dass er etwas von seiner Pflicht versäumte, doch allen seinen Handlungen der geistliche Charakter, möchte ich sagen, fehlte, und man auf der Kanzel, wie vor dem Altar immer den Geschäftsmann sah, der nun grade diess Geschäft abmachte, weil Zeit und Stunde es forderten. Er fühlte diess selbst und zwang sich oft, Ernst und Salbung in seine Haltung und Mienen zu bringen, die, weil sie im vollkommenen Widerspruche mit seinem übrigen Tun und Treiben standen, ihm einen Anstrich von Heuchelei gaben, die seiner Seele fremd war.
Diesem mann nun musste es höchst peinlich sein, dass der Graf seit einigen Monaten auf dem schloss lebte, ohne dass er erfahren konnte, wesshalb. Denn ihm schien es unnatürlich, dass ein Mann wie der Graf, der beinah funfzig Jahr alt war und seit zwanzig Jahren unumschränkter Besitzer eines grossen Vermögens, der sich in der ganzen Zeit wenig um seine Güter bekümmert, sondern immer abwechselnd in den grössten Städten Europas gelebt hatte, nun auf ein Mal, und zwar im Herbst, sich ohne Ursache auf eines seiner Schlösser zurückziehen sollte. Ebenso hatte er nur dunkle Nachrichten über die Art, wie die Verbindung zwischen dem Grafen und der Gräfin sich gebildet hatte, denn obgleich die Gräfin in Schlesien geboren war, so war sie doch im Auslande mit dem Grafen verheiratet worden, und er wusste nicht einmal recht, wo? Der Graf war der protestantischen Kirche zugetan, dagegen war die Gräfin katolisch, ja er hatte dunkel gehört, sie sei dazu bestimmt gewesen, sich dem Kloster zu weihen, und er hatte nie erfahren können, was ihren Entschluss konnte geändert haben.
Der einzige Bruder der Gräfin hatte grosse Besitzungen, die kaum zehn Meilen von dem jetzigen Wohnorte des Grafen entfernt waren, aber auch er war seit langer Zeit abwesend, und der Pfarrer wusste nicht einmal, wo er sich aufhielt. Der Graf und die Gräfin behandelten sich gegenseitig mit grosser achtung, aber mit einer gewissen Zurückhaltung, und es liess sich nicht bestimmen, ob sie glücklich oder unglücklich mit einander lebten. Selbst der alte Dübois war ihm eine rätselhafte person, und er konnte es nicht herausbringer, wesshalb er von dem Grafen und der Gräfin mit so viel Schonung, achtung und Aufmerksamkeit behandelt wurde.
Diese fragen, die er sich selbst oft vorgelegt hatte, ohne sie befriedigend beantworten zu können, glaubte er, würden ihm nun wenigstens zum teil aufgelöst werden. Denn da der Arzt mit dem Grafen gekommen war und, wie es schien, ihn schon eine Zeitlang auf seinen Reisen begleitet hatte, so glaubte er, dass dieser ihm über Vieles Aufschluss geben könnte.
Es war dem Pfarrer zu vergeben, dass er so falsche Hoffnungen auf den Arzt gründete, er hatte noch nicht gelegenheit gehabt, ihn näher kennen zu lernen, nur bei Kranken hatte er ihn einigemal angetroffen, die die ganze Aufmerksamkeit des Arztes in Anspruch nahmen, und es war zwischen ihm und dem Pfarrer von nichts die Rede gewesen, als von dem Zustande dieser Kranken. Er hatte also nicht bemerken können, dass der Arzt zu den unschuldigen Egoisten gehörte, die nur sich selbst beachten und nur ihre Wissenschaft verehren, für die also die übrigen Menschen nur in so weit bedeutend sind, als sie diese Wissenschaft an ihnen ausüben können. Darum war ein gefährlich Kranker für ihn von höchster Wichtigkeit, der seine ganze Teilnahme in Anspruch nahm, dem er alle seine Zeit, alle seine Gedanken widmen konnte, und für den er eine dankbare Liebe gewann, wenn er endlich, nachdem er sich pünklich allen Vorschriften unterworfen hatte, genas, und durch Leben und Gesundheit zeigte, dass die Wissenschaft über die Krankheit zu triumphiren vermag. Dagegen hatte er eine Art von Verachtung gegen Personen, die häufig leiden, ohne sich für eine bestimmte Krankheit zu entscheiden und sie nach den Regeln durchzumachen, deren reizbare Seele nachteilig auf den Körper wirkt, und die dann, wenn der Körper dem Uebel erliegt, das ihm die Seele zufügt, zum arzt ihre Zuflucht nehmen. Zu diesen Unglücklichen gehörte eigentlich die Gräfin, und es war dem Arzt jedesmal verdriesslich, wenn er zu ihr gerufen wurde. Gesunde konnten in der Regel nur in so fern darauf Anspruch machen, seine Teilnahme zu erregen, als er sie geeignet fand, mit ihnen über seine Wissenschaft oder über sein Leben zu reden. Denn so arm und eng sein Leben auch war, so höchst wichtig, bedeutend und lehrreich erschien es ihm; der kleinste Vorfall dünkte ihm eine wunderbare Begebenheit, die nicht verfehlen könnte, ein grosses Interesse zu erregen; seine Meinungen und Ansichten kamen ihm entscheidend vor, und er hatte keine Ahnung davon, dass er von der Welt und dem Leben gar nichts wusste, denn er hielt sich sonderbarer Weise mit allen diesen Eigenheiten für einen Weltmann.
Diese beiden nun sassen im Zimmer des Arztes, Jeder in einer Ecke des Sophas behaglich Taback rauchend, der Pfarrer mit dem bestimmten Plane, so viel als möglich vom arzt zu erfahren, und dieser im Nachdenken versunken, wie sein Kranker auf's Beste zu behandeln sei.
Sind Sie schon lange mit dem Herren Grafen auf Reisen? unterbrach endlich der Pfarrer das Stillschweigen.
Auf Reisen? erwiderte der Arzt; ich bin gar nicht mit ihm auf Reisen gewesen, ich liebe solide Studien, das kann man auf Reisen nicht haben. Ich war eine Zeitlang in Wien in des Grafen haus und bin dann mit ihm hieher gereist, wo ich mich gänzlich nieder zu lassen denke.