht einmal ganz die Gefahr seiner Lage kennen; er ist nahe daran, sich in die hände eines Menschen zu liefern, der sein gegenwärtiges Unglück und die Bedrängnisse, die in Folge des Friedens eintreten müssen, dazu benutzen wird, um ihm sein Vermögen zu entreissen. Ich erhielt gestern diesen Brief für Sie, es kann sein, Ihr Vater schreibt Ihnen selbst das Nähere; lesen Sie dieses Schreiben und teilen Sie mir dann das Nötige daraus mit, damit wir gemeinschaftlich überlegen können, wie sich am Besten helfen lässt. Er reichte ihm mit diesen Worten den am vorigen Tage vom Geistlichen empfangenen Brief und entfernte sich, um seinen Vetter ungestört den vielleicht wichtigen Inhalt überlegen zu lassen.

Erstaunt, bestürzt blickte der junge Graf seinem Oheim nach; mit wenigen Worten hatte dieser seine ganze Lage geändert; er hatte es ausgesprochen, dass er die Mittel besitze, ihm zu helfen, und auch den Willen, ihm diese hülfe zu leisten, und diess war ohne allen Prunk wie eine einfache Handlung abgemacht. Das Leben lächelte ihm wieder entgegen, die gränzenlose Not seines Vaters und seiner Familie war gehoben, und Teresens Bild schwebte eilig seiner Phantasie vorüber. In diesem Gedränge mannigfacher Empfindungen hielt er noch immer seines Vaters unentsiegelten Brief in der Hand, und ein zufälliger blick darauf erinnerte ihn, dass er ihn lesen müsse, um seines Oheims wohltätige Absicht befördern zu helfen.

Wie ganz anders aber wirkte dieses Blatt auf die Gefühle des jungen Mannes. Es liess sich nicht verkennen, dass es in verzweiflungsvoller Stimmung geschrieben war; in dieser Angst verriet sein unglücklicher Vater nur zu deutlich, dass er den Sohn getäuscht habe, um ihn nur überhaupt zu einem Schritte gegen den Grafen zu vermögen; er rechnete auf dessen heftigen, reizbaren Charakter und gab ihm viele unwürdige Mittel an die Hand, eine Summe, die er nannte, von dem Grafen auf jeden Fall zu erpressen, indem er diese Handlungsweise ihm nur als Erfüllung der Pflichten darstellte, die der Sohn habe, das graue Haupt des Vaters vor schmachvoller Armut zu bewahren, die kränkelnde Mutter und die noch unerwachsenen Schwestern gegen das eindringende Elend zu beschirmen. Wenn Du nun auch, beschloss er diess Schreiben, durch die Erfüllung dieser Pflichten einige schmerzliche Stunden mit meinem Vetter, Deinem Oheim, hinbringen musst, so bedenke, dass Du durch diese kurze Selbstüberwindung von uns Allen den Jammer eines langen kummervollen Lebens abwenden kannst.

Der junge Graf fühlte sich durch diess Schreiben vernichtet. Wie edel und einfach war sein Oheim, ihm vertrauend, entgegen getreten; mit welcher rührenden Freimütigkeit hatte er die hülfe eines Verwandten angeboten, und wie unwürdig zeigte sich sein Vater dieser Unterstützung. Mit brennendem Schmerz senkte sich die überzeugung in seine Seele, dass der alte Vater die achtung des Sohnes nicht verdiene; das bleiche Bild der leidenden Mutter stand rührend vor den Augen seines Geistes, und er verstand jetzt den schmerzlichen Zug um den wehmütig-lächelnden Mund, und sein eigenes, von heftigem Leid beängstigtes Herz machte sich Luft durch den klagenden Ausruf: Ach, Du arme, Du unglückliche Mutter!

Der Graf hatte erwartet, sein Vetter würde ihm bald folgen, um das Nötige über das eingeleitete Geschäft zu verabreden; nachdem er aber lange vergeblich auf ihn gewartet hatte, kehrte er nach seinem Kabinet zurück und fand dort seinen jungen Verwandten in einem Zustande der Trostlosigkeit, der ihn erschreckte. Was ist geschehen, lieber Vetter? rief er ihm ängstlich zu; welch Unglück hat Ihre Familie betroffen? Der junge Graf sass an einem Tische, auf den er die Ellbogen gestützt hatte, um das Gesicht in die flachen hände zu versenken; er erhob sein bleiches Antlitz, als er angeredet wurde, und sagte mit zitternder stimme: Ich verliere alles Zutrauen zu mir selber, Alles, was mir heilig war, fängt an mir ein Irrtum zu erscheinen, und ich